Kolumne

Von der Mitte her denken

Die Christliche Soziallehre sollte die Kraft haben, der Versuchung marktschreierischer Profilierung zu widerstehen.
Kolumne: Von der Mitte her denken
Foto: Boettinger | Der Autor lehrt als Professor für Ethik und Soziallehre an der Internationalen Hochschule Liebenzell.

Die großen gesellschaftlichen Konflikte aus den Umwälzungen des 19. Jahrhunderts wirken bis heute mit den davon geprägten theoretischen Großentwürfen nach auf das politische Koordinatensystem unserer Zeit. In Umbruchzeiten lohnt es, sich daran zu erinnern. Ein fortschrittsgläubiger Liberalismus sah lange über die Verwerfungen und Verelendungen in der gesellschaftlichen Revolution der Industrialisierung hinweg und setzte allein auf die Dynamik des neu entdeckten „Kapitalismus“ und der reinen produktiven Marktkräfte. Eine sozialistische Linke formierte sich in verschiedenen Schattierungen und bereitete sich auf einen klassenkämpferischen Umsturz der Verhältnisse vor, zunehmend „bewaffnet“ mit einer entsprechenden Theorie, die Marx und Engels seit 1848 vorantrieben.

Ein antimodern-romantischer Konservatismus wünschte sich „zurück“ in eine Welt der Landgüter und Gutsherren vor der industriellen Revolution, die so wohl immer „Projektion“ war. Es ist das große, historische Verdienst christlicher, vor allem der Tradition katholischer Soziallehre (gerade von Deutschland aus), einen konstruktiven und integrierenden, zukunftsträchtigen Weg „der Mitte“ und des gemeinsamen Aufbaus auf der Grundlage einer christlich geprägten Ethik entwickelt und angeboten zu haben!

Was ist die Mitte?

„Mitte“ lässt sich dabei in dreifacher Weise verstehen. Als eine soziale Positionsbeschreibung eines „Mittelstandes“, als heilsame Mitte zwischen den Übertreibungen der Extreme – hier schöpft besonders katholische Ethik zu Recht aus aristotelischen Quellen. Schließlich spezieller und „exklusiver“ vom Glauben her gesprochen von der Verbundenheit in christlicher Caritas und der Verantwortung für das Ganze her gesprochen, die letztlich in der Mitte im Schöpfer und in Christus gründet. In aktualisierten Färbungen finden sich die Grundhaltungen auch heute. Die Schärfe der Auseinandersetzungen nimmt dabei mit Digitalisierung und weltweiter Vernetzung spürbar zu. Europa zeigt weithin ein Bild politischer Zersplitterung. Liberale, konservative und soziale Impulse von der Mitte her zu verbinden bleibt eine aktuelle Aufgabe. Sie zu definieren und zu begründen mag in einer so pluralen Gesellschaft schwieriger sein.

Lesen Sie auch:

Geistliche Mitte als Quelle der Erneuerung

Aber dieser Blick bietet eine Orientierung im Kontrapunkt zu medien- und marketinggemäßer, lauten Vertretung immer zugespitzterer Sonderinteressen. Christliche Soziallehre sollte deshalb die Kraft haben, der Versuchung marktschreierischer Profilierung zu widerstehen. Auch wenn der Blick auf die Mitte langweilig erscheint oder gar unsensibel. Eine solche Politik muss so auch das Liberale, Soziale und Konservative vom christlichen Personverständnis miteinander verbinden. Und das heißt auch von dessen Mitte in der Transzendenz her. Die Erfahrung der Krise verweist auch auf diese geistliche Mitte als Quelle der Erneuerung. Ist es peinlich, in der „Tagespost“ auch den Wunsch zu äußern, dass sich mehr christliche Politiker auch mutig dazu bekennen, aus diesen Quellen schöpfen zu müssen? (Positiv sei etwa das parteiübergreifende „Prayer Breakfast“ erwähnt.) Dann könnte die Krisenerfahrung auch dazu helfen, mit der Selbstrelativierung politischer Lösungsversprechen der politischen Kultur zu dienen, und Diskussionen zu entgiften.

Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Schiffbruch der Ordnungen
Würzburg
Leben im Umbruch Premium Inhalt
Was heißt apokalyptisch? Über die Schwierigkeiten politischer Prognosen in Zeiten des Chaos.
11.07.2020, 15  Uhr
Ingolf Bossenz
Themen & Autoren
Harald Jung Caritas Gesellschaft und Bevölkerungsgruppen Industrialisierung Industrie Jesus Christus Klassenkampf Konservative

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier