Nicht „marktwürdig“ – daher auf den Müll

Lebensmittel werden in den Industrieländern in gigantischer Menge vergeudet Von Reinhard Nixdorf

Dass es sich nicht gehört, Essen wegzuwerfen, darin stimmt wohl jeder überein: Viele wollen keine Lebensmittel verschwenden, weil sie dafür bezahlt haben, vielen ist bewusst, dass sich Menschen in unterentwickelten Ländern nicht satt essen können – immerhin leiden fast eine Milliarde Menschen an Unterernährung, stirbt alle fünfzehn Sekunden ein Kind an Hunger. Andere erinnern sich an den Krieg und die Nachkriegszeit, als jeder froh über den kleinsten Kanten Brot war: Die Vernichtung von Lebensmitteln ist ökonomisch, ökologisch und ethisch unverantwortlich.

Diesem Konsens zum Trotz werden Lebensmittel in den Industrieländern in gigantischer Form vergeudet: Agrarprodukte werden schon bei der Ernte vernichtet, Lebensmittel vor dem Verkauf aussortiert und vor dem Verzehr weggeworfen. Dabei ließe sich der Welthunger mit nur einem Drittel der Lebensmittelmenge besiegen, die in den Industrieländern weggeworfen wird.

Allein die Lebensmittel, die in Großbritannien weggeworfen werden, könnten 113 Millionen Menschen in aller Welt satt machen, schreibt der britische Autor Tristram Stuart in seinem Buch „Waste: Uncovering the Food Scandal“. Seinen Recherchen zufolge landen 484 Millionen Joghurts ungeöffnet im Müll, werden dreißig Prozent aller in Großbritannien verkauften Kartoffeln weggeworfen. Bauern und Lebensmittelproduzenten werfen jährlich rund eine Million Tonnen Kartoffeln in den Müll. Allein der Marktwert der drei wichtigsten Speisefische Großbritanniens, die weggeworfen werden, beträgt rund achtzig Millionen Euro. Zwischen vierzig und sechzig Prozent aller gefangenen Fische in europäischen Gewässern werden ins Meer zurückgeworfen. Sie sind bereits tot. Europäische Union und Industrie hingegen sprechen von einer Fischereikrise.

In Deutschland wird eine Menge von zehn bis zwanzig Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr vernichtet, schätzt der Journalist Valentin Thurn in seinem Film „Frisch auf den Müll – die globale Lebensmittelverschwendung (Taste the Waste)“, den kürzlich das ARD-Fernsehen zeigte. Das meiste davon kommt nicht einmal beim Verbraucher an – und nicht, weil es sich um Lebensmittel handelte, die schon ungenießbar waren; bei dieser Lebensmittelvernichtung entscheiden andere Kriterien.

Bei der Kartoffelernte, zeigt Valentin Thurn in seinem Film, muss der Landwirt von fünf Tonnen Kartoffeln zweieinhalb Tonnen wegwerfen. Sie sind zwar genauso genießbar wie die anderen Kartoffeln, aber sie entsprechen nicht der EU-Normgröße und sind deshalb nicht marktwürdig. Deshalb bleiben die Knollen auf dem Acker liegen, landen in der Biogasanlage oder werden zu Tierfutter verarbeitet.

Der Kartoffelbauer ist nicht der einzige, der die Hälfte seiner Ernte wegwerfen muss, auch jeder zweite Kopfsalat oder jedes fünfte Brot landet auf dem Müll. Würde man den Lebensmittelmüll der Deutschen in Lastwagen packen, dann wären das fünfhunderttausend LKWs pro Jahr. Exakte Zahlen zur Lebensmittelvernichtung gibt es nicht. Die erhebt das Statistische Bundesamt nicht. Valentin Thurn selbst konnte es auch nicht so richtig glauben. Aber nachdem er sich nächtelang mit Mülltauchern durch Bananen-Abfallberge gewühlt, gerochen hat, wie Brot verbrannt wird und mit Wissenschaftlern in aller Welt gesprochen hat, meint er: „Über den Daumen gepeilt werfen wir fünfzig Prozent unserer Lebensmittel – auf dem Weg zwischen dem Feld und dem Teller – weg.“

Woran liegt das? Die Verantwortung des Handels ist offensichtlich. Er hat viele Normen gesetzt, die für ihn praktisch sind, nicht weil die Kunden dies von ihm verlangen. So passen Gurken, die gerade und nicht krumm sind, besser in Kisten und nehmen beim Transport und bei der Präsentation nicht so viel Platz weg. Zudem will der Handel unbedingt den Eindruck vermitteln, jede Ware sei zu haben: Regallücken, hieß es kürzlich bei der Lebensmittelkette REWE, müssten unter allen Umständen vermieden werden. Auch am Abend wolle der Kunde noch seinen Erdbeerjoghurt. Wenn der Kunde das Produkt nicht finde, das er haben will, fürchtet der Handel, dass er sich ärgert und vielleicht zur Konkurrenz geht. So wird bis zum Ladenschluss der Eindruck vermittelt, alles sei im Überfluss vorhanden. Was danach nicht mehr frisch ist oder sein Haltbarkeitsdatum überschritten hat, landet auf dem Müll: Brot, das einen Tag alt ist, lässt sich offenbar nicht mehr anbieten.

Und hier beginnt die Mitverantwortung des Verbrauchers, bevorzugt er doch, was frisch, farbenfroh und einladend aussieht: Bekanntlich isst das Auge mit. Deshalb werden Bananen im Supermarkt meist nur grün verkauft, obwohl eigentlich jeder weiß, dass Bananen erst dann richtig gut schmecken, wenn sie bereits leichte braune Flecken haben. Ähnliches gilt für Äpfel, für deren Geschmack ein bisschen Schorf eigentlich unerheblich ist. Und so geht es weiter: Schon leichte braune Stellen bewirken, dass der Kopfsalat auf dem Müll landet.

Auf der Müllkippe aber verrottet der Lebensmittelmüll nicht einfach. Vielmehr entweicht ihm Methangas, das bei der Erderwärmung fünfundzwanzigmal so stark wirkt wie Kohlendioxid. Würde man die Müllmenge um die Hälfte verringern, verringerten sich damit die weltweiten Treibhausgas-Emissionen um zehn Prozent.

Vor diesem Hintergrund sollte das Vorhandene besser genutzt und Lebensmittelmüll vermieden werden. Großbäcker etwa spendieren ihr überschüssiges Brot an Tierparks oder geben es einer der rund achthundert Tafeln in Deutschland. Denn Tafeln eröffnen derzeit den wichtigsten Weg, ausgesonderte Lebensmittel sinnvoller zu verwerten als über Biogasanlagen oder über Recycling. Mehr als hunderttausend Tonnen erhalten und verteilen die Tafeln pro Jahr an bedürftige Menschen; fast alle großen Lebensmittelhändler von Lidl bis Metro arbeiten mit den Tafeln zusammen. An den Verbraucher aber stellt sich die Forderung, auch mit Lebensmittelresten verantwortlich umzugehen. Denn das Lebensmittelangebot ist keine Selbstverständlichkeit und die Bitte um unser tägliches Brot mehr als eine Sonntagsrede.

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