„Ökonomie ist eine Geisteswissenschaft“

Der Sozialexperte der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Reinhard Marx, im Gespräch über die Finanzkrise

Herr Erzbischof, Sie haben ein Buch mit dem Titel „Das Kapital“ verfasst, also mit dem gleichen Titel wie Ihr Namensvetter Karl Marx aus dem 19. Jahrhundert. Sind die Kapitalisten und Banker Schuld an der gegenwärtigen Finanzkrise?

Man kann nicht einfach sagen, diese Finanz- und Wirtschaftkrise sei wie eine Naturkatastrophe über uns hereingebrochen. Es gibt viele Ursachen und Verursacher, und es sind Fehler gemacht worden, die zu einer Systemkrise der Sozialen Marktwirtschaft geführt haben. Rahmenbedingungen wurden verändert, die Finanzmärkte wurden dereguliert. Und es wurden äußerst fragwürdige Finanzinstrumente geschaffen, etwa die Hedgefonds. Manche der Verantwortlichen haben über einem Streben nach maximalem Gewinn offenbar vergessen, dass die Wirtschaft dem Wohl der Menschen dienen muss – und nicht umgekehrt.

„Viele hatten vergessen, dass gerade unsere Soziale Marktwirtschaft in Deutschland auch auf moralischen Grundsätzen beruht“

Haben nicht auch die Bankkunden, also wir, das Maß ein wenig verloren? In der Bibel heißt es: Die Habsucht ist die Wurzel von allem Bösen?

Fahrlässig handelt nicht nur, wer ein unseriöses Finanzprodukt anbietet, sondern in gewisser Weise auch der Käufer. Allerdings ist mancher Bankkunde fachlich gar nicht in der Lage, das Risiko voll zu überblicken. Deshalb haben die Geldinstitute eine besondere moralische Verpflichtung. Man darf dem arglosen Kunden nicht einfach weismachen: Du kannst auch ohne Arbeit schnell reich werden, wenn Du nur gerissen genug bist, Deine Skrupel ablegst und die Risiken nicht so ernst nimmst. Die größere Verantwortung und moralische Verpflichtung liegt aber beim Anbieter.

Ist die gegenwärtige Finanzkrise in Wirklichkeit eine Wertekrise, wie auch einige Wirtschaftswissenschaftler bereits sagen? Hat die Kirche heute wieder eine Botschaft wie damals der Prophet Jona an die Stadt Ninive: Kehrt um von euren bösen Taten?

Ökonomie ist mehr als ein Rechenspiel, sie ist eine Geisteswissenschaft. Und einige Wirtschaftswissenschaftler besinnen sich wieder stärker auf grundlegende Fragen der Ökonomie: Wie kann man die knappen Ressourcen gerecht verteilen? Wie kann man nachhaltig wirtschaften und die Schöpfung bewahren? Wie wird man dem Menschen gerecht? Welche soziale Verantwortung haben Unternehmen? Viele hatten vergessen, dass gerade unsere Soziale Marktwirtschaft in Deutschland auch auf moralischen Grundsätzen beruht. Das ist alles nicht neu, die Katholische Soziallehre benennt das seit mehr als hundert Jahren.

Welche Grundsätze, welche Fundamente des Wirtschaftens sind in den letzten Jahren möglicherweise verlorengegangen? Was hat die Kirche zu sagen – ohne den Wirtschaftsleuten ins Handwerk pfuschen zu wollen?

Die Kirche muss an elementare Grundsätze erinnern: an die Würde des Menschen und die Verpflichtung zum Gemeinwohl. Die aktuelle Krise zeigt einmal mehr: Das Prinzip „wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“ funktioniert nicht. Wir wollen eine Gesellschaft, in der es gerechte Strukturen und Solidarität gibt. Das war immer die Auffassung der Katholischen Soziallehre. Wir brauchen Strukturreformen der Wirtschaft und ihrer Institutionen. Aber auch jeder Einzelne muss sein Handeln am Gemeinwohl ausrichten.

„Die Kirche ist kein politischer Akteur, aber wir können in den Köpfen der Menschen etwas bewegen, damit sich Verhaltensweisen und Institutionen ändern können“

Wie kann das konkret werden?

Wir haben das schon oft konkret formuliert. Ich denke an das gemeinsame Sozialwort mit der Evangelischen Kirche 1997, aber auch an die großen Sozialenzykliken der Päpste. Die Kirche ist kein politischer Akteur, aber wir können in den Köpfen der Menschen etwas bewegen, damit sich Verhaltensweisen und Institutionen ändern können.

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