Kolumne: Nachhaltige Entwicklung

Von Gertrud Casel
Foto: Justitia et Pax | Gertrud Castel.
Foto: Justitia et Pax | Gertrud Castel.

Unsere Welt heute scheint aus den Fugen geraten zu sein. Noch immer leben Milliarden von Menschen in Armut. Ein Leben und Arbeiten in Würde ist ihnen verwehrt. Gleichzeitig werden wenige Reiche immer reicher. Die Ungleichheit innerhalb der Länder und zwischen ihnen nimmt zu. Jugendarbeitslosigkeit raubt jungen Menschen in vielen Ländern die Zukunft. Eskalierende Konflikte, Gewalt und Terrorismus machen Entwicklungsfortschritte zunichte. Dürre und Extremwetter beziehungsweise Naturkatastrophen nehmen zu. Der Klimawandel wird mit all seinen Auswirkungen nicht zuletzt Flucht und Migration weiter befördern.

Aber „die Dinge können sich ändern“. Obwohl Papst Franziskus in Laudato si die „humanökologische“ Gefährdung drastisch beschreibt, hält er doch fest: „Die Menschheit besitzt noch die Fähigkeit, zusammenzuarbeiten, um unser gemeinsames Haus aufzubauen“ (Laudato si, 13).

Auf dem UN-Gipfel in New York verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs am 25. September 2015 eine neue globale Agenda für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) mit 17 Zielen, die weltweit soziale, ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit schaffen sollen.

Kräfte von Gesellschaft, Politik und Kirchen bündeln

Die Ziele sind ehrgeizig. Sie stellen die Politik jenseits der klassischen Trennung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern auf allen Seiten vor erhebliche Herausforderungen. Auch in Deutschland und Europa müssen wir uns noch entschiedener als bisher auf einen nachhaltigen Entwicklungspfad begeben. In der Sorge um das gemeinsame Haus, das größer ist als die deutschen und auch als die europäischen Räume, muss es zu einer konzertierten Anstrengung kommen, müssen ressortübergreifend die Kräfte aus Politik, Gesellschaft und Kirchen gebündelt werden. Wenn es etwa im Ziel 2 um die Beendigung des Hungers und die Schaffung von Ernährungssicherheit geht, muss auch Agrar- und Handelspolitik stärker als bisher dem Recht auf Nahrung Rechnung tragen. Und wenn das Ziel 8 Menschenwürdige Arbeit heißt, muss es zum Beispiel um den Schutz für Wanderarbeiter wie etwa Hausangestellte gehen, um angemessene Angebote für Langzeitarbeitslose, um soziale Sicherung und die Verhinderung weiterer Prekarisierung von Arbeit auch in Deutschland. Die in Ziel 16 angesprochene Förderung einer friedlichen und inklusiven Gesellschaft muss Konsequenzen haben auch für restriktive deutsche Rüstungsexporte, vor allem in Konflikt- und Krisenregionen.

Laudato si als Ermutigung und Herausforderung

Kein Wunder, dass Papst Franziskus im September 2015 in New York bei den Vereinten Nationen auf große Begeisterung gestoßen ist. Die Enzyklika Laudato si wird von vielen als Ermutigung und Herausforderung gesehen. Man sucht die Zusammenarbeit mit Glaubens- und Religionsgemeinschaften. Gegenüber einer früher stärker westlich säkularen Sichtweise hat sich durchgesetzt, dass für eine nachhaltig integrale Entwicklung die tiefsten Überzeugungen, Werte und Traditionen von Menschen berücksichtigt werden müssen.

Auch in Deutschland stellen uns die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele vor große Herausforderungen, ressourcenschonend zu produzieren, weniger zu verschwenden und uns klimafreundlich fortzubewegen sowie die Haltung des miteinander Teilens in einer nachhaltigen inklusiven Wirtschaftsweise weiter zu entwickeln. Und das geht alle an – nicht nur entwicklungspolitisch oder weltkirchlich Engagierte. Die Kirchen können und sollten ihren Einfluss geltend machen und zur Umsetzung der Agenda 2030 motivieren, vor allem mit ihrem größten Schatz, einer verbindenden Schöpfungsspiritualität. Und die Kirchen sollten in ethischem Einkauf, Beschaffungswesen, Umweltmanagement und ethischem Investment vorangehen. So wie sie auf dem Ökumenischen Pilgerweg nach Paris in überzeugender Weise zur Klimage-rechtigkeit aufgerufen haben: „Geht doch“!

Die Autorin ist seit 2002 Geschäftsführerin der Deutschen Kommission Justitia et Pax sowie der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) und des Exposure- und Dialogprogramme e.V.

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