Kommentar: Zum Wohl des Kindes

Von Jürgen Liminski

Das wird manche Väter aufregen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Rechte leiblicher Väter, die nicht mit dem Kind und der Mutter zusammenleben, eingeschränkt. Das ist gut so. Denn es geht um das Wohl des Kindes und seiner Familie. Zwei biologische Väter hatten auf Anerkennung der Vaterschaft geklagt, mithin auf Vorrang ihrer Vaterschaft vor der rechtlichen Vaterschaft des Mannes, der nun mit der Mutter zusammenlebt beziehungsweise verheiratet ist. Das Gericht wies diese Klage auf Vorrang zurück, weil der neue Partner der Mutter eine „sozial-familiäre“ Beziehung zum Kind aufgebaut habe. Mit anderen Worten: Die Intimität und Beziehungen in der neuen Familie können bei unklaren Rechtsverhältnissen Schaden nehmen, Leidtragender wäre das Kind.

Die Klärung durch das Gericht ist schon deshalb notwendig, weil solche Fälle keine Einzelfälle mehr sind. Natürlich liegt jeder Fall anders. Aber prinzipiell ist dem Wohl der neuen Familie und damit dem Wohl des Kindes Vorrang einzuräumen. Sonst wird die Intimität durchlöchert. Selbst Patchwork-Väter sagen, dass man in der neuen Konstellation wenigstens so tun und leben müsste, als ob man auch leiblich eine Familie sei. Das ist kein Selbstbetrug. Es muss auch in den Beziehungen des Vertrauens eine Ordnung geben. Ohne Intimität sind vertrauensvolle Bindungen nicht möglich und ohne stabile Bindungen, ohne emotionale Stabilität wird es mit dem Aufbau einer reifen Persönlichkeit und auch mit der Bildung schwierig. Das sagen die Hirn- und Bindungsforscher schon seit Jahren: Bindung geht der Bildung voraus.

Das Urteil mag bitter sein für die leiblichen Väter. Aber wenn ihnen am Wohl des Kindes gelegen ist, müssten sie damit leben können. Das umso mehr, als das Urteil nicht gegen den Umgang mit dem Kind gerichtet ist. Dieses Recht bleibt zum Wohl des Kindes bestehen und ist von Fall zu Fall zu regeln. Dieses Recht war übrigens vom selben Gerichtshof in einem früheren Urteil gestärkt worden – gegen den Willen der Mutter und des rechtlichen Vaters, aber im Interesse des Kindes. Und eine Selbstverständlichkeit sollte in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben: Am besten für das Kind ist es, wenn es mit den beiden leiblichen Eltern eine Familie bildet. Das ist bei drei von vier Kindern (unter 18 Jahren) in Deutschland der Fall.

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