Rücksicht auf die Rentner?

Dem Verhältnis zwischen Alt und Jung droht ein Durcheinander

Mainz (DT) Da sind die Jüngeren, die nach Einschätzung von Altbundespräsident Roman Herzog von den Älteren „ausgeplündert“ werden. Und da sind die Älteren, die sich immer häufiger ein Zubrot verdienen müssen, um ihre magere Rente aufzubessern. So weit und auch so gegensätzlich ist die Brandbreite der Nachrichten und Meinungen, wenn es um das Verhältnis der Generationen geht. Ausgelöst durch den jüngsten Beschluss der Großen Koalition, die Rente ab 1. Juli um 1,1 Prozent zu erhöhen, streitet Deutschland um die Frage, ob eine Handvoll Euro das Verhältnis zwischen Alt und Jung aus der Balance bringt.

In diesem Zusammenhang erfährt das Wort vom „Renten-Betrug“ eine ganz neue Bedeutung. Die Jüngeren seien die Betrogenen, heißt es, da der Rentenbeitrag nun erst später sinken kann. Statt wie geplant ab 2011 fällt der Beitragssatz erst ab 2012. Die Wirtschaft beziffert die zusätzlichen Kosten auf rund zehn Milliarden Euro. Die Koalition, so die Kritiker, betreibe eine gezielte Politik für Transferempfänger, indem sie „Wohltaten“ an Langzeitarbeitslose, Rentner und Geringverdiener verteile. Von denen, die nicht mehr von der eigenen Arbeit leben, stellen wiederum die Rentner mit über 20 Millionen die größte Gruppe. Ihnen stehen nur 27 Millionen versicherungspflichtige Beschäftigte gegenüber, die Rentenbeiträge einzahlen.

Es liegt nahe, ist aber keineswegs zu beweisen, dass die teure Rentenerhöhung ein vorgezogenes Wahlgeschenk ist. In einer Zeit steigender Lebenserwartung kann keine Regierung eine Politik gegen die Interessen der Rentner betreiben. Andererseits liegt es auf der Hand, dass die Rentner besonders unter der Teuerung leiden und eine gewisse Anpassung an den Lohnzuwachs gerechtfertigt ist. Die Rentner mussten mehrere Jahre hintereinander Nullrunden hinnehmen, während die Lebenshaltungskosten kräftig gestiegen sind.

Es gab auch Maßnahmen in der Rentenpolitik, die den Jüngeren zugute gekommen sind. Dazu gehört der Bonus für die Ries-ter-Rente während der Ausbildung und die Regelung, dass die Einkommensumwandlung für betriebliche Alterssicherung dauer-haft sozialversicherungsfrei bleibt. Richtig ist aber auch, dass die Regierung von der Reformpolitik abweicht, wenn sie den sogenannten Riester-Faktor aussetzt, mit dem die Anstrengungen der Jungen für eine zusätzliche Altersvorsorge ausgeglichen werden.

Herzog schätzt die Chancen, dass die Rentendämpfung in 2012 und 2013 nachgeholt wird, auf 50 zu 50. Der Expräsident sieht die Vorboten einer Rentner-Demokratie. „Die Älteren werden immer mehr, und alle Parteien nehmen überproportional Rücksicht auf sie.“ Herzog steht mit seiner Ansicht zwar nicht alleine da, findet in der Politik aber kaum Mitstreiter. Einer der wenigen ist der CDU-Abgeordnete Jens Spahn, der für seine Kritik an den Rentenplänen in der eigenen Fraktion unter Druck geraten ist. Auch der Wirtschaftsflügel der Union macht mobil und möchte wegen der „fundamentalen Kursänderung“, dass der Fraktionszwang aufgehoben wird.

Druck auf die Ruheständler

Auch der Altersaufbau der Volksparteien spricht dafür, dass sie immer mehr Rück-sichten auf die Interessen der Älteren zu nehmen haben. In der CDU stieg der Anteil der mehr als 60-jährigen Mitglieder von 29,2 Prozent im Jahr 1990 auf 48 Prozent im Vorjahr. In der SPD stiegen die entspre-chenden Werte von 24,6 auf 46,7 Prozent.

Tatsache ist aber auch, dass der finanzielle Druck auf die Ruheständler zunimmt. In den vergangenen fünf Jahren ist laut Bundesarbeitsministerium die Zahl der Mini-Jobber über 65 Jahren um 40 Prozent auf 702 141 gestiegen. 2002 habe es noch 506 065 Mini-Jobber im Rentenalter gegeben. Selbstständige sind in der Statistik des Ministeriums nicht erfasst, aber gerade sie arbeiten oft über das offizielle Rentenalter hinaus. Auch arbeitende Rentner unter 65 Jahren wurden in der Statistik nicht mitgezählt.

Das reale Einkommen der Rentner sei von 2004 bis einschließlich 2008 um 8,5 Prozent gesunken, wenn man die Teuerung berücksichtige, so das Arbeitsministerium. Gründe dafür seien die schwache Lohnentwicklung der vergangenen Jahre, was auch die Renten beeinflusst habe. Außerdem wirke sich der demografische Wandel stark auf die Höhe der Renten aus.

Da mag es nicht verwundern, wenn DGB-Vorsitzender Michael Sommer vor wachsender Altersarmut warnt; derzeit lebe die letzte Rentner-Generation, die überwiegend noch ein auskömmliches Einkommen habe. Das werde schon in wenigen Jahren anders sein.

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19.09.2021, 17 Uhr
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