Kolumne: Personalität und Wirtschaft

Ein kurzer Blick auf die Antwortmöglichkeiten, die den Westen von allen anderen Kulturen wesentlich unterscheiden. Von Marco Bonacker
kolumne: Personalität und Wirtschaft
| Der Autor ist stellvertretender Leiter der Abteilung für Erwachsenenbildung im Bistum Fulda.Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

Wieso sind manche Kulturen wirtschaftlich erfolgreicher als andere? Woher speiste sich der schwindelerregende wirtschaftliche Aufstieg und die große Innovationskraft des Westens? Waren es einzelne technische Erfindungen wie der Buchdruck, die Dampfmaschine oder geographische und klimatische Bedingungen? Diese Jahrhundertfrage wird man wohl kaum monokausal beantworten können. Gleichwohl lohnt sich ein kurzer Blick auf die Antwortmöglichkeiten, die den Westen von allen anderen Kulturen wesentlich unterscheiden. Und das sind dann nicht zuallererst epochale technische Neuerungen, sondern religiös-kulturelle Grundlagen.

Die wesentliche Triebfeder abendländischer Entwicklungsfähigkeit finden wir bei Larry Siedentop. Er macht in „Die Erfindung des Individuums“ deutlich, dass der Mensch als moralisches Wesen erst im Kontext des Christentums seine eigentliche Freiheit und Gleichheit entdeckt, die zwar zunächst vor allem innerlicher Natur ist, sich Schritt für Schritt aber auch gesamtgesellschaftlich niederschlägt und schließlich die bis dahin gültigen Grenzen der Selbstverwirklichung sprengt. Ohne starke Personalität keine Innovationskraft! Diese Person steht als Schöpfung in ihrer jeweiligen Zeit und macht diese zu ihrer Geschichte. Dies führt zum zweiten Kernelement: Das jüdisch-christliche Zeitempfinden, wie der französische Philosoph Philippe Nemo deutlich macht, unterschied sich von anderen religiösen Traditionen und zyklischen Zeitvorstellungen durch seine starke Linearität. Prinzipiell gibt es zwar, wie das Buch Kohelet anmerkt, „nichts Neues unter der Sonne“. Aber für die Menschen eines linearen Geschichtsbildes ist trotzdem klar: Es gibt nur dieses eine Leben, kein Moment darin ist wiederholbar und daher darf kein Augenblick gezögert werden, das beste mögliche Leben zu führen. Das antike „Carpe diem“ bleibt keine philosophische Idee einer Elite, sondern wird zur existenziellen Berufung aller. Nicht die zyklische Wiederkehr des immer Gleichen prägt uns, kein deterministisches Karma soll uns gleichmütig in den Gegebenheiten unser Kaste fesseln, sondern der jeweils einmalige, zur Freiheit befreite Mensch ist im linearen Geschichtsbild gerufen, sein Heil in der Zeit vorzubereiten, ohne dabei freilich die Gnade Gottes erzwingen zu können. Die irdische Zeit als Geschichte wird zur Heilsgeschichte.

Ohne diese beiden fundamentalen religiös-kulturellen Voraussetzungen ist die Entwicklung des Abendlandes, wie es sich uns heute zeigt, kaum vorstellbar. Gerade nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem von Francis Fukuyama so berühmt beschworenen „Ende der Geschichte“ und dem Beginn dessen, was wir heute globalisierte Moderne nennen können, müssen wir festhalten: Zwar ist nicht mehr das größte Wirtschaftswachstum in westlichen Ländern zu verzeichnen (China hat hier bessere Zahlen zu bieten und Indien hat ungeahnte Entwicklungspotenziale), aber die wesentliche Innovationskraft ist dem Westen noch (!) nicht abhanden gekommen. Gerade die individuelle Menschenwürde darf dabei niemals gegen wirtschaftliches Wachstum ausgespielt, sondern muss als seine eigentliche Grundlage betont werden.

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