Kolumne: Lourdes und der Sozialstaat

Peter Schallenberg
| Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit ihr.

Während ich diese Sätze schreibe, bin ich mit über 900 Pilgern in Lourdes auf der jährlichen Malteserpilgerfahrt des Erzbistums Paderborn. Jedes Jahr über Palmsonntag sind wir an der Grotte und schauen dann auf die einfache Gipsfigur der Gottesmutter Maria, die 1858 genau dort der kleinen Bernadette Soubirous erschienen ist. Seitdem kommen Kranke und Pilger nach Lourdes und hoffen auf ein Wunder. Ein Wunder? Weihbischof Matthias König zitierte in der Hl. Messe einen Satz von Vaclav Havel, dem schon verstorbenen ersten tschechischen Präsidenten nach der Wende und der Befreiung vom Kommunismus, bei der Begrüßung von Papst Johannes Paul II. in Prag: „Ich weiß nicht, ob ich weiß, was ein Wunder ist...“ Darüber habe ich in Lourdes vor der Grotte und beim Beten und der Vorbereitung dieser Sätze viel nachgedacht: Was sind die Wunder unseres Lebens? Und im Blick auf unseren Staat und unsere Wirtschaft: Was sind eigentlich die Wunder des menschlichen Lebens, die der Staat und die Wirtschaft unwidersprochen voraussetzen, so wie dies der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde einst formulierte: „Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Was sind denn die bei Licht besehen wunderbaren Voraussetzungen unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftens, was sind unsere menschlichen Ziviltugenden? Was ist der Kern dessen, was wir oft Zivilgesellschaft nennen, und was in totalitären Systemen mit diabolischem Eifer vollständig zerstört wurde? Ganz klar kann man das benennen: Vertrauen, Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit, Verantwortung, Bereitschaft zur Haftung und zum Risiko, eine Kultur der Entschuldigung und Verzeihung und Wiedergutmachung, eine Kultur des Scheiterns geradezu, die auch nach Insolvenz und Bankrott einen Neuanfang erlaubt. Nicht zuletzt ein verlässliches Bankenwesen mit der Möglichkeit zu Krediten und überschaubarer Verschuldung und sogar zu nachhaltigem Investment von Geldanlagen, so dass auch mit Geld und Reichtum noch gut gewirtschaftet wird. All das ist nicht selbstverständlich, wir sehen es schon im Gleichnis vom barmherzigen Samariter im Lukasevangelium: Der Samariter bringt den Kranken ins Wirtshaus und erhält Kredit vom Wirt zur Pflege des Kranken. All das überzeugt uns davon: Der Mensch ist im tiefsten Herzen dem Mitmenschen nicht Wolf, sondern Freund! Aber am Staat und an der Wirtschaft liegt es, die Bereitschaft zu Kooperation hervorzukitzeln und zu fördern und, wie etwa im Fall der Pflegeversicherung, auch zu fordern. Von selbst und ohne positive Anreize versandet leicht jede Bereitschaft zur Solidarität und es bleibt oft nur nackter und kalter Egoismus übrig: ein trauriges Gefängnis der Selbstgefälligkeit... Solche Wunder der menschlichen Zuwendung, wie man sie in Lourdes eindrucksvoll erleben kann, kitzelt Gott aus uns nach Kräften heraus, durch unser Gewissen und unsere Gesetze, durch die Sakramente, durchaus auch durch die Erscheinung der Gottesmutter 1858! Und solche winzigen Wunder erst machen ein florierendes Zusammenleben von höchst unterschiedlichen Menschen in Freiheit und Freundschaft möglich – für den Christen nicht einfach als stummer Wartesaal vor der Ewigkeit, sondern als tätige Vorbereitung dieser liebenden Ewigkeit Gottes.

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