Anders sehen

Die Blindeninstitutsstiftung betreut blinde und sehbehinderte Menschen ein Leben lang – Ein Porträt. Von Maximilian Lutz

Die Blindeninstitutsstiftung engagiert sich dafür, dass Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit entsprechend ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten selbstbestimmt leben können. Foto: Blindeninstitutsstiftung
Die Blindeninstitutsstiftung engagiert sich dafür, dass Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit entsprechend ihren Bed... Foto: Blindeninstitutsstiftung

Jeder Mensch ist einzigartig und hat ein Recht auf Selbstbestimmung, Teilhabe, Respekt, Würde, Heimat und Bildung.“ So lautet der erste Satz aus dem Leitbild der Blindeninstitutsstiftung. Mit ihrem Sitz in der unterfränkischen Bezirkshauptstadt Würzburg sowie sechs weiteren Standorten in Bayern und Thüringen ist die Stiftung eine der größten Einrichtungen ihrer Art in ganz Europa.

Die rund 2 000 Mitarbeiter haben es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit durch das Leben zu begleiten und ihnen den Alltag so einfach und angenehm wie möglich zu machen. Die Betreuung und Förderung findet dabei von Geburt an bis ins fortgeschrittene Alter statt. „Sobald bei einem Kind eine Auffälligkeit des Sehens oder eine Sehbehinderung festgestellt wird, bieten wir eine mobile Frühförderung an all unseren Standorten an, um spezifische Förderungsmethoden anwenden zu können“, erklärt Johannes Spielmann, Vorstand der Blindeninstitutsstiftung.

Dem schließt sich für Kinder ab drei Jahren der Besuch einer schulvorbereitenden Einrichtung an – ähnlich einem Kindergarten –, in der sie auf den späteren Schulbesuch vorbereitet werden. Es war ein zentrales Anliegen des Gründers, Moritz Graf zu Bentheim-Tecklenburg, auch blinden und sehbehinderten Kindern den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Daher gründete er im Jahr 1853 die Blindeninstitutsstiftung in Würzburg.

An allen Standorten sind die Schulen ein zentraler Bereich. „Uns geht es darum, Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit die spezifischen Hilfen zu bieten, die sie brauchen, um etwa Lesen, Schreiben oder Rechnen zu lernen“, so Spielmann. Dazu zählten zum Beispiel Vergrößerungen, Dreidimensionalität oder gute Lichtverhältnisse. Doch man müsse beachten, dass sich der Begriff „Bildung“ im Blindeninstitut ganz unterschiedlich definieren lasse. Denn viele Menschen seien nicht nur in ihrem Sehvermögen eingeschränkt, sondern hätten eine Mehrfachbehinderung. „Mehr als 60 Prozent der Menschen, die wir begleiten, verfügen über keine verbale Sprache. Da müssen wir auf alternative Kommunikationsmöglichkeiten zurückgreifen.“ In solchen Fällen könne Bildung auch einfach bedeuten, dass die Betroffenen erlernen, sich selbst auszudrücken, obwohl sie sich nicht verbal artikulieren können.

Über die schulischen Leistungen hinaus gibt es ergänzend das Angebot, eine heilpädagogische Tagesstätte zu besuchen oder Wohnungen auf dem Gelände der Institution zu beziehen und dort auch betreut zu werden. Durch zusätzliche therapeutische Angebote wie Physiotherapie, Logopädie oder psychologische Hilfen werden die Menschen bei ihrer Entwicklung unterstützt – und das nicht nur im schulpflichtigen Alter: „Bei Jugendlichen und Erwachsenen stellt sich schließlich die Frage nach einer Perspektive für ihr zukünftiges Leben“, meint Spielmann. Diese Perspektive wolle man den Menschen am Blindeninstitut bieten.

Mittels einer Berufsschulstufe wird bereits Gelerntes gefestigt und auf das Leben nach der Schule vorbereitet. Grundsätzlich bietet die Blindeninstitutsstiftung hier zwei Möglichkeiten: Zum einen können die blinden und sehbehinderten Menschen in einer Spezialwerkstatt verschiedenen beruflichen Tätigkeiten hauptsächlich handwerklicher Natur nachgehen. Dazu zählen etwa Holz-, Metall- oder Verpackungsarbeiten. Dadurch sorgt die Einrichtung dafür, dass auch Menschen mit erheblichen Beeinträchtigungen des Sehvermögens und weiteren Behinderungen am Berufsleben teilhaben können. Ein prominentes Beispiel: Wartungssets für Dialysegeräte des Pharma-Unternehmens Fresenius werden von Mitarbeitern der Werkstatt eigenhändig verpackt. Doch auch der Elektro-Riese Bosch hat bereits Aufträge an die Blindeninstitutsstiftung vergeben.

Für Spielmann, der bereits seit 25 Jahren in den Diensten der Stiftung steht, sei es besonders zufriedenstellend, den Entwicklungsprozess zu beobachten, den betreute Menschen über Jahre hinweg durchlaufen. „Es ist sehr sinnerfüllend, wenn man merkt, dass Menschen, die man bereits seit dem Kindesalter kennt, als Erwachsene ein Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl entwickelt haben, ihr Leben so weit es geht selbst gestalten und Spaß daran haben.“

Allerdings gibt es auch Menschen, die so intensiv behindert sind, dass sie auf ein hohes Maß an begleitender, pflegerischer und ganzheitlicher Unterstützung angewiesen und nicht in der Lage sind, in der Werkstatt zu arbeiten. Diese erfahren, so Spielmann, in sogenannten „Förderstätten“ ein zweites Lebensmilieu, in dem ihre individuellen Fähigkeiten entsprechend gezielt gefördert werden.

Für den Vorstand der Blindeninstitutsstiftung ist klar: Die Arbeit mit blinden, seh- und teils mehrfach behinderten Menschen ist keine leichte Aufgabe, die einerseits voraussetzt, dass die Mitarbeiter hohe fachliche Qualifikationen mitbringen. Andererseits müsse man jedoch auch eine Bereitschaft an den Tag legen, sich auf die Menschen mit ihren besonderen Bedürfnissen einzulassen. Da die Art der Hilfe und Betreuung abhängig von der körperlichen und geistigen Beeinträchtigung sehr individuell gestaltet werden muss, ist ein hoher Personalaufwand erforderlich. „Wir haben noch nicht nachgezählt, aber bei uns dürften mindestens 40 verschiedene Berufsgruppen tätig sein“, sagt Spielmann und listet einige Beispiele auf: Heilerziehungspfleger, Sozialpädagogen, Psychologen, Ergotherapeuten, Logopäden, aber auch Handwerker und Reinigungskräfte. Dabei ist von allen Mitarbeitern oftmals auch eine gewisse Kreativität gefordert, um den individuellen Bedürfnissen der rund 2 400 Menschen, die die Blindeninstitutsstiftung betreut, gerecht zu werden.

Kreativ zeigte sich auch der Gründer, Graf zu Bentheim-Tecklenburg, als es darum ging, die finanziellen Mittel zur Realisierung seines Vorhabens aufzutreiben. Da er selbst zur Zeit der Gründung nicht besonders wohlhabend war, verfasste er einen Gedichtband und bat damit um eine „freundliche Gabe zum Besten eines zu begründenden Kreis-Blindeninstituts“. Mit dem Erlös aus dem Verkauf legte er dann den finanziellen Grundstock für die Gründung.

Heute finanziert sich die Stiftung auf konventionelleren Wegen. „Die Arbeit, die wir verrichten, erfolgt nach dem Subsidiaritätsprinzip“, erklärt Spielmann. „Unsere Schulen werden durch die Kultusministerien refinanziert, der Bereich Wohnen, Frühförderung und Tagesstätte durch die Sozial- und Eingliederungshilfe.“ Ein dritter Kostenträger seien die Krankenkassen, die etwa Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie finanzierten.

Doch auch die Unterstützung von Privatpersonen spielt eine große Rolle. Zum einen, indem sie als Ehrenamtliche oder Paten ihre Zeit opfern und die Kinder bei Freizeitaktivitäten wie etwa therapeutischem Reiten begleiten. Zum anderen, indem sie mit finanziellen Zuwendungen dafür sorgen, dass gewisse Projekte überhaupt erst realisiert werden können. Ein modernes Beispiel: „Unsere Kinder lernen und kommunizieren auch über iPads – doch für die offiziellen Kostenträger ist es noch nicht so richtig nachvollziehbar, dass diese für das schulische Lernen eingesetzt werden können.“ Hier sei man auf private Unterstützer angewiesen. Darüber hinaus müssten auch beim Bau von neuen Immobilien, um Wohnungen für die blinden und sehbehinderten Menschen bereitzustellen, viele Eigenmittel erbracht werden.

Gerade im Bereich des Wohnungsbaus, erklärt Spielmann, stünden in nächster Zeit große Projekte an, die finanziell viel verlangten. Im September sei die letzte verfügbare Wohngruppe bezogen worden; nun wolle man neue Grundstücke erwerben. Und er wird konkret: „In Aschaffenburg planen wir gerade unser Förderzentrum ,Sehen am Untermain? mit Außenstelle unserer Schule, ebenso wie mit Tagesstätte und Frühförderung.“ Dort soll auch ein großes Außen- und Spielgelände entstehen, wo die blinden und sehbehinderten Kinder auch mit Kindern aus der Nachbarschaft in Kontakt kommen können.

An der Suche nach den geeigneten Grundstücken waren auch Mitglieder aus dem „Werkstattrat“ beteiligt. So konnten die Betroffenen selbst beurteilen, ob sie ein Grundstück für geeignet erachteten. „Wir hören noch viel mehr als früher auf den Menschen mit Behinderung“, meint Spielmann. „Wir entscheiden nicht mit guter Absicht für ihn, sondern nehmen ihn und seine Wünsche für das Leben sehr ernst.“