Kolumne: Inklusion oder Integration

| Boris Krause.
| Boris Krause.

Der Beginn des neuen Schuljahres bietet Anlass, ein unter Umständen in Vergessenheit geratenes Bildungsthema aufzugreifen. Als das Bundeskabinett im Juni 2011 den Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention beschloss, verkündete Bundesministerin Ursula von der Leyen, dass für die knapp zehn Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland Maßnahmen ergriffen werden sollen, durch die sich deren Chancen für den Zugang zum Arbeitsleben verbessern. In den Plänen der Politik spielte und spielt hierbei auch Bildung, nicht zuletzt die schulische, eine zentrale Rolle. Allerdings geht es nicht einfach nur um ein Mehr an Bildung. Es geht um das, was schon im Konventionstext unter den Begriff „Inklusion“ gefasst wurde, um eine neue Form der Realisierung gesellschaftlicher Teilhabemöglichkeiten von Menschen. Wie steht es in Deutschland um die „inklusive“ Bildung?

Inklusionsansätze gehen davon aus, dass Menschen verschieden sind und ihre Verschiedenheit kein Defizit, sondern bejahenswert ist. Wer für Inklusion plädiert, unterscheidet nicht zwischen normalen und anormalen Menschen – die einzige Normalität ist dem Inklusionsdenken zufolge nur das Teilhaberecht aller. Das ist ein neuer Denkansatz, auch im Bildungsbereich. Der Inklusionsgedanke will hier über das Anliegen der „Integration“ hinausgehen: Es soll nicht nur darum gehen, innerhalb gegebener Bildungsstrukturen Zugänge für Menschen mit Behinderungen zu schaffen, sondern Strukturen von vornherein so zu gestalten, dass sie der Vielfalt menschlicher Merkmale und Lebenslagen gerecht werden. Praktisch soll so gemeinsames Lernen möglich sein, von Menschen mit und ohne Behinderung.

An der Umsetzung inklusiver Bildung hapert es in Deutschland allerdings, und zwar erheblich. Strukturell bleibt es im deutschen Schulsystem bei der Dominanz des Prinzips (früher) Selektion. Während die überwiegende Mehrheit der Kinder mit Förderbedarf hierzulande Sonder- beziehungsweise Förderschulen besucht, sieht es in vielen Ländern Europas anders aus: Die meisten Kinder mit Förderbedarf gehen hier auf Regelschulen, vor allem in den skandinavischen Ländern. In Deutschland gilt, dass für ein Kind eher die passende Schule gesucht wird, als dass die Schule für das Kind passend gemacht würde. Der Gedanke gemeinsamen Lernens unter einem Dach, gerade an weiterführenden Schulen, ist eher befremdlich als selbstverständlich.

Dabei sind die positiven Effekte auf die Leistung der Lernenden keine Geheimnisse mehr, was die durchaus auch in Deutschland vorhandenen Beispiele inklusiven Lernens zementieren. Dennoch fehlen hier in der Breite schlicht die Möglichkeiten, Inklusionsvorhaben angemessen zu realisieren. Es mangelt bereits an pädagogischen Aus- beziehungsweise Fortbildungsmöglichkeiten, an Zeitressourcen für ohnehin überlastetes Lehrpersonal, vor allem in den Sekundarstufen. So ist davon auszugehen, dass das, was an der einen oder anderen Schule offiziell als Inklusion gilt, weit von dem entfernt ist, was die Grundidee meint.

Nicht zu kritisieren ist freilich, dass grundlegende Strukturreformen im Bildungssystem Zeit brauchen. Missfallen muss vielmehr der Glaube, dass es im Fall der Inklusion mit halbherzigen Lösungen getan sei. Inklusive Bildung, also gemeinsames Lernen von Menschen mit und ohne Behinderung, welches individuellen Anliegen gerecht werden will, hat besondere Anforderungen, die im Bildungsalltag zu unterschreiten bedeuten kann, speziell förderungsbedürftigen Menschen eher zu schaden als zu nützen. Sowohl in der Bildungspraxis als auch auf der politischen Entscheidungsebene ist so zu bedenken, welches Anliegen eigentlich verfolgt werden soll: „Inklusion oder Integration?“, das ist die Frage.

Der Autor ist politischer Referent bei der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland. Weitere Kolumnen unter www.ksz.de.

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