„Die Würde des Menschen als Geschöpf liegt allem zugrunde“

Ein „Tagespost“-Gespräch mit Pater Johannes Siebner SJ, Vorsitzender des Katholischen Internatsverbandes in Deutschland

Der Katholische Internatsverband vertritt deutschlandweit rund fünfzig katholische Internate und Tagesinternate. Mit Pater Johannes Siebner SJ, dem Vorsitzenden des Internatsverbands und Direktor des Kollegs St. Blasien, sprach Michael Stallknecht über die Vorteile von kirchlichen Internaten und den auch christlichen Auftrag des Verbands.

Wo sehen Sie die Stärken katholischer Internate gegenüber dem Besuch staatlicher Schulen?

Es ist mir zunächst wichtig zu betonen: Wo kirchliche Einrichtungen Schule und Internat betreiben, nehmen sie grundsätzlich einen öffentlichen Auftrag wahr. Aber wenn Bistümer, Orden und kirchliche Stiftungen Schulen und Internate betreiben, ist dies auch Teil ihrer kirchlichen Sendung. Sie stehen damit innerhalb einer großen, in Klöstern und Orden begründeten Tradition. Was wir heute als normal betrachten, ist im Grunde ja eine vollkommen moderne Erscheinung, seit mit Humboldt das preußische Bildungssystem über uns gekommen ist. Als der Staat sich dafür noch längst nicht zuständig fühlte, waren Klöster die Träger der Bildung. Hinzukommt ein praktischer Grund: Die Nachfrage ist einfach so groß. Die Hauptmotivation, ins Internat zu kommen, ist das organisierte Studium: Gerade Familien mit nur noch ein oder zwei Kindern können oft keine Struktur mehr bieten, in der regelmäßiges stilles Arbeiten und Lernen Platz findet. Das tägliche Ringen um Hausaufgaben und strukturierte Zeiten fällt im Internat aus, weil sowieso alle lernen und Schüler daher nicht den Eindruck bekommen, etwas zu „verpassen“. Es gibt hinsichtlich der Internate derzeit einen Image-Wechsel und damit einen kleinen Boom. Viele Familien sind auf der Flucht vor G8 und landen im Internat, weil sich daheim alles nur noch um die Schule dreht und für Freizeitaktivitäten kaum Platz bleibt. Schule wird in der Bildungsdebatte sehr in den Vordergrund gedrängt – wie ich finde zu unrecht. Eltern nehmen es als Bedrohung wahr, wenn sie sich von morgens bis abends nur um die Schule kümmern und sich andauernd fragen müssen, ob sie etwas falsch machen. Wenn Schule dann schon so mächtig ist, geben Familien ihr Kind lieber dahin, wo Schule noch in einen Alltag und eine organisierte Freizeit integriert ist. In Internate setzt man das Vertrauen, dass Schule so ernst genommen, dass sie einfach so gut gemacht wird, dass sie gerade deshalb keinen so breiten Raum mehr einnimmt. Schule wird im Moment zu wichtig genommen, nicht nur in der pädagogischen und politischen Debatte, sondern vor allem aus der Sicht der Kinder. Sie soll all das leisten, was Gesellschaft und Familien nicht mehr leisten – etwa in der „Werteerziehung“. Eine Internatsschule bietet im Rückzug ein Milieu, in das auch das über die Schule hinaus Wichtige integriert werden kann. Das Internat ermöglicht vieles, was im normalen Schulalltag nicht mehr möglich ist.

Welchen Platz findet das Religiöse im Alltag katholischer Internate?

Das eine Moment ist das spezifisch oder ausdrücklich religiöse: eine geistlich-spirituelle Prägung des Schulalltags, die nicht als Sahnehäubchen obenauf sitzen, sondern den gesamten Schulalltag durchwirken will. Zu nennen sind das tägliche Morgengebet, Exerzitien für Schüler, Besinnungstage und Sozialpraktika, die Gestaltung von Advent und Fastenzeit. Der Klassiker sind in fast allen Bistümern die „Tage der religiösen Orientierung“. Das regelmäßige Zentrum ist die Eucharistie: Der Sonntagsgottesdienst ist für alle Internatsschüler verpflichtend. In manchen Internaten gibt es auch eine verpflichtende Heilige Messe innerhalb der Woche. Wir versuchen, vor allem die kirchlichen Feste als geprägte Zeiten zu gestalten, die den Schulalltag unterbrechen und durchwirken. Das zweite Moment ist noch anspruchsvoller, aber sehr wichtig: Ich bin der festen Überzeugung, dass es den Unterricht verändert, wenn ein christliches Menschenbild zugrunde gelegt wird, wenn die Würde des Menschen als Geschöpf so wesentlich ist, dass sie in allem, was unterrichtet wird, reflektiert werden muss.

Welche Interessen der Internate und Tagesinternate bündelt der Katholische Internatsverband?

Er versucht vor allem auch innerkirchlich Interesse und Verständnis für die Internatsausbildung zu wecken und zu erhalten. Das ist in den Bistümern nicht immer sehr ausgeprägt, obwohl zahlreiche Mitglieder der Bischofskonferenz selbst Internatsschüler waren. Katholische Schulen stehen klar im Fokus, während das Internat teilweise noch immer den Makel hat, gegen die Familie zu stehen. Aber selbst das beste Internat kann Familie nicht ersetzen – allenfalls im Einzelfall, wo wir in einer Notsituation helfen. Die Regel ist, dass wir Familie ergänzen. Im gleichen Atemzug gilt aber auch: Selbst die intakteste und lebendigste Familie kann nicht bieten, was ein Internat bietet. Internat kann mehr. Die Chance bei uns sind die Strukturen, die wir für das Lernen bieten, und unser vielfaches Angebot im musisch-kreativen Bereich. Wir bieten das Erlebnis der Gemeinschaft, die sogenannte „Peer Education“: dass Kinder und Jugendliche sich altersgemäß gegenseitig miterziehen.

Nehmen die Internate des Katholischen Internatsverbands auch Schüler anderer Glaubensrichtungen auf?

In manchen Internaten ist das aus juristischen Gründen nicht möglich, weil bestimmte Kirchensteuermittel gebunden sind. In der Regel aber steht man zumindest anderen christlichen Konfessionen offen gegenüber, und in einigen Internaten gibt es sogar einzelne nichtgetaufte Kinder und Jugendliche. Sie müssen dann allerdings wissen, worauf sie sich einlassen. Die Prägung als Katholische Einrichtung ist etwa hier im Kolleg St. Blasien so klar, dass Nicht-Getaufte und Getaufte anderer Konfessionen gar nicht anders können, als sich einzupendeln, einzuschwingen auf die Atmosphäre des Hauses, die konfessionell absolut eindeutig ist. An den Schulen, die ja in der Regel Standortschulen sind, muss es notwendigerweise eine Offenheit für andere Religionen geben. Auch in Internaten finden sich vereinzelt muslimische Schüler, die sich aber in alle unsere Abläufe integrieren müssen: Auch sie nehmen verpflichtend am katholischen Religionsunterricht, am Morgengebet und dem Sonntagsgottesdienst teil.

Sie sprechen von einem „kleinen Boom“ für katholische Internate. Wie wird der finanzielle Mehraufwand erbracht?

Mit der Re-Finanzierung der Privatschulen die in allen Bundesländern unterschiedlich geregelt ist, kann ein Internat nicht betrieben werden – diese Mittel gehen ausschließlich in die Schule. Außer in Bayern gibt es in keinem Bundesland öffentliche Gelder für Internatserziehung in privater Trägerschaft. Den Hauptteil der Einnahmen bilden die Internatsgebühren, die von den Familien erbracht werden. Dabei sind kirchliche Internate oft sehr viel preisgünstiger als nicht-kirchliche, weil die Orden oder – in deren Tradition – die Bistümer einen Teil der Kosten abdecken. Der durchschnittliche monatliche Preis liegt pro Kind bei etwa 500 Euro bis zu 1 200 Euro für Ganzjahres-Internate. Dagegen kosten Landerziehungsheime locker bis zu 2 700 Euro im Monat. Wirtschaftlich gesprochen sind Mönche ja billige Arbeitskräfte, die nicht nur ihr Leben und ihr Engagement, sondern auch einen großen Teil ihrer Gehälter wieder in die Institution investieren. Was die Orden leisten, ist, modern gesprochen, „bürgerschaftliches Engagement“ in einer Zivilgesellschaft, also exakt das, wovon alle Bundespräsidenten regelmäßig sprechen. Auch wo Bistümer Träger sind, leisten diese einen nicht unerheblichen Anteil, damit Internate für Familien bezahlbar bleiben – weshalb sich manche Bistümer derzeit fragen, ob sie sich die sehr aufwändige Internatserziehung noch leisten wollen.

In einigen Bundesländern besteht der Plan, die Grundschule bis zur siebten Klasse auszudehnen. Was halten Sie davon, gerade auch hinsichtlich des Fachs Latein?

Als Träger einer Schule, bei der der Lateinunterricht in der fünften Klasse beginnt, kann ich zwar das Anliegen der Gemeinschaftsschule hinsichtlich der Bildungsgerechtigkeit anerkennen: den richtigen Zeitpunkt für eine Differenzierung der Schüler zu finden. Aber auch die späte Differenzierung ist eine Gerechtigkeitsfrage: Wir sehen im sogenannten grundständigen Gymnasium mit frühem Beginn des Sprachunterrichts die angemessenere Förderung für Kinder mit der entsprechenden Begabung. Der Glaubenskrieg um Latein als erste Fremdsprache gegen Englisch ist zum Glück erledigt: Englisch muss sinnvollerweise die erste Fremdsprache für unsere Kinder und Jugendlichen sein. Aber seit die Schüler Englisch schon aus der Grundschule mitbringen und man sich aus dieser Diskussion in fast allen Ländern zurückgezogen hat, haben wir ein deutlich erneuertes Interesse an Latein. Wo man es nicht immerzu verteidigen muss, wird plötzlich ein entspannterer Blick auf Latein möglich. Der Bedarf wächst.