Mönchengladbach

Kolumne: Unser Haus brennt

Die Polarkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt, in Sibirien brennen die Wälder, 18 000 Kinder sterben jeden Tag an Hunger, 79,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht, 300 Millionen Coronainfizierte werden für diesen Sommer allein in Indien erwartet.

kolumne: Unser Haus brennt
Der Autor lehrt Wirtschaftsethik an der HfPh München, der Uni Siegen und der WHU Vallendar. Foto: Privat

Die Polarkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt, in Sibirien brennen die Wälder, 18 000 Kinder sterben jeden Tag an Hunger, 79,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht, 300 Millionen Coronainfizierte werden für diesen Sommer allein in Indien erwartet. Warum hören wir die Klage der Armen und der Erde nicht? Das gemeinsame Haus brennt – und wir jäten ungestört unseren adretten Vorgarten.

Unter dem Brennglas erblicken wir die Wunden des Kapitalismus auf den Schlachthöfen Westfalens.

Coronahotspot in der Provinz

Trotz vollmundiger Bekundungen steht dort das Wohl von Mensch und Tier offensichtlich nicht im Mittelpunkt. Osteuropäische Arbeitsmigranten werden unter pandemiefördernden Umständen von verantwortungslosen (Sub-)Unternehmern hin und her gekarrt, um für unsere Billigfleischversorgung zu schuften. So wird die deutsche Provinz zum europäischen Coronahotspot. Das Elend beginnt vor unserer Haustür – wir schauen weg und genießen auf der Gartenterrasse unseres brennenden Hauses die Grillwürste aus der Fleischtheke.

Doch es gibt Zeichen der Hoffnung: Papst Franziskus ruft uns zum fünften Jahrestag der ökologischen Sozialenzyklika „Laudato Si‘“ zur hegenden Sorge um das gemeinsame Haus auf (In cammino per la cura della casa comune): Menschenleben zu schützen und die Natur zu bewahren ist keine zweitrangige Option, sondern erste Christenpflicht. Corona zeigt, dass auf diesem Planeten alles zusammenhängt. Es bedarf deshalb einer integralen sozial-ökologischen Umkehr, die bei der Erziehung des Menschen ansetzt.

Respekt vor der Schöpfung

Der erste Ort, um Respekt vor der Schöpfung zu erlernen, ist die Familie. Hier gilt es von der Kleidung bis zur Nahrung die konsumistische Wegwerfmentalität zu überwinden und einen genügsamen nachhaltigen Lebensstil zu verinnerlichen. Schulen und Universitäten kommt die Aufgabe zu, das Konzept einer integralen Sozial-Ökologie systematisch zu reflektieren und Menschen zu qualifizieren, für unser gemeinsames Haus solidarische Zukunftsverantwortung zu übernehmen.

Insbesondere die katholischen Universitäten werden aufgerufen, die ökologische, soziale, politische und ökonomische Dimension in Forschung und Lehre zu integrieren und den Studierenden handlungsleitendes Orientierungswissen zu vermitteln. Unternehmen können ihren Beitrag zum Weltgemeinwohl leisten, indem sie menschenwürdige Arbeitsplätze schaffen, faire Löhne zahlen und aktiven Umweltschutz betreiben. Die internationale Politik bedarf eines neuen Entwicklungsmodells, das den Kampf gegen Armut und Klimawandel synergetisch verbindet. In einem lebenswerten gemeinsamen Haus darf es keinen Platz für Ausbeutung und Versklavung, Hungertote und Menschenhandel geben. Regenwälder sind wieder aufzuforsten, CO2-Emmissionen müssen reduziert und die Recycling-Wirtschaft ausgebaut werden.

Um den Brand unseres gemeinsamen Hauses zu löschen bedarf es dramatischer Sofortmaßnahmen, denn „die Zeit ist kurz“ (1 Kor 7,29). Wir müssen sofort umsteuern. Hand in Hand. Alle zusammen. Die Bekämpfung der Corona-Pandemie zeigt, dass wir dazu in der Lage sind.

Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ Mönchengladbach.

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