Kolumne: Raffen oder wirklich leben?

Von Professor Peter Schallenberg
Foto: KSZ | Professor Peter Schallenberg.
Foto: KSZ | Professor Peter Schallenberg.

Die erste Enzyklika von Papst Franziskus trägt den Titel „Lumen fidei“, zu deutsch „Licht des Glaubens“, denn sie beginnt mit diesen Worten und zeigt damit schon gleich am Beginn die Verbindung zum Vorgänger von Papst Franziskus, zu Papst Benedikt XVI. und dessen zwei Enzykliken „Deus caritas est“ (über die Liebe) und „Spe salvi“ (über die Hoffnung).

Was heißt und bedeutet es, an Gott, an den Gott Jesu Christi zu glauben? Was verändert sich, wenn jemand an diesen Gott und Vater Jesu Christi glaubt? Und vor allem: Was heißt das überhaupt, wenn ich sage „ich glaube“?

Der bedeutende französische Philosoph und Theologe Rémi Brague hat einmal gesagt: Das Christentum bringt eigentlich nichts Neues, es bringt nur ein neues Licht! Und er bietet ein Beispiel dafür: So wie die Möbel in einem fast unbeleuchteten und stark verschatteten Zimmer stehen, so stehen die wesentlichen Erkenntnisse des Lebens dem Menschen vor Augen, das, worauf es ankommt: Die Goldene Regel vor allem („Handle, so wie auch du behandelt werden möchtest!“), dann die wesentlichen Grundgebote „Du sollst nicht morden, nicht lügen, nicht stehlen, nicht die Ehe brechen!“, die sich in der jüdischen und in der christlichen und in vielen anderen Überlieferungen der Menschheit finden. All dies dient zuletzt welchem Ziel? Kurz und knapp lautet die Antwort: Das Ziel ist, glücklich werden zu wollen! Thomas von Aquin unterstreicht ganz nüchtern zu Beginn seines Hauptwerkes „Summa Theologiae“ (quaestio 19): Es unterliegt nicht der menschlichen Willensfreiheit, glücklich werden zu wollen! Das heißt: Niemand will freiwillig unglücklich sein, jeder strebt nach Glück, und die großen Religionen der Menschheitsgeschichte sind der einmütigen Überzeugung, dieses Glück trage einen Namen: Gott! Und das Christentum ist der Überzeugung und des Glaubens: Dieser Gott ist der Vater Jesu Christi und wurde von ihm geoffenbart und wird weiter – bis zum Ende der Welt – geoffenbart in der von ihm gestifteten Kirche und ihrer Sakramente! Und jetzt zurück zum Beispiel von Rémi Brague: Das Zimmer und seine Möbel, der Mensch und seine Gedanken und sein Gewissen ist da, aber es ist fast dunkel; der Mensch sieht nicht richtig im Leben und im Denken, er verwirrt sich. Kain verwirrt sich und hält seinen Bruder Abel für seinen Feind, David verwirrt sich und hält Bathseba für sein nützliches Eigentum, jeder Mensch verwirrt sich und hält sich selbst für den Nabel der Welt und den Mitmenschen bestenfalls für einen geeigneten Geschäftspartner, um das eigene Schäfchen möglichst sicher und schnell ins Trockene zu bringen.

Und da kommt das Licht des Glaubens und erleuchtet das Zimmer und seine Möbel, er leuchtet das Herz und Gewissen eines Menschen und lässt erkennen: Was du bisher für wichtig hieltest, ist bei Licht besehen eigentlich unwichtig, und was du bisher kaum beachtet hattest, ist bei Licht und von Jesus Christus aus gesehen ungeheuer wichtig! Ignatius von Loyola (1491–1556) drückt das in seinen „Regeln zur Unterscheidung der Geister“ in den „Exerzitien“ so aus: Wichtig ist, bei Licht besehen, nur das, was man in der Todesstunde noch wollen wird und was man dann, rückblickend, entschieden haben wollte! Ein amerikanischer Journalist drückt es etwas rustikaler aus: Nichts konzentriert das Denken so sehr wie die bevorstehende Hinrichtung!

Der Christ freilich glaubt nicht an die bevorstehende Hinrichtung, sondern an die bevorstehende Ewigkeit, und natürlich auch an das bevorstehende persönliche Gericht, an die dreimalige Frage Jesu an Petrus „Liebst du mich mehr?“ (Johannes 21, 15), die auch die Frage des Herrn an mich selbst sein wird. Nur diese Frage wird wichtig sein, und die Antwort darauf: Ja Herr! Und der Herr wird vermutlich weiter fragen: Und wie hat sich das gezeigt? Wen hast du geliebt und besucht und bekleidet und getröstet und gepflegt um meinetwillen? Denn was ihr den Geringsten getan habt, das hattet ihr mir getan... Dann wird sich erweisen, ob das Licht des Glaubens das Zimmer des Herzens und des Gewissens gut beleuchtet hatte, ob mir genügend klar war, wo ich treu und tröstlich und liebevoll und großmütig und bescheiden sein sollte.

Warum aber das „Licht des Glaubens“? Weil der Glaube an die unendliche und vollkommene Liebe Jesu der Kern des christlichen Glaubens schlechthin ist. Weil das ganze Glaubensbekenntnis und der ganze Katechismus zusammengefasst ist im Blick auf den gekreuzigten Erlöser, wie Paulus schreibt: „Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.“ (Galater 2,20). Genau dieses Pauluswort wird auch von der neuen Enzyklika zitiert und dies als neues Licht des Glaubens aufgefasst, das die Dunkelheit des Herzens und die Verwirrung des Gewissens erleuchtet. Nur wer glaubt, dass der Sinn des Lebens nicht im Haben, sondern im Sein, nicht im Raffen, sondern im Hingeben, nicht im Machen, sondern im Beschenkt-werden besteht, lebt wirklich und vegetiert nicht einfach nur in prächtiger Gewandung vor sich hin. So gesehen ist Jesus Christus wirklich, wie das Zweite Vatikanische Konzil einmal mit den Kirchenvätern sagt, „der perfekte Mensch“ („Gaudium et spes“, Nr. 22), perfekt im Bewusstsein der vollkommenen und vollkommen genügenden Liebe des Vaters. Und diese Perfektion, dieser Glaube wird uns in der Taufe geschenkt und in jedem Sakrament entfaltet: Glaube, dass ich und jeder Mensch unendlich wichtig ist für Gott und nicht fehlen darf bei der allmählichen, in der Geschichte fortschreitenden Entfaltung der Liebe Gottes. Glaube an Gott heißt: Glauben und vertrauen, dass Gott mich braucht und mir mein Leben als Kind Gottes zutraut! Und genau dies heißt, die Herrlichkeit Gottes sehen, wie der Herr mahnend zu der am Grab ihres Bruders zweifelnden und verzweifelnden Martha sagt: „Habe ich dir nicht gesagt, dass du die Herrlichkeit Gottes sehen wirst, wenn du glaubst?“ (Johannes 11,40)

Dies alles bündelt sich brennglasartig in einem Satz von Justin dem Märtyrer (100–165), den übrigens die neue Enzyklika „Lumen fidei“ („Über das Licht des Glaubens“) fast als Zentrum ihrer Überlegungen ansieht: „Niemals konnte jemand beobachtet werden, der bereit gewesen wäre, für seinen Glauben an die Sonne zu sterben!“ Die Heiden glaubten an die Sonne oder ähnlich Vergängliches. Der Christ glaubt an die unvergängliche Liebe Jesu Christi und darauf kann er getrost sterben. Nur das ist wirklich wahr, wofür man zu sterben bereit ist. Und erst in der Todesstunde wird sich offenbaren, ob wir an das Wahre und Wirkliche geglaubt haben. Und jetzt schon sollen wir die Probe aufs Exempel machen: So leben und glauben, als gäbe es Gott wirklich! Denn es gibt ihn!

Der Autor hat den Lehrstuhl für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn inne und ist

Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.

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