Belfast punktet mit der „Titanic“

Der Mythos des vor 100 Jahren untergegangenen Schiffes lässt ein neues Stadtviertel entstehen. Von Werner Häussner

Zwei gelbe Brücken überragen den Fluss. Von nahezu jeder Stelle des Ufers sind die riesigen Kräne zu sehen. „Samson“ und „Goliath“ heißen sie im Volksmund; auf ihren Querträgern prangen die Buchstaben „H & W“. Sie stehen für „Harland & Wolff“, einst die größte Werft der Welt. Heute, so scherzen die Belfaster Fremdenführerinnen, stehen sie für „Hello & Welcome“.

Die nordirische Metropole, jahrzehntelang vor allem wegen des Bürgerkriegs in den Schlagzeilen, bemüht sich um ein neues Image. Jetzt, nach dem Ende des Terrors, will man Besucher gewinnen. „Schreiben Sie gut über uns“, sagt die Dame an der Kasse des „Folk & Transport Museums“. Den Belfastern steckt ihre Geschichte in den Knochen – und das Trauma, der Name ihrer Stadt könne noch auf zu lange Zeit mit den „Troubles“ verbunden bleiben.

Wer Belfast von früher kennt, wird den Unterschied sofort spüren: Die Straßen sind voller Menschen, die schlendern, schauen, shoppen. Die Polizei ist kaum sichtbar. Am Freitagabend sind die Pubs rund um „Commercial Court“ voll. In dem Gässchen im „Cathedral Quarter“ nahe der anglikanischen Hauptkirche St. Anne's stehen junge Leute zusammen, trinken ein Glas Bier und reden. Wer die beklemmende Leere und die blinden Schaufenster von früher kennt, kann den Unterschied ermessen. Belfast ist eine Stadt, in der man sich so unbeschwert wie in anderen Großstädten bewegt.

Um Gäste anzulocken, ist den Belfastern ein trauriges Ereignis der Geschichte zu Hilfe gekommen. Vor 100 Jahren sank der Luxusliner „Titanic“, das bis dahin größte von Menschenhand gebaute bewegliche Objekt. Das Schiff ist mit keinem anderem Ort der Welt so eng verbunden: Auf Belfasts Werft „Harland & Wolff“ wurde es gebaut. 15 000 irische Arbeiter trieben drei Millionen Nieten in die stählernen Aufbauten, Kunsthandwerker schufen die kostbare Innenausstattung, Spezialisten installierten jedes Detail vom Kesselventil bis zum Warmwasserhahn in der Ersten Klasse.

Heute erinnert sich Belfast mit wiedergewonnenem Stolz seiner bedeutenden industriellen Vergangenheit – die eng mit dem Bau der „Titanic“ verbunden ist. In der Erlebniswelt im Ende März eröffneten „Titanic Building“, eines 97 Millionen Pfund (120 Mio. Euro) teuren Baus, lassen Fotos, Schrifttafeln, Filme und Simulationen die Welt von damals vor das staunende Auge des Betrachters treten. Modernste Technik macht den Spaziergang durch ein virtuelles Werftgelände oder das „hautnahe“ Erleben der eisigen Atlantik-Kälte in der Nacht des Untergangs möglich. Die neun Galerien im Inneren des Baus sind kein Museum, stellen auch keine aus dem Meer geholten Artefakte aus, wie etwa die durch Deutschland tourenden Titanic-Ausstellungen in den neunziger Jahren.

Hier wird das Schiff eingebettet in die Geschichte der Industriestadt Belfast, einer Aufzählung von Superlativen: die größte Leinenindustrie der Welt, die weltweit bedeutendste Herstellung von Schiffstauen, und natürlich der Schiffsbau. Harland & Wolff war 1912 die größte Werft der Welt und als einzige dank modernster Technik und effizienter Organisation in der Lage, Ozeanriesen wie eine „Titanic“ und ihre Schwesterschiffe „Olympic“ und „Britannic“ zu bauen.

Man erfährt auch, dass nur 24 Prozent der Arbeiter auf der Weft katholisch waren und ihnen die besseren Arbeitsplätze verschlossen waren. Dass die Kost der Arbeiter oft nur aus Tee und Brot bestand. Aber auch, dass die „Titanic“ 8 000 Zigarren, 11 Kisten mit Orchideen und 437 Gallonen Eiscreme an Bord nahm. Eine Datenbank teilt mit, dass unter den 38 Nationalitäten an Bord acht Deutsche waren, darunter der Benediktinerpater Joseph Peruschitz aus Scheyern, dessen Beruf fälschlich mit „Chauffeur“ angegeben wird.

Den Höhepunkt durch den virtuellen Schicksalsweg der „Titanic“ markiert das Filmtheater, in dem in riesigem Format Filmaufnahmen von Robert Ballard, dem Entdecker des Titanic-Wracks gezeigt werden. Es sind Ehrfurcht gebietende Bilder, die selbst abgebrühte Betrachter nicht unbeteiligt lassen. Ballard selbst bekannte bei einer Pressekonferenz, trotz seines professionellen Zugangs als Ozeanograph und Ingenieur sei es ihm nicht gelungen, emotionale Distanz zu wahren, als er zwei Paar Schuhe auf dem Meeresboden fand, die noch so lagen, wie sie vor 100 Jahren die untergegangenen Toten trugen. Es waren die Schuhe einer Frau, die ein kleines Mädchen in ihren Armen barg. Die Leichen waren längst verschwunden, die Schuhe, von den Meerestieren als Futter verschmäht, blieben übrig. Solche Bilder sind Momentaufnahmen, die ein Gefühl für das erschütternde Ausmaß der Tragödie hervorrufen.

Auf diese emotionale Berührung setzen die behutsam gestalteten, nicht ins Kitschige abgleitenden Erlebnisräume. Ballard hat für das Grab in der Tiefsee, das seit 15. April unter dem Schutz der Unesco steht, visionäre Pläne: Er will ein Museum in der Tiefsee installieren. Modernste Technik, Kameras und Tauchroboter sollen das Wrack der „Titanic“ für jedermann beobachtbar machen, ohne dass die 50 000–Dollar-Reise im Tauchboot nötig ist. So soll jeder via Internet 2.0 seine Erlebnistour durch die einsamen, unheimliche Räume des untergegangenen Schiffes unternehmen können. Damit das Wrack nicht von den eisenfressenden Bakterien in der Tiefsee zersetzt wird, schlägt Ballard vor, es zu reinigen und mit einem Korrosionsschutz zu versehen.

In Belfast setzen die Tourismus-Manager ihre Hoffnung auf den Mythos der „Titanic“. Rund 40 000 Tickets sind für die Titanic-Erlebniswelt bereits verkauft, 400 000 sollen es nach offiziellen Angaben werden. Aber in den Gangways zwischen der an eine alte Industriearchitektur erinnernden Halle und dem eleganten Salon mit dem Nachbau der berühmten Freitreppe aus der Ersten Klasse des Ozeanliners wird schon von einer Million Besuchern im Jahr geträumt. Und von einer Wirkung, wie sie das Guggenheim Museum für die nordspanische Ex-Industriemetropole Bilbao hatte: Weg vom Aschenputtel-Image hin zu einer hippen Destination für junge, erlebnishungrige Menschen.

Wichtiger noch für die Stadtentwicklung ist das Sieben-Milliarden-Projekt, das sich rund um das Titanic-Building und die historischen Bauten der Harland & Wolff Werft erstreckt: Für 28 000 Menschen soll in den nächsten fünfzehn Jahren ein neues Wohn- und Arbeitsgebiet entstehen – und eine „Waterfront“, die beispielhaft für Europa werden soll, glaubt man den Hymnen, die das Architekturbüro CivicArts in London jetzt schon singt.

Wenn das Projekt, ein ähnlich gigantisches Unternehmen wie einst die „Titanic“, nicht in der Mittelmäßigkeit von Investoren-Gier und Politik-Provinzialität untergeht, könnte es tatsächlich Menschen aus der ganzen Welt als Besuchermagnet anziehen: als ein Beispiel für urbanes Leben des 21. Jahrhunderts. Die beiden von Krupp gebauten gelben Kräne aus den sechziger Jahren werden ein Teil dieser neuen City: Die Belfaster lieben sie so, dass sie den Abriss der Riesen vor einigen Jahren verhinderten.