Mönchengladbach

Kolumne: Von Staaten und Räuberbanden

Die Bilder der Konflikte aus den USA geben Anlass, an eine Grundeinsicht Christlicher Soziallehre zu erinnen.

Kolumne: Von Staaten und Räuberbanden
Der Autor ist evangelischer Theologe und lehrt als Professor für Ethik und Soziallehre an der Internationalen Hochschule Liebenzell. Foto: Martin Boettinger

Es sind erschreckende und mahnende Bilder unversöhnlicher sozialer Konflikte, die uns derzeit aus den USA erreichen. Und sie „illustrieren“ einen Ton der öffentlichen Auseinandersetzung in einer zunehmend zerrissen erscheinenden Gesellschaft, in der die Polarisierung von Gruppen und Interessen ein bedrohliches Ausmaß erreicht hat. Sicher ist das nicht das ganze Bild dieses vielschichtigen Landes. Aber es lohnt, sich für uns selbst aus diesem Anlass an eine Grundeinsicht christlicher Soziallehre erinnern zu lassen.

Soziale Ordnung hat einen geschöpflichen Auftrag

Soziale Ordnung ist kein naturwüchsiges Phänomen und seiner Bestimmung nach auch nicht das ziellose Ergebnis eines Machtkampfs, in dem Gruppen sich zusammenschließen, den größten Vorteil zu erbeuten. Soziale Ordnung hat christlich verstanden einen geschöpflichen Auftrag. Er gibt ihr Legitimation und Maßstab, und sie wird dem weder gerecht werden, noch Bestand haben können, wenn sie sich als eine „herrenlose Gewalt“ dem Selbstdurchsetzungskampf der widerstreitenden Interessen überlässt. In den letzten Jahrzehnten ist selbst für christliche Sozialethiker die Rede vom „Bonum Commune“ schwieriger geworden.

Zu problematisch ist die Frage, von woher es denn in einer pluralen Gesellschaft begründbar und einleuchtend, ja auch nur vernünftig diskutierbar sein kann. Zu Recht hat Benedikt (wie Johannes Paul II.) auf den Verlust hingewiesen, wenn naturrechtliche Gedanken als „katholische Sonderlehre“ gelten. Es mag „demokratisch offener“ erscheinen, sich eher funktional auf das Aushandeln subjektiver Interessen zurückzuziehen, die man unter Bedingungen der Postmoderne normativen Argumenten nicht zugänglich glaubt. Argumenten, die unter dem grundsätzlichen Verdacht stehen, selbst nur Machtpositionen stützen zu wollen, hinter einer Fassade der Frage nach normativer Geltung oder Mühen um bessere Erkenntnis des Guten.

Mut, von Gott her zu denken

Aber es ist Zeit, frei nach Augustin zu fragen, was denn Staaten sind, denen die Idee abhanden gekommen ist, im Dienst einer gerechten Ordnung zu stehen, die ihren Bürgern ein Leben ermöglichen soll, das ihrer personalen Bestimmung entspricht. Wo soziale Ordnung nicht von diesem Auftrag her lebt, verliert sie das Vertrauen. Selbststabilisierende Machtmechanismen der Aushandlung nach den jeweiligen Kräfteverhältnissen entwickeln auch „Räuberbanden“ und ihre zeitgemäßen hochkomplex-organisierte Erscheinungsformen. Das Unbehagen an einer nur instrumentellen Zweckrationalität, die uns aufgetragene Wertorientierungen verdrängt, ist begründet.

Die Metapher vom „Marktplatz der Interessen“ ist bequem, aber sie verspielt nötiges Vertrauenskapital. Unser Zusammenleben in Gesellschaft und Wirtschaft braucht die glaubwürdige Zielausrichtung, die ihm ein profiliertes Bewusstsein von der transzendenten Bestimmung und Würde des Menschen geben kann. Wir haben hier eine Wert-Orientierung anzubieten und in die Debatte einzubringen, die aus dem Christsein schöpft und an die „Seele“ des Gemeinwesens erinnert. Den Mut dazu zu haben, beides von Gott her zu denken, ist dringende Aufgabe christlicher Soziallehre! Dieses Angebot dürfen wir nicht schuldig bleiben.

Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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