Beten, Bildung und Barock

Zisterzienserkloster, barocke Stiftsbasilika und ein großes kirchlich-kulturelles Angebot: In Waldsassen, der nördlichsten Stadt der Oberpfalz, können spirituell Interessierte Erholung für Leib und Seele finden Von Barbara Stühlmeyer

Klosterbibliothek Waldsassen
Zu den großartigsten Barockräumen Deutschlands zählt die 1726 im Übergangsstil vom Hochbarock zum Rokoko vollendete Klosterbibliothek mit mehr als 2 000 Bänden mit theologischen Schriften. Foto: dpa
Klosterbibliothek Waldsassen
Zu den großartigsten Barockräumen Deutschlands zählt die 1726 im Übergangsstil vom Hochbarock zum Rokoko vollendete Klos... Foto: dpa

Wer, im trüben Grau des Alltags gefangen, das dringende Bedürfnis verspürt, mal wieder so richtig durchzuatmen und die sprichwörtlichen Akkus von Leib und Seele aufzuladen, muss dafür nicht in die Ferne schweifen. Die genau richtige Mischung für Körper, Geist und Seele bietet beispielsweise der kleine, im Tal der Wondreb gelegene Ort Waldsassen, die nördlichste Stadt der Oberpfalz.

Die Verbindung mit den eigenen Wurzeln, genauer gesagt denen des Glaubens, wiederzufinden ist etwas, das man hier ganz buchstäblich tun kann. Denn der Ort geht auf eine Klostergründung zurück. Angestoßen hatte sie noch vor dem Jahr 1133 Markgraf Diepold III. von Vohburg-Cham, der zu diesem Zweck Mönche aus Volkenroda in Thüringen holte, um die bereits bestehende Eremitenkommunität zu einem Zisterzienserkonvent auszubauen. Graf Diepold setzte damit auf die damals topaktuelle spirituelle Erneuerungsbewegung der Mönche rund um Bernhard von Clairvaux, die ihrerseits zu den Wurzeln, genauer gesagt zu den Ursprüngen der Benediktsregel zurückgehen wollten. Zisterzienserabteien entstanden im 12. Jahrhundert abseits des städtischen Getümmels und jenseits der großen Verkehrswege. War Hildegard von Bingen mit ihrer Gründung Kloster Rupertsberg bewusst an den Rhein gegangen, um – zwischen Köln und Mainz gelegen – im Zentrum des geistlichen und politischen Geschehens zu sein, wählten die Zisterzienser möglichst abgelegene Täler. Waldsassen, der kleine Ort mit seinen 21 noch beschaulicheren Stadtteilen, hat noch heute ein Flair der Zurückgezogenheit, der inneren und äußeren Ruhe.

Zugleich aber ist die Stadt in der Oberpfalz auch ein bedeutender ländlicher Kulturort. Denn in der barocken Stiftsbasilika finden nicht nur jährlich Musikseminare wie die Internationale Orgelakademie und die Internationale Singwoche statt, Regionalkantor Andreas Sagstetter leitet eine eigene Konzertreihe und auch renommierte Orchester wie die Bamberger Sinfoniker sind in Deutschlands größter Kirchen- und Klostergruft mit ihrem umfangreichen barocken Reliquienschatz – dem größten nördlich der Alpen – zu hören.

Die Stiftsbasilika und heutige Pfarrkirche wurde von 1685 bis 1705 erbaut. Sie allein ist eine Reise wert, wirkten doch bedeutende Baumeister des Barock wie Georg Dientzenhofer und Abraham Leuthner an der Errichtung dieser Pfeilerbasilika mit. Den Blick zum Himmel zu erheben lohnt sich in dem 82 Meter langen, opulent ausgestatteten Kirchenraum auch deshalb, weil die Deckenfresken im Chor Szenen aus der Gründungsgeschichte des Klosters zeigen. Mit der Innenraumgestaltung setzten die Mönche seinerzeit ein typisch barockes Statement. Denn sie integrierten zehn Ganzkörperreliquien unbekannter Heiliger aus der Zeit des frühen Christentums in die Seitenaltäre, die zuvor in den römischen Katakomben bestattet worden waren. Die aufwändige Gestaltung der Reliquien mit kostbaren, reich verzierten Gewändern stammt von Adalbert Eder, einem Zisterziensermönch, der als Laienbruder in Waldsassen lebte und 58 Jahre seines Lebens dieser Aufgabe widmete. Die Konfrontation mit dem Tod, der man bei der Besichtigung der Stiftsbasilika nicht entgehen kann, ist eines der Werkzeuge der geistlichen Kunst aus der Regel Benedikts von Nursia. Sie wirkt orientierend und hilft dabei, in einer Zeit des Auftankens die Prioritäten neu zu setzen.

Das Kloster Waldsassen ist heute eine Abtei des weiblichen Ordenszweiges, der Zisterzienserinnen. Die ersten Schwestern kamen am 18. Dezember 1863 auf Einladung der Stadt und des Bistums Regensburg in das im Zuge der Säkularisation 1803 aufgelöste Männerkloster und erhielten 1925 wieder den Status einer selbstständigen Abtei. In deren Gästehaus St. Joseph kann man nicht nur besinnliche Tage verbringen, es steht auch für Tagungen und Fortbildungsveranstaltungen zur Verfügung. Die Schwestern sind inzwischen auch für die Stiftsbibliothek verantwortlich. Sie zu besichtigen ist ein Muss für alle Freunde des geschriebenen Wortes, zählt sie doch zu den kunsthistorisch wichtigsten Bibliotheken Süddeutschlands. Ihre Geschichte geht bis ins Jahr 1433 zurück, in dem Abt Johannes VI. Wendel die erste Bibliothek errichten ließ. Ihre heute zu besichtigende Gestalt erhielt sie jedoch in der Barockzeit zwischen 1724 und 1726. Neben dem bemerkenswerten Bücherbestand bewundern die mehr als 100 000 Besucher, die jedes Jahr die Bibliothek erkunden, auch die zehn lebensgroßen Holzfiguren, die die verschiedenen Facetten des Hochmuts wie Dummheit, Spottlust, Heuchelei und Ignoranz verkörpern. Die Liebe der Mönche zur antiken Literatur wird an den geschnitzten Porträtbüsten von Sophokles, Plato, Nero und Sokrates erkennbar. Was den Blick aber am meisten anzieht und am besten zu einem Zisterzienserkloster passt, sind die vier großen Fresken mit Szenen aus dem Leben des heiligen Bernhard von Clairvaux.

Nach dem Besuch von Stiftskirche und Klosterbibliothek lohnt sich bei gutem Wetter ein Ausflug in den Erlebnisgarten, der in dem neuen Kombiticket, das man in der Stadt unter dem schönen Namen Waldsassener Dreiklang erwerben kann, ebenfalls enthalten ist. Neben der Besichtigung auf eigene Faust sind auch geführte Spuren durch den Erlebnisgarten Teil des Programms und an jedem ersten Sonntag des Monats findet ein Gang durch den Kneippgarten statt.

Ein Besuch im Stiftslandmuseum ist nicht nur bei trübem Wetter ein Lichtblick. Denn hier kann man anhand zahlreicher Exponate – auch aus dem Alltagleben – ein Gefühl für die Lebenswelt vergangener Generationen bekommen. Kulturelle Interessen zu pflegen fällt in Waldsassen ohnehin leicht, liegt die kleine Stadt doch an der Europäischen Goethestraße. Nicht ohne Grund, denn Waldsassen hatte gleich mehrmals die Ehre, persönlich vom Dichterfürsten besucht zu werden. Wer über Waldsassen hinaus auch das Umland erkunden möchte, sollte einen Besuch in der tschechischen Stadt Cheb (Eger) einplanen, die nur zehn Kilometer entfernt, über den Grenzübergang Heiligenkreuz erreichbar, liegt.

Ein Muss für Architekturfans ist die ebenfalls nahegelegene, der Heiligen Dreifaltigkeit geweihte Kappel, deren Name sich vom Wort Kapelle ableitet und die göttliche Dreifaltigkeit in ihrer architektonischen Form leibhaft erfahrbar macht. Denn die Zahl Drei bildet das Grundmotiv aller Bauteile, seien es die drei Türme, die drei Dachreiter oder die drei Konchen mit den ebenfalls drei Altären, die sich um ein gedachtes gleichseitiges Dreieck legen. Die erste Kirche, ein Vorgängerbau der heutigen Kappel, entstand bereits im 12. Jahrhundert, um dort einem Dreifaltigkeitsbild Raum zu geben. Kein Zufall, denn die Dreifaltigkeit war eines der großen theologischen und spirituellen Themen dieses Jahrhunderts.

Für spirituell Interessierte hat der Raum rund um Waldsassen eine Menge zu bieten, denn auch Konnersreuth, jener Ort, in dem die stigmatisierte Visionärin Therese lebte, ist nur zehn Autominuten entfernt. Dasselbe gilt für Kloster Tirschenreuth, 17 Autominuten weit, in dem an jedem 13. Tag des Monats der Fatimatag feierlich begangen wird.