Krise, Markt und Tugend

Die Enzyklika „Caritas in veritate“ rückte beim Symposium eines italienischen Think tanks überraschend in den Mittelpunkt

Wenn eine wirtschaftsliberale Institution eine Veranstaltung über die Perspektiven des Wirtschaftssystems für die Zeit nach der Krise abhält, dann würde man kaum erwarten, dass dort eine Papstenzyklika ernsthaft diskutiert wird. Doch Krisenzeiten sind besondere Zeiten. Und so rückten bei einem Symposium des renommierten italienischen Think tanks Istituto Bruno Leoni (IBL), das Ende Juli in Rom stattfand, die Themen der jüngsten Enzyklika von Papst Benedikt XVI., „Caritas in veritate“, in den Mittelpunkt des Interesses.

Die Kardinaltugenden und das Versagen der Banker

So ortete Lord Griffiths of Fforestfach, Vize-Chairman der US-Bank Goldman Sachs, in den moralischen Mängeln wirtschaftlichen Agierens einen der Hauptgründe für den Zusammenbruch. Wiederholt verwies der britische Top-Manager auf fundamentale, vom guten Bankier zu erwartende Tugenden, die eklatant missachtet worden seien. Für Lord Griffiths hatten die Banker es konkret an Klugheit, Verantwortung, Gerechtigkeit und Mäßigung mangeln lassen – also an der gesamten Bandbreite der klassischen Kardinaltugenden.

„Der Markt hängt von Tugenden ab, die er selber nicht in der Lage ist, zu schaffen“, blies der US-Journalist und Kolumnist William McGurn vom Wall Street Journal in das gleiche Horn – in wohl unbewusster Abwandlung des berühmten Diktums von Ernst-Wolfgang Böckenförde. Die freien Entscheidungen der einzelnen Menschen prägten die wirtschaftlichen Abläufe, nicht anonyme Mechanismen, unterstrich McGurn: „Das Wirtschaftsleben steht und fällt mit den Intentionen und der Freiheit von einzelnen Personen.“ Dies gelte auch umgekehrt: Kein Staat der Welt und kein noch so gut funktionierender Wettbewerbsmechanismus könnten moralisch gute Handlungen erzwingen. Man müsse sich auf frei handelnde Personen verlassen können und nicht auf „gut programmierte Softwareprogramme“, die automatisch „nach einem festgelegten Algorithmus“ funktionierten. Es sei ja bereits im alltäglichen Wirtschaftsleben so, dass man Eigenschaften wie Charakter und Urteilsvermögen höher bewerte als rein technische Fähigkeiten, erinnerte der frühere Redenschreiber von Ex-US-Präsident George W. Bush.

Die von den kulturellen und religiösen Gegebenheiten getrennte Behandlung der ökonomischen Realität sei eine Konsequenz der Aufklärung und wurde im Positivismus für die Wirtschaftswissenschaften postuliert, analysierte Griffiths. Schon Adam Smith hatte versucht, den Mechanismus des Marktsystems in ein „Newton'sches System“ zu verwandeln, mit absoluten und notwendigen Elementen, die zu sicheren Ergebnissen führen sollten. Das Problem dabei: Die Person wird somit bloß als ein Element im System gesehen, und dabei werden zudem lediglich ihre wirtschaftlich relevanten Eigenschaften (die des „homo oeconomicus“) berücksichtigt. Der Mensch in seiner Ganzheit steht nicht mehr im Mittelpunkt eines Mechanismus, den er selbst geschaffen hat, sondern wird so quasi von diesem „ausgeschieden“ und als „Fremdkörper“ gesehen.

Gerade an diesem Punkt setzt die Enzyklika „Caritas in veritate“ an. Martin Schlag, Professor für Katholische Soziallehre an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz, präsentierte das Schreiben daher als „ein Plädoyer für die Wiedergewinnung eines allumfassenden Verständnisses der wirtschaftlichen Handlung als wahrhaft menschliche Handlung“. Es sei notwendig, die anthropologische Komponente der menschlichen Natur wieder als Ausgangspunkt der Untersuchung zu positionieren. Ein frei agierender Mensch ist sowohl Agent als auch Ziel im ökonomischen System, und so muss dieses auch konzipiert werden.

Die moralische Dimension und das Funktionieren des Marktes

Das Problem der Wirtschaftswissenschaften, wie wir sie heute kennen, sei der methodologische Ausschluss von Elementen der menschlichen Realität, die das System transzendieren, analysierte Schlag, der zuvor Regionalvikar der Personalprälatur Opus Dei in Österreich war. Die Wissenschaft schaffe Instrumente zur Untersuchung der Realität, nämlich die ökonomischen Modelle. Diese seien aber nicht fähig, Aspekte der Wirklichkeit zu erfassen, die sie bereits zuvor ausgeschlossen hatten,

Tenor der Diskussion war, dass Kultur und Religion die Reserven an Motivation schaffen können, aus denen der Markt schöpft, um richtig zu funktionieren: Freude am Beruf; der Wunsch, sich ständig zu verbessern; der Antrieb, sich einzusetzen und zu schenken; die Suche nach Glück und Wohl der Gemeinschaft. Auch Griffiths strich die Relevanz des weltanschaulichen Hintergrunds von Wirtschaftsakteuren heraus, da für die Funktionsfähigkeit des Marktes die moralische Dimension der menschlichen Handlung eine entscheidende Rolle spiele.

Dass der Markt von Faktoren abhängt, die nicht Teil des Systems sind und die er selbst nicht schaffen kann, wurde auch bei einer Debatte von Vertretern der Wirtschaft bestätigt. Martin Jäger vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, Giampaolo Galli vom italienischen Industriellenverband Confindustria und Mario Mancuso, ehemaliger Staatssekretär im US-Handelsministerium, gaben sich skeptisch bezüglich der „Lösung“ der Weltwirtschaftskrise durch staatliche Konjunkturpakete. Sie waren sich einig, dass diese Programme alleine nicht fähig sein würden, die wirtschaftliche und unternehmerische Aktivität wiederzubeleben, wenn das Vertrauen in das Finanzsystem fehlt. Deshalb wurde die Frage gestellt, ob nicht andere Elemente des Systems ebenfalls „repariert“ werden sollen, um das Vertrauen der Wirtschaftsakteure wiederzugewinnen.

Die Enzyklika „Caritas in veritate“ erhebt zwar keineswegs den Anspruch, eine wirtschaftswissenschaftliche Untersuchung der Krise zu sein. Dennoch ist sie nach Ansicht des Chairmans der Veranstaltung, Lord Griffiths, für Wirtschaft wie Gesellschaft äußerst bedeutsam. Wie es der britische Banker – der selbst kein Katholik, sondern Mitglied der anglikanischen Kirche ist – auf den Punkt brachte: Der Papst thematisiert die Relevanz der anthropologischen und religiösen Komponente für die Zukunft unserer Gesellschaft, einschließlich des Marktsystems. Dies sei etwas, was sich zwar viele dachten, aber nur wenige zu sagen trauten.

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