Rom

Kolumne: Vergessene Mission – ein Jahr Amazonas-Synode

Die Amazonas-Synode 2019 wurde von großen Erwartungen begleitet. Das päpstliche Schreiben zum Abschluss der Synode hat mehr Beachtung verdient.
Prof. Elmar Nass
Foto: privat | Elmar Nass ist Professor für Wirtschafts- und Sozialethik und leitet das Ethikinstitut an der Wilhelm-Löhe-Hochschule in Fürth.

Im Oktober 2019 war es so weit: Die Amazonas-Synode tagte in Rom. Mit großem medialem Aufwand wurde eine Kirchenrevolution herbeigeschrie(b)en. Im Februar 2020 veröffentliche Papst Franziskus als Ergebnis die Exhortatio „Querida amazonia“. Der Umsturz war ausgeblieben. Die Zugangsbedingungen zum Priesteramt wurden nicht gelockert. Die Synode schien gescheitert, jedenfalls in den Augen säkularer Medien und moderner Kirchenreformer.

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Dann kam Corona. Und die Exhortatio geriet in Vergessenheit. Zu Unrecht: Denn das päpstliche Schreiben adressiert eine Vision der Neuevangelisierung. Sie richtet sich ausdrücklich als Ruf hinein in die ganze Welt, und damit auch an eine suchende Kirche in Deutschland. Was all die Enttäuschten bewusst verdrängten: In der Synode waren die Zugangsbedingungen zum Priesteramt nicht das Thema. Vielmehr ging es um die drängende Frage einer wieder glaubwürdigen katholischen Pastoral in Amazonien.

Synodenthema war die Neu-Evangelisierung

Da lag einiges im Argen: was etwa starke Abwanderungen zu Evangelikalen zeigten. Unter Beteiligung indigener Vertreter sollten Antworten gefunden werden, wie die katholische Kirche hier wieder die Menschen erreichen kann. Thema der Synode war also die katholische Neu-Evangelisierung. Das galt zunächst für die Amazonasregion, gilt aber auch für Deutschland. Schließlich liegt auch bei uns die Pastoral im Argen. Schon seit Generationen kreisen moderne Theologen und Kirchenvertreter um immer gleiche Forderungen einer selbsternannten Avantgarde, wenn es um Erneuerung geht.

Ein Kompass mit großer Botschaft

Franziskus gibt uns dafür einen Kompass an die Hand. Aber der ist für moderne Reformer nicht bequem. Deshalb wurde er schnell zur Seite gelegt. Solche Ignoranz sollte ein Ende haben. Der Kompass hat eine große christlich-soziale Botschaft. Prinzipien geben dieser Mission Kontur.

Sie lassen sich auf Amazonien, Deutschland und andere anwenden:

1.) Kirchliches Selbstverständnis als Verkünderin des Evangeliums: nicht als weitere NGO, denn das Kerygma ist mehr als bloß soziales und ökologisches Programm;

2.) ehrliches Eingeständnis von Fehlern der Vergangenheit: nicht als Selbstzweck, sondern als Ausgangspunkt gewinnender Evangelisierung;

3.) Symbiose von Kultur und Schöpfung: kein Gegeneinander und keine Öko-Religion;

4.) Inkulturation in Würdigung von Individuum, Gemeinschaft und Tradition: christliche Anthropologie und konservatives Profil statt Revolution oder säkulare Anpassung;

5.) Brücken- statt Mauerbau im pluralistischen Kontext: als Alternative zu exklusivem Rigorismus und aggressivem Abwerben;

6.) Glaubensbildung: Bewusstsein schaffen für Sinn und Begründung der sieben Sakramente und der katholischen Soziallehre;

7.) Demut: Bewahrung vor der Hybris, der Mensch könne alle Probleme (etwa den Priestermangel durch neue Regeln) allein lösen;

8.) Hingabe im Gebet: mit Jesus Christus als Mitte und Ziel, und der Mutter Gottes als liebende Mittlerin. Den Synodalen in Deutschland sei zum Jahrestag der Amazonas-Synode mit Augustinus empfohlen: „Nimm und lies!“

 

Die Koliumne erscheint in Zusammenarbeit mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ).

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