Politischer Katholizismus

Zwischen Skylla und Charybdis

Katholiken können sich wie Odysseus fühlen, der sein Schiff an zwei Ungeheuern vorbei steuern musste. Auch ihnen drohen Gefahren von linker und von rechter Seite. Ein Kommentar.
Politischer Katholizismus
Foto: IMAGO/Steffen Unger (www.imago-images.de) | So wie der antike Held Odysseus sein Schiff an den beiden Meeresungeheuern Skylla und Charybdis vorbei steuern musste, so droht auch den deutschen Katholiken Gefahr von der linken und der rechten Seite ihres Weges.

Es sind schwere Zeiten für den politischen Katholizismus. Er ist zu einem historischen Phänomen geworden. Dass er einmal so etwas wie ein Antriebsmotor für das politische Leben in der Bundesrepublik war, erscheint heute wie ein Märchen aus vergangenen Zeiten. Die Äußerungen von ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp zu Abtreibungen sind dabei nur das Tüpfelchen auf dem i. Sie bilden lediglich den Höhepunkt in einem Entwicklungsprozess, der schon seit längerem zu erkennen ist.

Katholiken müssen sich einmischen

Nur jetzt ist es endgültig klar: Vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist nicht mehr zu erwarten, dass von ihm Impulse ausgehen, die Katholiken dabei helfen könnten, die Gesellschaft aus ihrem Glauben zu gestalten. Das unterstreicht auch das Interview mit dem ZdK-Mitglied Monika Grütters in dieser Ausgabe. Die CDU-Bundestagsabgeordnete scheint gar nicht mehr zu verstehen, warum die Aussagen Stetter-Karps bei Katholiken sauer aufstoßen. Man hat sich im Status quo eingerichtet.

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Aber trotzdem, die Aufgabe bleibt: Katholiken kann die Entwicklung der Gesellschaft nicht egal sein. Sie haben weiterhin die Pflicht, sich einzumischen und ihr Wort zu erheben. Aber wie macht man das? Katholiken können sich in dieser Situation wie Odysseus fühlen, zwischen Skylla und Charybdis. So wie der antike Held sein Schiff an den beiden Meeresungeheuern vorbei steuern musste, so droht auch den deutschen Katholiken Gefahr von der linken und der rechten Seite ihres Weges.

Zunächst der Blick nach links: Dort findet sich der inhaltlich entkernte und im falschen Sinne politisierte deutsche Gremienkatholizismus. Und auch von rechts schnappt ein Ungeheuer: Da sind die Populisten und Nationalisten vom Schlage eines Donald Trump, die sich als Bündnispartner andienen und suggerieren, man teile doch die gleichen politischen Ziele in der Auseinandersetzung mit dem linksliberalen Mainstream. Beide Seiten strahlen eine wahrlich ungeheuerliche Attraktivität aus. Denn sowohl von links wie rechts gibt es ein Versprechen: Anschlussfähigkeit. Links wird der Anschluss an den Zeitgeist geboten: Wenn die Katholiken auf seiner Welle reiten, bekommen sie zum Dank einen Proporz-Platz in wichtigen Institutionen. Die Devise lautet: Dabei sein ist alles. Auf der rechten Seite sieht es so aus: Anschluss an eine neue politische Massenbewegung, die einen Gegen-Zeitgeist formuliert. Hier das Motto: Endlich wieder ein klares Feinbild.

Zwischen allen Stühlen zu stehen ist kein Zeichen von Schwäche

In beiden Fällen werden Christen instrumentalisiert. Aber ist es eben nicht immer so im politischen Geschäft, dass es nur darum gehen kann, sich für das kleinere Übel zu entscheiden? Können Katholiken, die politisch wirksam sein wollen, diesem Dilemma nicht entfliehen? Müssen sie sich für eine Seite entscheiden? Bleibt nur die Wahl zwischen Skylla und Charybdis?

Parteien müssen taktisch agieren, Vorteile aushandeln und dafür Nachteile in Kauf nehmen. Die deutschen Katholiken sind aber keine Partei. Sie müssen keine taktischen Kompromisse eingehen. Denn sie müssen nicht gewinnen. Sie sollen bekennen. Den Sieg, auf den sie schauen und aus dem sie ihre Kraft ziehen, hat ein Anderer errungen. Die Katholiken benötigen in dieser Situation österliche Gelassenheit. Das bedeutet nicht Rückzug. Ganz im Gegenteil. Aber sie müssen lernen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, zwischen allen Stühlen zu stehen. Sie müssen auch nicht stehen, sondern können knien - und beten.

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