Papst Benedikt, Ketteler und die Freiheit

Wer war der Mann, den der Heilige Vater zitierte, und was verbindet beide. Von Arnd Küppers
Foto: KNA | Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811–1877), einer der großen Vorkämpfer des Sozialkatholizismus.
Foto: KNA | Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811–1877), einer der großen Vorkämpfer des Sozialkatholizismus.

In der ersten Rede bei seinem Deutschlandbesuch im Garten von Schloss Bellevue sprach Papst Benedikt XVI. über die Notwendigkeit der Religion für die moderne, freiheitlich-pluralistische Gesellschaft. (Die Rede im Wortlaut siehe Seite 5.) „Wie die Religion der Freiheit bedarf, so bedarf auch die Freiheit der Religion“, zitierte er dabei Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811–1877), einen der großen Vorkämpfer des Sozialkatholizismus im Zeitalter der Industrialisierung und des Frühkapitalismus. Der Satz stammt aus dem Jahr 1848, Ketteler sprach ihn bei einer Stegreifrede auf dem ersten deutschen Katholikentag. Er war damals eingeladen als Abgeordneter der in der Frankfurter Paulskirche tagenden Nationalversammlung.

Mit Zwang erreicht man die Herzen der Menschen nicht

Der Katholikentag war seinerzeit ins Leben gerufen worden, weil sich der Katholizismus mit der sich modernisierenden Gesellschaft schwer tat, genauso wie sich die moderne Gesellschaft an dem Katholizismus rieb. Mitte des 19. Jahrhunderts wollte man in den bürgerlichen Eliten aufgeklärt, rational und fortschrittlich sein. Der Katholizismus galt vielen Zeitgenossen demgegenüber als rückständig, als unvernünftiger Aberglaube mit all seiner mittelalterlich anmutenden Heiligen- und Reliquienverehrung. Die Katholikentage als Jahrestreffen für die vielen damals neu gegründeten katholischen Vereine sollten angesichts der Angriffe von außen katholisches Selbstbewusstsein und Zusammenhalt stiften.

Kettelers Lebensplanung war ursprünglich nicht, ein Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit und die Freiheit der Kirche zu sein. Als Spross einer Familie aus altem westfälischem Adelsgeschlecht war ihm eine Karriere als Offizier oder Beamter in die Wiege gelegt. Diesen Weg schlug er zunächst auch ein. Angesichts der zunehmenden Konflikte zwischen Regierung und Kirche in den preußischen Westprovinzen quittierte er aber bald seinen Dienst. Er wolle keinem Staat dienen, der von ihm die Aufopferung seines Gewissens verlange, schrieb er an seinen Bruder. Nach einiger Zeit des inneren Ringens entschloss er sich zum Eintritt ins Priesterseminar. Als Bauernpastor in Hopsten, einer kleinen Gemeinde bei Rheine, hatte er nach eigenen Worten „das Höchste erreicht, was ich mir für die Stellung eines Menschen auf Erden von jeher erdenken konnte“. Doch mit dieser Seligkeit war es schnell vorbei, als in Deutschland die Revolution ausbrach und Freunde ihn dazu drängten, für die Nationalversammlung zu kandidieren. Ketteler, der sich anfangs von der freiheitlichen und nationalen Aufbruchsstimmung mitreißen ließ, war schnell enttäuscht von der Radikalität und besonders dem Antiklerikalismus mancher Revolutionäre, die auch in den Verfassungsberatungen versuchten, die Kirche möglichst aus dem öffentlichen Leben herauszudrängen. Neben der Sozialen Frage wurde die Freiheit der Kirche beziehungsweise die Stellung der Kirche in einer freiheitlichen Gesellschaft sein zentrales Lebensthema.

1850 wurde Ketteler von Papst Pius IX. zum Bischof von Mainz ernannt. Als solcher hatte er schon von Amts wegen so manchen Strauß mit Regierungen und Verwaltungen auszufechten, die immer wieder in das innere Leben der Kirche eingreifen und dem kritischen Bischof einen Maulkorb verpassen wollten. Ketteler war in diesen Konflikten kein Eiferer, Provokationen wollte er vermeiden. Deswegen war er auf dem Ersten Vatikanischen Konzil auch aus Opportunitätserwägungen heraus gegen die Dogmatisierung der Unfehlbarkeit des Papstes.

Ketteler war kein Liberaler, aber er war der festen Überzeugung, dass die Kirche die Freiheit nicht zu fürchten braucht. Die christliche Botschaft von der grenzenlosen Liebe des in Christus Mensch gewordenen Gottes war für ihn stark genug, um sich auch in einer freiheitlichen Gesellschaft zu behaupten. In diesem Denken ist er seelenverwandt mit Papst Benedikt. Beide sind sich aber auch bewusst, dass der Mensch in seiner Freiheit falsche Wege einschlagen, auf die dunklen Pfade von Hass und Ungerechtigkeit geraten kann. Wie Papst Benedikt hat deshalb schon Ketteler mit der Frage gerungen, wie die 2 000 Jahre alte christliche Botschaft ins Heute übersetzt werden kann, damit die Menschen in Freiheit Ja zu Christus sagen, sich in Freiheit für Liebe und Gerechtigkeit entscheiden. Das ist die Mission von Papst Benedikt. Auch wenn er als Staatsgast nach Deutschland kommt, ist es nicht sein Ziel, bestimmte politische Ziele, sondern die Herzen der Menschen zu erreichen. Deswegen ist Papst Benedikt auch ein Freund der Freiheit. Denn politische Ziele mag man auch mit Zwang erreichen können, in die Herzen der Menschen gelangt man aber nur, wenn sie es freiwillig öffnen.

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