Mönchengladbach

Kolumne: Technik kann nicht Personen ersetzen

Elternrechte in der Pandemie

Kolumne: Technik kann nicht Personen ersetzen
Der Autor, tätig als pädagogisch-didaktischer Schulleiter der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik in Weinstadt, ist Sozialethiker und Erziehungswissenschaftler. Er lehrt als Privatdozent in Bonn. Foto: Privat

Versammlungs-, Gewerbe-, Religionsfreiheit … Der Stillstand hat viele Grundrechte beschränkt. Nicht aber das Elternrecht – auch wenn mitunter ein anderer Eindruck erweckt wird. So schrieb die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft: „Die geschlechterpolitische Strategie der Verlagerung von Kinderbetreuung […] in öffentliche Institutionen […] ist unter den Bedingungen der Pandemie in eine Krise geraten. […] Pflege, Betreuung, Erziehung und Bildung werden an die Kernfamilie zurückverwiesen […].“ Diese Aufgaben sind vorrangig Recht und Pflicht der Eltern, aus guten Gründen. Öffentliche Institutionen sollen die Familie unterstützen, nicht ersetzen.

Belastete Familien und Lehrer

Gleichwohl hat das erzwungene Lernen von zuhause aus Familien und Lehrkräfte belastet. Dabei hat die schöne neue digitale Lernwelt Kratzer erhalten. Technische und familiäre Rahmenbedingungen wie Probleme mit selbstständigem Lernen wurden deutlich verstärkt. Manche Schüler werden trotz größter pädagogischer Anstrengung nicht mehr erreicht. Bildungsdefizite sind die Folge, auch wenn bezweifelt werden darf, ob sich diese von Bildungsökonomen tatsächlich in genaue Einkommensverluste hochrechnen lassen.

Was lehrt diese Krise? Es zeigt sich, was gute Pädagogen schon immer wussten: Bildung braucht Beziehung. Auf den Lehrer kommt es an, nicht auf Technik. Daher braucht es pädagogische Freiheit. Nur der einzelne Lehrer kann entscheiden, was Schüler in ihrer Situation pädagogisch brauchen. Auch wäre es sinnvoll, wenn die unerwartete Freiheit für schulspezifische Lösungen auch nach der Krise erhalten bliebe.

Wie Bildung gelingt

Eltern und Lehrer brauchen gegenseitiges Verständnis für die je unterschiedliche Rolle der anderen Seite. Bildung gelingt, wenn Eltern und Schule miteinander arbeiten, nicht gegeneinander.

Schule kann neue Perspektiven erschließen, wenn sie die Lebenswelt der Schüler nicht einfach verdoppelt, auch nicht die digitale. Nur weil das Smartphone unverzichtbar erscheint, ist es nicht schon das beste Lerninstrument. Positiver Nebeneffekt der Krise: Schüler haben mitunter das Lesen ganz neu entdeckt.

Digitale Medien können Lernen unterstützen, aber nicht ersetzen. Gefragt ist Digitalisierung mit pädagogischem Augenmaß, nicht „Bedenken second“, wie eine Partei einmal im Wahlkampf verkündete. Der Vorrang des Pädagogischen und der Datenschutz sind ernst zu nehmen. Die Krise hat Sicherheitslücken bei vielen digitalen Angeboten offenbart.

Beteiligte digital ausstatten

Ressourcenfragen dürfen nicht individualisiert werden: Urheber sind angemessen zu vergüten. Der Dienstgeber muss Lehrer digital ausreichend ausstatten und fortbilden. Schüler ohne digitale Ressourcen dürfen nicht ausgegrenzt werden. Und der Staat muss die Verantwortung für den Erhalt öffentlicher Infrastruktur ernster nehmen als bisher, gerade angesichts kommender Steuerausfälle und Staatsschulden. Tut er dies nicht, geht das zulasten der Enkelgeneration.

Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach.

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