Kolumne: Wirtschaft ohne Ethik ist blind!

Foto: priv. | Giuseppe Franco.
Foto: priv. | Giuseppe Franco.

Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass die Wirtschaftskrise auch eine Krise des ökonomischen Denkens ist, die eine ihrer Wurzeln in den Räumen ökonomischer Fakultäten hat. Mit Wilhelm Röpke, einem der Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft, ausgedrückt, haben wir es mit einer „Richtungslosigkeit des wirtschaftlichen Denkens“ zu tun. Sein immer noch aktueller Einwand zum Wirtschafts- und Modelldenken besteht darin, dass „man es verlernt, prinzipiell zu denken“ und die Zusammenhänge mit anderen, über die Wirtschaft hinausgehende Probleme verliert.

Die Verwendung mathematischer und statistischer Methoden und Modelle in der Wirtschaftsanalyse ist heute eine zwar unerlässliche und notwendige, aber auch unzureichende Verfahrensweise. Es besteht immer das Risiko der Idealisierung und des sogenannten „Modell-Platonismus“ (Hans Albert). Dabei geht es um einen Denkstil, bei dem die ökonomischen Aussagen und Modelle durch bestimmte Strategien immunisiert werden, um sie vor dem möglichen Scheitern an der Erfahrung zu bewahren. Darüber hinaus wird die empirische Überprüfung von Modellaussagen für überflüssig gehalten oder vernachlässigt und man hat nur die mathematisch-logische Kohärenz der Aussagen im Blick. Deshalb ist die empirische Überprüfung der Annahmen eines ökonomischen Modells notwendig, um zu vermeiden, dass zum Beispiel in der heutigen experimentellen Ökonomik Laborexperimente als Selbstzweck verabsolutiert werden und nicht mehr als Instrument zur Erklärung der Wirklichkeit dienen. In einer wissenschaftstheoretischen Diskussion über ein Modell sollte es nicht nur um logische Konsistenz, sondern auch um Realitätsbezug, Informationsgehalt und die Annäherung an die Wahrheit gehen.

Die Aufgabe der Ökonomen sollte darin bestehen, in einem umfassenderen Dialog mit anderen Disziplinen zu treten sowie der ethischen Dimension ihrer Disziplin gegenüber mehr Sensibilität zu entwickeln. Dazu ist es erforderlich, dass die Wirtschaftswissenschaft ihren möglichen Beitrag, aber auch die Grenzen ihrer eigenen Disziplin erkennt und ihren Horizont erweitert. Die Rückbesinnung auf das Telos auch in der Wirtschaft, auf den Mensch als Ziel und Träger der gesellschaftlichen Institutionen, all dies begründet die Rolle der katholischen Soziallehre. Deshalb sollen auch folgende Aspekte in Forschung thematisiert und in der Lehre einer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät angeboten werden: die Beschäftigung der Wirtschaft mit wissenschaftstheoretischen und philosophischen Themen, die dogmengeschichtliche Betrachtung der Ökonomie, die ethische Reflexion, die Auseinandersetzung mit den Sozialprinzipien der katholischen Soziallehre und dem christlichen Menschenbild. Ziel einer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät sollte nicht sein, „Homines Oeconomici“ auszubilden. Sie hat nicht nur die Aufgabe, Rechen- und Tabellenwissenschaft zu betreiben, sondern auch den Studierenden bewusst zu machen, dass die Theorie über der Praxis und das Denken über dem Rechnungswesen steht und insgesamt zu zeigen, dass die Auseinandersetzung mit solchen Themen ein Beitrag zur ganzheitlichen Bildung kritischer Studierender ist, damit diese über den Tellerrand ihres Faches schauen können.

Anderseits ist es ebenfalls notwendig, dass die Theologie ihren Dialog mit der Philosophie, den Natur- und Sozialwissenschaften intensiviert und den Zusammenhang berücksichtigt, in dem die Probleme der Menschen und der Gesellschaft entstehen und sich entwickeln. Es geht um eine kontextuell-kulturelle Theologie und Ökonomie, die sich beide darum bemühen müssen, einen Beitrag zum Verständnis des Menschen zu leisten. Dabei muss ihnen jedoch bewusst bleiben, dass weder der Theologe noch der Ökonom im Besitz eines Erkenntnisprivilegs ist. Man kann einen berühmten Satz von Immanuel Kant umformulieren, um das Spannungsverhältnis zwischen Ethik und Wirtschaft oder besser zwischen Philosophie und Theologie einerseits und Ökonomie anderseits zu bewerten: Ethik ohne Wirtschaft ist leer, Wirtschaft ohne Ethik ist blind!

Der Autor ist wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensethik sowie am Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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