Ávila/Limperich bei Bonn

Die Frau und die Neuevangelisierung

Die Kirche setzt auch bei der Neuevangelisierung auf das Zeugnis der Frauen.

World Youth Day 2016 in Krakow
Frauen wirken als Mütter, Lehrerinnen und Beterinnen an der Neuevangelisierung mit. Foto: Andrzej Grygiel (PAP)

Papst Franziskus „hat uns den ‚Primat der Evangelisierung‘ ans Herz gelegt“, heißt es in der Präambel zur Satzung des Synodalen Weges. „Als getaufte Frauen und Männer sind wir berufen, die ‚Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes‘ (Tit 3,4) in Wort und Tat zu verkündigen […]. Wir wollen auf dem Synodalen Weg die Voraussetzungen dafür verbessern, dass wir diese Aufgabe glaubwürdig erfüllen können.“ Der vorgeschlagene Weg, um dies zu erreichen, sei, so das Dokument, „die Klärung von zentralen Themen“, unter anderem der Stellung von „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“. Im Abschlussbericht der Arbeitsgruppe des entsprechenden Synodalforums wird dieses Thema gar als „als eine wichtige ‚Nagelprobe‘ für die Authentizität des Reformwillens der römisch-katholischen Kirche“ identifiziert (Abschnitt I.2). Grund genug, um sich Gedanken darüber zu machen, worin der spezifische Beitrag der Frau zu einer glaubwürdigen Erfüllung des Evangelisierungsauftrags der Kirche eigentlich begründet liegt.

Das Vorhaben des Synodalen Weges ist nichts Neues. Seit über fünfzig Jahren rufen die Päpste zur Evangelisierung auf; bekanntlich wurde dabei das Adjektiv ‚neu‘ vom Heiligen Johannes Paul II. hinzugefügt. Damit betonte er, dass „die gesellschaftlichen und religiösen Herausforderungen, denen die Menschheit unserer Zeit gegenübersteht“, die Gläubigen „zu einem neuen missionarischen Eifer“ anregen (Botschaft anlässlich des Weltmissionstages, 19.04.2004), zu einer Evangelisierung, die „neu in ihrem Eifer, in ihren Methoden und in ihrer Ausdruckweise“ sein soll (Ansprache an die Versammlung der CELAM in Port-au-Prince, Haiti, 09.03.1983). Auch Papst Franziskus macht sich diesen Aufruf zur Neuevangelisierung mit prophetischer Dringlichkeit im apostolischen Schreiben Evangelii gaudium zu Eigen: „Johannes Paul II. hat uns ans Herz gelegt anzuerkennen, dass ‚die Kraft nicht verloren gehen [darf] für die Verkündigung‘ an jene, die fern sind von Christus, denn dies ist ‚die erste Aufgabe der Kirche‘. ‚Die Missionstätigkeit stellt auch heute noch die größte Herausforderung für die Kirche dar‘“. (15)
Der Aufruf zur Neuevangelisierung richtet sich an alle Getauften, doch hat Johannes Paul II. der Frau in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Es wäre eine lohnenswerte Aufgabe, die Schriften Johannes Pauls II. über die Frau und an die Frauen in diesem 100. Jubiläumsjahr seines Geburtstages wieder neu zu lesen. 

An den Quellen des Menschseins

Vom Schöpfungsbericht ausgehend, entwickelt er dort ein tief anthropologisches Verständnis des-sen, was er als „das Geheimnis der Frau“ (Mulieris dignitatem, 31) bezeichnet. Der Mensch, ob Mann oder Frau, findet die vollkommene Erfüllung seiner Existenz nur „durch eine aufrichtige Hin-gabe seiner selbst“, denn er ist nach dem Abbild des dreifaltigen Gottes geschaffen und das be-deutet, dass „er dazu berufen ist ‚für‘ andere dazusein, zu einer ‚Gabe‘ werden.“ (ebd., 7) Diese personale Dimension des Seins „Füreinander“, die den Wesenskern des Menschseins ausmacht, wird durch die Erschaffung der Frau erst eigentlich möglich. In der so entstehenden „Einheit der Zwei“ überwindet der Mensch seine Ureinsamkeit und wird fähig zum Sich-Verschenken aus Liebe: „Auf der Grundlage des ewigen Planes Gottes ist die Frau diejenige, in der die Ordnung der Liebe in der geschaffenen Welt der Personen das Erdreich für ihr erstes Wurzelfassen findet.“ (ebd., 29) Entstellt wird diese ursprüngliche personale Ordnung der Liebe zwischen Mann und Frau freilich durch die Realität der Sünde. Der Mensch entscheidet sich gegen diesen ursprünglichen Plan Got-tes für sein Dasein. An „die Stelle einer aufrichtigen Hingabe und daher eines Lebens ‚für‘ den an-deren tritt [nun] das Beherrschen“ (ebd., 10), an die Stelle der personalen Liebesgemeinschaft die gegenseitige Konkurrenz der Geschlechter; aus der Entfremdung von Gott folgt die gegenseitige Entfremdung des Menschen. Überwunden wird diese Entfremdung erst durch das Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, und diese wird ihrerseits ermöglicht durch das aus-schlaggebende Handeln einer Frau: das freiwillige Ja Mariens zu Gottes Plan. So bedeutet Maria in gewissem Sinn „das Zurückgehen zu jenem ‚Anfang‘, an dem wir die ‚Frau‘ so vorfinden, wie sie im Schöpfungswerk, also im ewigen Plan Gottes […] gewollt war. Maria ist ‚der neue Anfang‘ der Wür-de und Berufung der Frau, aller Frauen und jeder einzelnen.“ (ebd., 11)

Prophetische Dimension

Aus der zentralen Stellung der Frau in der Schöpfung und in der Erlösung leitet sich das her, was Johannes Paul II. als den spezifischen, prophetischen „Genius“ der Frau bezeichnet: „In unserer Zeit“, so der Papst, „ermöglichen die Erfolge von Wissenschaft und Technik einen materiellen Wohlstand in bisher ungeahntem Ausmaß, der […] auch zu einem schrittweisen Verlust der Sensibi-lität für den Menschen, für das eigentlich Menschliche, führen [kann]. In diesem Sinne erwartet vor allem unsere Zeit, daß jener ‚Genius‘ der Frau zutage trete, der die Sensibilität für den Men-schen, eben weil er Mensch ist, unter allen Umständen sicherstellt und so bezeugt“ (Mulieris digni-tatem, 30). Allein durch ihre Präsenz ist es der Frau also gegeben, unserer technisierten, auf Ha-ben-Wollen und Dominanz ausgerichteten Welt das eigentlich Wesentliche wieder neu vor Augen zu führen: den Vorrang der personalen Werte und der Menschlichkeit. 

Diese spezifische Sensibilität der Frau für das Menschliche ist eng verbunden mit den zwei Grunddimensionen der ihr wesenseigenen Berufung: Mutterschaft und Jungfräulichkeit. Beide Dimensionen lassen sich weder auf das bloß Biologische reduzieren noch stellen sie alternative Wege dar; vielmehr bedingen und ergänzen sie einander gegenseitig. Durch ihre Befähigung zur Mutterschaft kommt der Frau in besonderer Weise die Gabe zu, dem Menschen sein Menschsein – nicht nur das körperliche – allererst zu vermitteln. „Im personalen und ethischen Sinn“, heißt es in Mulieris dignitatem, drückt die Mutterschaft „eine sehr bedeutende Kreativität der Frau aus, von der das Menschsein des neuen Menschen hauptsächlich abhängt.“ (19) An erster Stelle und in vordringlicher Weise verwirklicht sich diese Kreativität durch die Präsenz der der Frau in der Familie, jenem Ort, wo der Mensch das rechte Menschsein überhaupt erst lernt – eine Präsenz, die es gerade heute wieder viel mehr in ihrem unersetzbaren Eigenwert zu schätzen gilt. Aber auch in den übrigen Bereichen ist die Gesellschaft, so der Papst, gerade, was die „ethisch-soziale Dimension, die menschlichen Beziehungen und die Werte des Geistes“, betreffe „dem ‚Genius der Frau‘ gegen-über in weiten Teilen Schuldnerin.“ (Brief an die Frauen, 9)

Der Genius der Frau, der sich im Laufe der Gesichte durch eine spezifische moralische und spirituelle Kraft, besondere Sensibilität und Einfühlungsvermögen für die menschliche Anliegen charakterisiert hat, bringt auch in den Frauen des geweihten Lebens reiche Früchte für die Kirche und für die Gesellschaft hervor. Die gottgeweihten Frauen spielen eine wegweisende Rolle in der Geschichte der Kirche, sowohl bei der Evangelisierung ‚nach innen‘, durch ihr oft prophetisches Mahnen, als auch ‚nach außen‘, durch ihre geistliche Mutterschaft als Erzieherinnen und Protagonistinnen der Caritas, aber auch durch ein zurückgezogenes Lebens in Gebet und Fasten stellvertretend für die ganze Welt in einer Haltung des liebenden Dienens. Sie verkörpern in der radikalen Ganzhingabe ihres Lebens die der Frau eingeprägte Dimension der Jungfräulichkeit auf besonders anschauliche Weise, auch wenn sich diese Dimension als Haltung der unbedingten bräutlichen Bindung an das personale Gegenüber, ebenso wenig wie jene der Mutterschaft, auf eine konkrete Lebensform einengen lässt.

Wesenskern der Kirche

In beiden Dimensionen des Frauseins bildet sich auf einzigartige Weise der innerste Wesenskern der Kirche ab: Als „Mutter und Jungfrau“ (Lumen gentium, 63) ist die Kirche durch ihre sakramenta-le Natur gerufen, das Leben Gottes allen Menschen zu vermitteln, während sie es ihrerseits allein aus der lebendigen Beziehung, dem unbedingten Gebundensein an den „Bräutigam“ Jesus Christus empfängt. „In dieser Auffassung sind durch die Kirche alle Menschen – Frauen wie Männer – beru-fen, ‚Braut‘ Christi, des Erlösers der Welt, zu sein. So wird das ‚Braut-Sein‘ und damit das ‚Frauliche‘ zum Symbol alles ‚Menschlichen‘“ (Mulieris dignitatem, 25)

Beispielhaft verkörpert ist dieser Zusammenhang zwischen der wesenseigenen Berufung der Frau und jener der Kirche in der Jungfrau und Gottesmutter Maria, die „mit der Absolutheit eines ‚jung-fräulichen‘ Herzens, um ‚Braut‘ Christi und ‚Mutter‘ der Gläubigen zu sein, das Wesen der Kirche als heilige Gemeinschaft treffend zum Ausdruck bringt“ (Brief an die Frauen, 11). Aber wir alle – als Protagonistinnen und Protagonisten der Neuevangelisierung – sind zur Teilhabe an und Aktualisie-rung dieser Sendung in unserem persönlichen Christsein gerufen. Diese Sendung in ihrer eigentli-chen Tiefe wiederzuentdecken scheint uns Papst Franziskus in seinem „Brief an das pilgernde Got-tesvolk in Deutschland“ einzuladen, wenn er uns auffordert, einen „marianischen Stil im missionari-schen Wirken der Kirche zu entwickeln“ (11). Denn „Evangelisierung ist keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt von heute […]; sie ist keine ‚Retusche‘, die die Kirche an den Zeit-geist anpasst, sie aber ihre Originalität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt. […] Nein, die Evangelisierung ist ein Weg der Jüngerschaft in Antwort auf die Liebe zu Dem, der uns zuerst ge-liebt hat (vgl. 1 Joh 4,19),“ (ebd., 7) Ein Reduktionismus auf rein funktionale Strukturen hingegen würde, so betont Franziskus ebenfalls, „auf eine Klerikalisierung der Frauen hinlenken und den großen Wert dessen, was sie schon gegeben haben, schmälern als auch auf subtile Weise zu einer Verarmung ihres unverzichtbaren Beitrags führen.“ (Querida Amazonia, 100)

„Dank sei dir, Frau“, schrieb Johannes Paul II. in seinem Brief an die Frauen, „dafür, daß du Frau bist! Durch die deinem Wesen als Frau eigene Wahrnehmungsfähigkeit bereicherst du das Ver-ständnis der Welt und trägst zur vollen Wahrheit der menschlichen Beziehungen bei“ (2). Diese revolutionäre, ganzheitliche Sicht des Frauseins in und für Kirche und Welt müssen wir als Frauen des 21. Jahrhunderts wiederentdecken, ausloten und in unserem persönlichen Leben konkret werden lassen. Und wir dürfen sie uns nicht von jenen nehmen lassen, die die Reform der Kirche – rein androzentrisch – auf die Partizipation an Ämtern und Machtstrukturen reduzieren wollen.


Dr. Sara Gallardo 
Leiterin des Lehrstuhls für Frauenstudien “Santa Teresa de Jesús”, Katholische Universität Ávila

María A. Góngora
Lic. phil.; Katholisches Säkularinstitut Cruzadas de Santa Maria; Regionalleiterin

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