Blindenmarkt

Lingener „Weltenwende“

2019 beschlossen die Bischöfe in Lingen den Synodalen Weg. Der Moraltheologe Schockenhoff rüttelte bereits zum Auftakt an der traditionellen Sexualmoral. Eine Erwiderung aus klassisch-katholischer Perspektive.

Studientag in Lingen
Studientag der Bischofskonferenz in Lingen: Damals wurde der Synodale Weg beschlossen. Gottesdienst mit Bischöfen und anderen Teilnehmern im März 2019. Foto: Harald Oppitz (KNA)

Die katholische Sexualmoral leidet seit Jahrzehnten unter Imageproblemen: Weltfremd, verklemmt, realitätsfern sei sie. Meint man. Und Frau. Auch in der Kirche. Eine grundsätzliche „Kurskorrektur der Sexualethik“ forderte der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff im Frühjahr 2019 in Lingen anlässlich eines Studientages der deutschen Bischöfe (Lingener Vortrag, S. 6, kurz L6). Nur so könne man nach der Missbrauchskrise verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. Schockenhoff erhielt viel Zustimmung; er habe „Anachronismen, Widersprüche und lebensfremde Aspekte in der kirchlichen Sexualmoral“ aufgedeckt (Pressebericht DBK). Inzwischen hat das vierte Forum des Synodalen Wegs in einem Arbeitspapier, das ausdrücklich „auf der Grundlage des Vortrags von Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff“ entstand, dessen Positionen als Mehrheitsmeinung übernommen. Grund genug für einen Blick auf seine Thesen.
Nach Schockenhoff herrscht in der Kirche seit Augustinus eine „negative Bewertung der sexuellen Lust“ (L3). Dieses Erbe wirke bis heute fort in der lehramtlichen Ablehnung von Selbstbefriedigung, künstlicher Verhütung und Homosexualität. Auch die Theologie des Leibes von Johannes Paul II. überwinde diese pessimistische Perspektive nicht. Erst „Amoris laetitia“ von Papst Franziskus würdige „wie kein lehramtliches Dokument zuvor die erotische Dimension der Liebe“ (L4). Diese positive Sicht gelte es fortzusetzen.

Beziehungsethik versus Aktmoral

Die Theologie könne dabei auf die Ergebnisse der modernen Sexualwissenschaften zurückgreifen. Dort unterscheidet man vier Sinndimensionen von Sexualität: (a) Lustfunktion: Sexualität spendet Befriedigung, (b) Beziehungsfunktion: Sie stärkt Partnerbindung, (c) Identitätsfunktion: Das Sich-begehrt-Wissen steigert das Selbstwertgefühl, (d) Fortpflanzungsfunktion: Sexualität ist auf Zeugung ausgerichtet. Schockenhoff formuliert nun als Grundregel, dass „eine verantwortliche Gestaltung menschlicher Sexualität zwar die Integration aller Sinnwerte in das eigene Sexualverhalten fordert, einzelne sexuelle Handlungen aber auch dann bejahenswürdig bleiben, wenn sie nicht alle Faktoren zugleich realisieren.“ (L6) Wohlgemerkt, der Kirche war stets klar, dass nicht jeder Sexualakt alle vier Dimensionen verwirklicht; nicht immer wird ein Kind gezeugt. Doch eine sexuelle Handlung darf nicht ihren eigenen Sinngehalten, zum Beispiel Fruchtbarkeit, widersprechen. Geschlechtlich verkehren und gleichzeitig Fortpflanzung verunmöglichen gilt als moralisch verwerflich. Bisher.

Hier setzt Schockenhoff an: Wenn eine Beziehung für Kinder grundsätzlich offen sei, etwa in Form eines zukünftigen Kinderwunsches, sei Fortpflanzung ausreichend bejaht. Wer dann künstlich verhüte, bejahe Fruchtbarkeit weiterhin als Grundhaltung und die Verhütung bleibe moralisch einwandfrei. Ähnlich bei Selbstbefriedigung für bloßen Lustgewinn: Dies sei legitim, wenn Beziehungs- und Fortpflanzungsfunktion anderweitig bejaht sind. Auch homosexuelle Akte lassen sich dann positiv werten, sofern der „soziale Sinn der Sexualität und ihre Bedeutung für die Erhaltung der menschlichen Gesellschaft innerlich bejaht“ (L6) und damit eine erweiterte Art von Fruchtbarkeit gelebt wird. Kurz: Die moralische Qualifikation eines Sexualverhaltens soll nicht mehr vom Akt selbst abhängen, sondern vom sexuellen „Gesamtverhalten im Laufe des Lebens“ (L5). Schockenhoff plädiert für eine Beziehungsethik als Alternative zur bisherigen Aktmoral. Damit sei es möglich, Sexualität „aus den normativen Fesseln der traditionellen Sexualmoral zu befreien.“ (L6)

Wie überzeugend ist dieser Ansatz? Auch Umweltschutz kennt verschiedene Sinndimensionen: Sparsamkeit mit Ressourcen, Reduzierung von Treibhausgasen, Erhalt von Artenvielfalt. Wer Umweltschutz ernstnimmt, muss alle Sinngehalte im Blick behalten, nicht nur als Grundhaltung, sondern genauso in den Einzelprojekten. Eine CO2-neutrale Technik, die Ressourcen verschwendet, schützt die Umwelt nicht, sondern schädigt sie. Es wäre absurd, würde ein Umweltminister – frei nach Schockenhoff – erklären, dass eine verantwortliche Gestaltung von Umweltschutz zwar die Integration aller Sinnwerte von Umweltschutz in das eigene Gesamtverhalten fordert, einzelne Umweltschutzhandlungen aber auch dann bejahenswürdig bleiben, wenn sie nicht alle Faktoren zugleich realisieren. Natürlich kann ein Einzelprojekt nicht alle Sinngehalte von Ökologie fördern; eine CO2-neutrale Technik muss nicht gleichzeitig Ressourcenachtsamkeit und Artenvielfalt steigern. Aber wenn sie andere Umweltaspekte direkt unterläuft, ist sie ökologisch „unmoralisch“, egal wie grün die sonstige Grundhaltung ist. Gesamtverhalten und Einzelprojekt lassen sich ökologisch nicht gegeneinander ausspielen (auch wenn das in der Umweltpolitik oft geschieht).

„Wenn der Sexualakt körperliche Selbstgabe
meint, kann er gegenüber der körperlichen
Selbstgabe (=Fruchtbarkeit) nie neutral sein“

Umweltschutz taugt freilich nur bedingt als Beispiel für Ethik; bloße Naturkausalität impliziert noch kein moralisches Sollen. Aber die Verknüpfung von Gesamtverhalten und Einzelakt gilt in der Moral genauso wie beim Umweltschutz. Bei aller Wichtigkeit einer verantwortlichen Gesamtgestaltung von Sexualität, die Schockenhoff zurecht betont, ersetzt sie nicht die Bedeutung des einzelnen Sexualaktes, der die liebende, körperliche Selbstgabe beziehungsweise Ganzannahme des Anderen meint. Und Ganzannahme meint Ganz-Annahme, also einschließlich Fruchtbarkeit. Es geht dabei um keine theologische Erfindung, sondern schlicht um die Anerkennung des Sinns von Sexualität. Daraus folgt aber: Sex, das heißt liebende Selbstgabe, praktiziert alleine ohne Partner (bei Selbstbefriedigung), wird zur widersprüchlichen Geste. Ebenso Sex, das heißt Ganz-Annahme des Anderen (also inklusive Fruchtbarkeit), bei Anwendung künstlicher Verhütung. Sex als Ja und Nein zugleich. Diese Widersprüchlichkeit im Sexualakt löst sich nicht dadurch in Luft auf, dass die Beziehungs- oder Fortpflanzungsfunktion als allgemeine Grundhaltung bejaht bleibt – so wie der Widersinn einer CO2-neutralen Artenausrottung nicht durch ein ökologisches Gesamtverhalten plötzlich sinnvoll wird, oder eine Einzellüge durch eine ehrliche Grundhaltung.

Schockenhoff könnte einwenden, dass viele CO2-Techniken die Artenvielfalt weder fördern noch hindern, sondern diesbezüglich neutral sind, und folglich gut. Genauso sei lustvoller Sex gut, wenn er gegenüber anderen Sinndimensionen wie Fruchtbarkeit neutral bleibt. Ja, wenn! Aber gibt es diese Neutralität bei Sexualität? Wenn der Sexualakt körperliche Selbstgabe meint, kann er gegenüber der körperlichen Selbstgabe (=Fruchtbarkeit) nie neutral sein, so wenig wie eine CO2-Technik gegenüber ihrem CO2-Ausstoß. Schockenhoff setzt die Neutralität von lustvollem Sex gegenüber Fruchtbarkeit erst voraus, um dann daraus zu folgern, im Einzelfall könne Sex gegenüber Fortpflanzung neutral sein.

Ende der Sexualität als liebender Selbstgabe

Zugegeben, die vier Sinndimensionen der Sexualität, die Schockenhoff von den Sexualwissenschaften übernimmt, können die klassische Moral bereichern: Lust, Beziehung, Identität und Fruchtbarkeit sind wesentliche Aspekte von Sexualität. Ebenso wird man Schockenhoff zustimmen, dass das lustvolle Begehren von der Theologie oft einseitig negativ bewertet wurde. Soweit so gut. Doch die Moralität von Sexualität hängt nicht allein von der allgemeinen Integrierung ihrer Sinnwerte ab, sondern – wie bei jeder moralischen Handlung – vom Akt, der Absicht und den Umständen – den drei „Quellen der Sittlichkeit“ (KKK 1750). Selbst wenn Absicht und Umstände gut sind, ersetzen nicht die Bedeutung des Sexualaktes. Hier und nirgends anders liegt das Problem der Lingener „Weltenwende“.

Schockenhoff wünscht sich vom Lehramt eine höhere Wertschätzung von sexueller Lust und Erotik. Doch sein Ansatz führt genau genommen zum Gegenteil. Für ihn ist die sexuelle Begegnung nicht mehr liebende Selbstgabe, sondern frei interpretierbares Rohmaterial, das mal dem bloßen Lustgewinn dient, mal der Beziehungsstärkung (bei Homosexualität und vorehelichem Verkehr), mal der Ganzhingabe-für-immer (Ehe). Der Sexualakt in sich hat keine Bedeutung mehr, sein Wert hängt von der jeweiligen Haltung der Partner ab; eine wertlose Münze, die ihre beliebige Bedeutung von den Akteuren erhält. So lassen sich schlagartig Selbstbefriedigung, Verhütung, außerehelicher oder homosexueller Verkehr positiv bewerten – solange die Grundhaltung stimmt. Gleiches müsste dann wohl auch gelten für einvernehmliche Seitensprünge, BDSM-Spiele und Polyamorie – solange das gewonnene Mehr an Lust einer Beziehung insgesamt gut tut.

„Die sittliche Qualität der menschlichen
Handlungen [ist] nicht allein aus der Absicht, der
Grundorientierung oder Grundoption abzuleiten“
Johannes Paul II.

Benedikt XVI. hat in „Deus caritas est“ vor einer solchen Banalisierung der Erotik gewarnt, die „den Leib und die Geschlechtlichkeit als das bloß Materielle an sich“ betrachtet, das man „kalkulierend einsetzt und ausnützt (…) In Wirklichkeit stehen wir dabei vor einer Entwürdigung des menschlichen Leibes, der (…) nicht mehr lebendiger Ausdruck der Ganzheit unseres Seins ist, sondern gleichsam ins bloß Biologische zurückgestoßen wird.“ (DCE 5) Damit sind die Konsequenzen der angestrebten „Kurskorrektur“ hellsichtig beschrieben.
Für diesen Neuansatz habe „die theologische Forschung (…) in den vergangenen Jahrzehnten viel Vorarbeit geleistet“ (L4). Schockenhoff bezieht sich auf das rund 50 Jahre alte Arbeitspapier: Menschliche Sexualität der Würzburger Synode von 1973. Schon damals kannte man die vier Sinndimensionen von Sexualität (3.1.2.2); es sei legitim, sie in der Praxis auch zu verneinen (3.1.3); alle Akte, die eine Beziehung fördern, seien gut (4.1.2). Die damaligen Bischöfe lehnten das Papier ab; viele Punkte bedürften „einer gründlichen Korrektur“ (DBK 1977).

Bereits 1965 hatte das 2. Vatikanum erklärt, dass „die sittliche Qualität der Handlungsweise nicht allein von der guten Absicht und Bewertung der Motive ab[hängt], sondern auch von objektiven Kriterien, die sich aus dem Wesen der menschlichen Person und ihrer Akte ergeben und die sowohl den vollen Sinn gegenseitiger Hingabe als auch den einer wirklich humanen Zeugung in wirklicher Liebe wahren“ (GS 51). Diese Einsicht wurde 1968 von Paul VI. in „Humanae vitae“, 1975 von der Glaubenskongregation, 1981 von Johannes Paul II. in „Familiaris consortio“ und nochmals 1993 in „Veritatis splendor“ bekräftigt: „Die sittliche Qualität der menschlichen Handlungen [ist] nicht allein aus der Absicht, der Grundorientierung oder Grundoption abzuleiten“ (VS 67). Auch nach „Amoris laetitia“ ist jede sexuelle Handlung bereits „,durch ihre natürliche Eigenart‘ auf die Zeugung ausgerichtet“ (AL 80), nicht erst durch das Gesamtverhalten der Partner. Ob man es wenigstens Papst Franziskus glaubt? Nichts Neues unter der Sonne. Der Ansatz von Schockenhoff, der jetzt vom Synodalen Weg übernommen wird, ist seit Jahrzehnten bekannt. Die Antwort dazu auch.

Pater Markus Christoph SJM
Pater Markus Christoph SJM ist Dozent im Studienhaus der Servi Jesu et Mariae/Blindenmarkt(A). Foto: privat

Kurz gefasst
Eine vorgeblich durchwegs negative Bewertung der Sexualität sollte im Nachgang von „Amoris laetitia“ überwunden werden. Das war das formulierte Ziel Eberhard Schockenhoffs, als der Synodale Weg aus der Taufe gehoben wurde. Unter Einbeziehung von Sexualwissenschaften sollte eine der herrschenden gesellschaftlichen Vorstellungen angepasste Sexualmoral formuliert werden. Die tradierte christliche Bewertung von Empfängnisverhütung, Homosexualität und Wiederverheiratung steht damit für P. Markus Christoph SJM zur Disposition.

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