Kolumne: Wie man mit Terror umgeht

Von Ortwin Renn
Foto: Arcatech | Ortwin Renn.
Foto: Arcatech | Ortwin Renn.

Der politische Terror ist nach Deutschland zurückgekehrt. Mit den Anschlägen in Paris und Brüssel sind auch die europäischen Länder in das Visier islamistischer Terrorgruppen geraten. Gegenüber dem Terrorismus früherer Jahre, der vor allem durch links- oder rechtsextreme Gruppen getragen wurde, ist die neue Variante des Terrorismus besonders perfide. Sie tötet wahllos. Jede Person kann sich gut vorstellen, selbst Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Denn es wird niemandem gelingen, größeren Menschenansammlungen auszuweichen, keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr zu benutzen oder alle Straßencafés, Flughäfen, Bahnhöfe et cetera zu meiden. Diese Zufälligkeit der Betroffenheit ist natürlich Kalkül: Die Terroristen wissen sehr gut, dass nichts mehr ängstigt als die Unsicherheit, einem Risiko ohne Vorwarnung und ohne Möglichkeit, sich effektiv zu schützen, ausgesetzt zu sein.

Von daher ist auch gut verständlich, dass inzwischen in Deutschland die Angst vor einem terroristischen Anschlag in nahezu allen Umfragen vorherrschend ist. Terroropfer zu werden gehört inzwischen zu den dominanten Bedrohungen, die in repräsentativen Befragungen die Liste der besonders bedrohlichen Risiken anführen. Die Vorstellung, es sei nur von einem blinden Zufall abhängig, ob man als Person selbst betroffen ist oder nicht, reicht schon aus, um in uns allen Ängste, aber auch Wut auszulösen.

Doch auch der Zufall ist inzwischen in der Wissenschaft zumindest zum Teil berechenbar geworden. Natürlich kann niemand die Ungewissheit wegdefinieren, die bei jedem zufälligen Ereignis auf dem einzelnen Individuum lastet. Man kann aber die Wahrscheinlichkeit angeben, die einem die relative Bedeutung des Terrorrisikos gegenüber anderen Risiken nahebringen kann. Und da zeigt sich deutlich, dass die Angst vor dem Terror zwar psychologisch verständlich ist, aber statistisch kaum begründet werden kann. In den letzten zehn Jahren sind im Schnitt pro Jahr 1,2 Menschen in Deutschland dem Terror zum Opfer gefallen. Dieser Schnitt wurde vor allem dadurch hervorgerufen, dass allein der rechte Terror durch die NSU-Gruppe für rund 40 Prozent der Terroropfer der letzten 20 Jahre verantwortlich ist. Die Zahl von 1,2 Menschen pro Jahr ist statistisch geringer als die Zahl der Menschen, die etwa durch Blitzschlag oder durch akute Pilzvergiftung in Deutschland ums Leben kommen. Im Straßenverkehr sind es über 3 500 Opfer pro Jahr und nach der Kriminalitätsstatistik sterben rund 300 Personen in Deutschland durch Mord. Selbst wenn man die Perspektive von Deutschland auf ganz Europa ausweitet, liegt die Zahl bei 49 getöteten Terroropfern pro Jahr. Bezieht man diese Zahl auf die Gesamteinwohnerzahl der EU-Länder, so ergibt es eine Verhältniszahl von 0,1 auf eine Million Einwohner.

Ähnlich wie beim Lotto heißt eine geringe Wahrscheinlichkeit natürlich nicht, dass man nicht diejenige Person sein könnte, auf die das unwahrscheinliche Ereignis zutrifft. Dennoch ist es rational, sich mehr um die Risiken zu kümmern, bei denen man mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu Schaden kommen kann. Wer etwa aus Angst vor einer möglichen Terrorattacke nicht mehr vor die Türe geht, erhöht sein Lebensrisiko um das mehr als 100-fache, wenn er damit seine Bewegungsaktivitäten um 80 Prozent reduzieren würde. Denn eines der größten Risiken des Bundesbürgers und der Bundesbürgerin ist der Bewegungsmangel, der signifikant die Lebenserwartung nach unten drückt.

Natürlich sind all diese Risikovergleiche nur von begrenzter Aussagekraft. Gegen Bewegungsmangel kann ich mich aktiv wehren, dagegen kann ich etwas tun. Es liegt an mir, ob ich dieses Risiko eingehen will oder nicht. Dem Risiko des Terrors bin ich schlichtweg schutzlos ausgeliefert. Das schürt zusätzliche Angst; und die damit einhergehende Wut über die Rücksichtslosigkeit der Täter tut das Übrige, um besonders emotional zu reagieren. Diese emotionale Reaktion aus Angst und Wut wird häufig auf andere projektiert, vor allem auf die, die nicht als Täter, sondern als Opfer zu uns kommen. Wer jetzt gegen Flüchtlinge aus den islamischen Ländern wettert, trifft genau diejenigen, die selbst den Terroristen entkommen wollen. Denn in deren Herkunftsländern wüten die Terroristen in ungleich höherem Ausmaß. Das Risiko, in Syrien, Irak oder Afghanistan von einem Terroranschlag betroffen zu sein, liegt um rund 1 000 bis 10 000 mal höher als bei uns. Wenn wir uns also solidarisch gegen den Terror wehren, dann ist es umso wichtiger, mit denen Solidarität zu üben, die ebenso wie wir unter dem Terror leiden.

Im christlichen Verständnis der Welt gibt es streng genommen keine Zufälle. Denn wenn eine die Welt geschaffene und sie ordnende Macht über uns steht, entgeht ihr natürlich keine der Ereignisse, die wir in unserem irdischen Zeit- und Kausalverständnis als Zufall interpretieren. Mehr noch, für eine Weltsicht, in der es einen über Raum und Zeit hinausgehenden Gott gibt, kann es auch keine Zeiträume geben, in denen die Zukunft ungewiss ist. Genau dieser Glaube ist es aber, der uns Christen Zuversicht geben kann. Denn all das, was uns auch immer in Zukunft geschehen mag, ist von Gott bereits erkannt und in seinem – für uns unergründlichen – Plan für die Entwicklung der Welt einbezogen worden. Diese Einsicht darf uns nicht zum Fatalismus verführen, denn gerade die Freiheit, die Gott uns als Geschenk gegeben hat, soll uns ja dazu befähigen, verantwortungsvoll unsere eigene Zukunft und die Zukunft unserer Mitmenschen human zu gestalten. Diese Einsicht kann uns aber zu mehr Gelassenheit und der Zuversicht führen, dass wir nicht Opfer eines blinden Zufalls, sondern Teil eines großen göttlichen Planes sind.

Der Autor ist Lehrstuhlinhaber für Technik- und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart und Direktor des Forschungsinstituts Dialogik.

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