Kolumne: Personalität als Grundprinzip

Von Professor Peter Schallenberg
Foto: priv | Peter Schallenberg.
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Vor 120 Jahren, am 15. Mai 1891, wurde die moderne katholische Soziallehre geboren und zugleich damit ein neues Kapitel der christlichen Sozialethik begonnen. An jenem Tag nämlich veröffentlichte Papst Leo XIII. (1810–1903) – Gioacchino Pecci aus dem Städtchen Carpineto Romano in den Sabiner Bergen südlich von Rom stammend und vor seiner Papstwahl päpstlicher Nuntius im früh industrialisierten Belgien und sodann Erzbischof von Perugia – die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“. Auch wenn die moderne katholische Soziallehre im Sinn päpstlicher Sozialverkündigung erst damit ihren Anfang nahm, so gehörte doch die Wahrnehmung sozialer Verantwortung von Anfang an zum Markenkern des christlichen Glaubens. Schon im Alten Testament stand die Sorge um den Mitmenschen, besonders um die schwachen Glieder der Gesellschaft, um die Witwen und Waisen und Armen, im Zentrum des Interesses, man denke nur an die Botschaft der Propheten!

Gerechtigkeit sollte herrschen, aber nicht einfach eine kalte Tauschgerechtigkeit, sondern eine lebendige Ausgleichsgerechtigkeit: Es ist nicht recht, dass Kain den Abel erschlägt und Abel dem Kain als lebensbedrohender Konkurrent erscheint; es ist nicht recht, dass gelogen und betrogen und gestohlen wird; es ist nicht recht, dass König David mit Bathseba, der Frau des Uriah, die Ehe bricht; kurz: Es ist nicht gerecht, dass der Mensch den Mitmenschen nach Willkür und Gutdünken und Bequemlichkeit behandelt – ethische Anstrengung tut not, denn der Mensch ist sonst dem Menschen ein Wolf, schlimmer noch: ein Wolf ohne die im Tierreich übliche und Schlimmeres abwehrende Beißhemmung!

In der Spätzeit des Judentums verbindet sich dieser alttestamentliche Gedanke einer Gerechtigkeit, die zu Liebe und Barmherzigkeit strebt, mit dem griechischen Begriff der Gerechtigkeit als Grundlage von Ethik und Gesetzgebung: „Suum cuique“, jedem das Seine geben, wie es später im römischen Recht heißen wird, ist die Grundlage der menschlichen Gesellschaft, der politischen Gemeinschaft. Und jedem das Seine heißt eben zuerst: Jedem Menschen in Achtung und Würde begegnen, weil – und dies ist der genuin christliche Ansatz des Neuen Testamentes – jeder Mensch von Gott als Ebenbild des absoluten Gottes erschaffen wurde und daher absolute (nicht relative und nur relativ gültige) Würde besitzt, und weil jeder Mensch von Gott durch die Menschwerdung Jesu Christi erlöst wurde, wie die Kirchenväter sagen: weil jeder Mensch das gesamte Blut Christi wert ist!

Dies bündelt sich im Neuen Testament in den beiden großen sozialethischen Gleichnissen im Lukas-Evangelium: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt die Verlorenheit sowohl des Sohnes, der bei den Schweinen statt bei den Menschen lebt und damit „unter aller Sau“ im buchstäblichsten Sinn, also unter aller Menschenwürde dahinvegetiert, wie auch die Verlorenheit des älteren Sohnes, der auf Recht und Gesetz beharrt und sein gutes Recht einklagt, ohne die dahinterstehende Liebe des Vaters noch zu sehen; beide müssen gerettet werden: Der Jüngere aus seiner selbstgewählten Verelendung, der Ältere aus seiner selbstgewählten Vereinsamung!

Und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt die Verlorenheit des Menschen im Straßengraben einer scheinbar gut funktionierenden Gesellschaft, in der nur Schwache und Kranke unter die Räder des gut geölten Kapitalismus kommen, und denen geholfen werden soll sowohl durch die personale Tugend des Samariters, der ohne Aussicht auf Gegenleistung Hilfe leistet, wie auch durch die institutionelle Tugend des Wirtes, der den Verletzten im Wirtshaus für drei Tage auf Treu und Glauben – auf Kredit also! – aufnimmt und damit durchaus an der Schwäche des Verwundeten verdient, was der guten Wirkung der Hilfeleistung keinen Abbruch tut, möglicherweise allerdings nicht ausreicht, um den gut wirtschaftenden Wirt schnell in den Himmel kommen zu lassen.

Kurzum: Diakonie und Caritas in den zwei grundlegenden Organisationsformen von privater Tugend und öffentlicher Wohlfahrt sind von Anfang an ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal der Christen und untrennbar mit dem Glauben an den dreifaltigen Gott verbunden.

Was hat all dies mit Irland zu tun? Die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“ und damit die moderne christliche Sozialethik fiel nicht wie ein Blitz aus heiterem Sommerhimmel, sondern verdankt sich einem langen Nachdenken der Kirche und der Theologie nach der französischen Revolution über Gerechtigkeit und Sozialstaat. Dieses Nachdenken wurde insbesondere durch die irische Hungersnot der Jahre 1846/1847 stark beflügelt, weil Tausende verhungerten und Tausende auswandern mussten in die USA aufgrund der ungerechten Eigentumsverhältnisse im englisch besetzten und regierten Irland: Die katholischen Iren waren zumeist abhängige Landpächter ohne Eigentum und arbeiteten auf den Landgütern der anglikanischen Großgrundbesitzer. Weil aber der Heilige Stuhl zur selben Zeit an einer Annäherung an das anglikanische England interessiert war, schien eine allzu schwungvolle Unterstützung der katholischen armen Landbevölkerung in Irland nicht sehr opportun; Weltpolitik und Sozialpolitik kamen sich ins Gehege!

Zugleich verlagerte sich der Konflikt bald in die USA und nach Kanada, wo die gemischt konfessionelle Vereinigung der „Knights of Labor“, eine frühe Arbeiterschutzvereinigung, die Grundrechte der Arbeiter, insbesondere das Grundrecht auf Eigentum, einklagten. Lange zögerte Rom mit der Unterstützung der sozialpolitischen Forderungen, obwohl eine Reihe katholischer Laien und Priester diese Forderungen vehement unterstützten, bis es schließlich Erzbischof James Gibbons von Baltimore gelang, Papst Leo XIII. von der Rechtmäßigkeit der Arbeiterforderungen im Angesicht eines ungezügelten Kapitalismus und Liberalismus zu überzeugen. Und so verurteilte die Kirche vor 120 Jahren sowohl den schrankenlosen Liberalismus wie auch den materialistischen Kommunismus und bekräftigte das einzige Prinzip, das als Grundlage einer gerechten Gesellschaft dienen kann: die Personalität. Denn jeder Mensch ist Person und besitzt eine unantastbare Würde!

Der Autor ist Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn und leitet die Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.

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