Mönchengladbach

Kolumne: Gegen Corona- Utilitarismus

Der Corona-Shutdown kommt uns auch mit seinen Nachwirkungen teuer.
Elmar Nass, Professor für Wirtschafts- und Sozialethik
Foto: privat | Elmar Nass ist Professor für Wirtschafts- und Sozialethik und leitet das Ethikinstitut an der Wilhelm-Löhe-Hochschule in Fürth.

Der Corona-Shutdown kommt uns auch mit seinen Nachwirkungen teuer: wirtschaftliche Rezession, Arbeitslosigkeit, häusliche Gewalt, psychische Erkrankungen, Schuldenberge, aufgeschobene medizinische Therapien ... Will man das Ganze in eine ökonomische Formel bringen, sind solche Kosten der Zukunft zu verrechnen mit dem Nutzen, den wir dadurch gewonnen haben, sprich, der geringeren Zahl der Toten in der Gegenwart.

Kosten-Nutzen-Debatte

Eine solche Kosten-Nutzen-Diskussion hat in Großbritannien der Ökonom Toby Young angestoßen: Er stellt eine spekulative Bilanz auf für das Shutdown-Szenario einerseits, für einen hypothetischen Verzicht darauf andererseits. Ob ein Shutdown gerechtfertigt ist oder nicht, sei eine Frage der Abwägung zwischen gegenwärtigem und zukünftigem Leben. Dazu wird ein in Geld bemessener Wert von geretteten Lebensjahren errechnet. Hier kommt das Modell des ökonomischen Wertes eines statistischen Lebensjahres (VSLY) zur Anwendung.

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Der VSLY bemisst in Geld die Zahlungsbereitschaft einer Gesellschaft für den potenziellen Zugewinn eines Lebensjahres. Mit diesem Wert werden die Opfer an Lebensjahren heute (durch höhere Mortalität bei Shutdown-Verzicht) mit den zukünftigen Opfern an Lebensjahren (bei jetzigem Shutdown) verglichen. Hierbei werden alle möglichen Sekundär- und Spätfolgen mit berücksichtigt. Young kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Verzicht auf den Shutdown langfristig gelohnt hätte. Opfer von Lebensjahren heute (bemessen in Geld) würden mehr als kompensiert durch damit gewonnene Lebensjahre in Zukunft, so die These.

Der Selbstwert des Lebens

Eine christliche Position hält dagegen:

1.) Der favorisierte Verzicht auf den Shutdown nimmt Opfer von Lebensjahren in der Gegenwart in Kauf, um potenziell Lebensjahre in Zukunft zu retten. Diese Verrechenbarkeit ist altersdiskrimierend.

2.) Die Berechnungen suggerieren, es ginge um ein Abwägen von (gegenwärtigem) und (künftigen) Leben. Dies verkennt aber, dass in der Kosten-Nutzen-Abwägung am Ende bloß noch spekulative Geldsummen miteinander verglichen werden.

Ökonomisch Messbares

Es geht nicht um den Selbstwert des Lebens, sondern um ökonomisch Messbares. Menschenwürde wird unter dem utilitaristischen Nutzenkalkül relativiert.

3.) Konsequent könnten auf einer solchen schiefen Bahn Maßnahmen mit sozialdarwinistischen Konsequenzen für alte, sterbende, behinderte Menschen begründet werden. Denn jene Mitbürger kosten ja vermeintlich die Gesellschaft jetzt etwas, wobei dieses Geld besser in die Zukunft investiert werden solle. Solche Logik ist hoch gefährlich.

4.) Eine Bewertung des Shutdown-Szenarios muss Menschenleben als objektive Werte unterstellen. Julian Jessop etwa verweist darauf, dass eine vergleichbare Kalkulation etwa im Zweiten Weltkrieg die USA und Großbritannien als Alliierte hätte davon abhalten müssen, eine Landung in der Normandie vorzunehmen, mit all den Toten. Trotzdem ist diese Entscheidung legitim gewesen.

Auch christliche Ethik gründet in solchen Werten, die keinesfalls Kosten-Nutzen-Analysen unterzogen werden dürfen.

Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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