Kolumne: Christliche Werte neu buchstabiert

Von Professor André Habisch
Foto: KU Eichstätt | Professor André Habisch.
Foto: KU Eichstätt | Professor André Habisch.

Beim jüngsten CDU-Parteitag in Leipzig ist es wieder laut geworden: Das Missfallen christlicher Kreise an der Regierung Merkel. Schon von ihrem kulturellen Umfeld her erscheint die geschiedene Protestantin aus dem Osten kaum Führung nach christlichen Werten zu verkörpern. Auch Journalisten kritisieren Merkels „Wankelmütigkeit“ und ihre demonstrierte Bereitschaft, altbewährte Positionen zu räumen. Fehlende christliche Substanz und mangelnde Prinzipienfestigkeit zeige sich – so die Kritiker – gerade in allzu großer Flexibilität gegenüber dem Zeitgeist. Ist es nicht Ausdruck christlicher Wertorientierung, an Bewährtem auch dann noch festzuhalten, wenn es nicht mehr der Mehrheitsmeinung entspricht?

Doch was ist überhaupt christliche Politik? Ist sie konservativ oder progressiv, in ihren konkreten Forderungen identisch oder veränderbar? Wie konservativ ist der christliche Politiker? Und wie schnell ist er bereit, über bessere Alternativen nachzudenken?

Diese Frage lässt sich naturgemäß auf mehr als eine Weise beantworten. Konfessions- und Kulturunterschiede spielen dabei eine Rolle – etwa wenn wir an christliche Politik in den Südstaaten der USA oder im Osten Polens denken. Doch wir wollen hier die deutsche Tradition der christlich-sozialen Bewegung befragen. Diese – heute leider weitgehend vergessene – Tradition hat unser Zusammenleben und die Institutionen der jungen Bundesrepublik Deutschland tiefgreifend geprägt: Sie ist auch als deren „geheime Staatsreligion“ (Jan Ross) bezeichnet worden. Wie lässt sie sich in Bezug auf die hier gestellten Fragen einordnen?

Christliche Politik ist in Deutschland eine Reaktion auf die Industrialisierung, die tiefgreifendste Veränderung der menschlichen Zivilisationsgeschichte überhaupt. Industrielle Produktion brachte eine explosionsartige Steigerung der Lebensmöglichkeiten. In Deutschland verdoppelte sich zwischen 1850 und 1914 die Bevölkerung bei gleichzeitiger Verdreifachung des Pro-Kopf-Einkommens. Zugleich stellte sie die Menschen, die von industrieller Produktionsweise, Leben in anonymen Arbeitervorstädten und geringer sozialer Absicherung betroffen waren, vor enorme soziale und kulturelle Herausforderungen. Eine Reaktion auf die Veränderungen war der Ruf nach neuen Werten: Friedrich Nietzsche etwa beschuldigte das Christentum, jahrhundertelang Entwicklung verhindert zu haben, verkündete den Tod Gottes und rief den Übermenschen aus, dessen „Recht des Stärkeren“ gegen die Sklavenmoral des Christentums zu schützen sei.

In dieser geistigen Situation hielt die christlich-soziale Bewegung an den tradierten abendländisch-christlichen Werten fest – sie war in diesem Sinne konservativ. Zugleich buchstabierte sie diese aber völlig neu aus: Kirchliche Soziallehre ist formal und inhaltlich eine Innovation, die im Bereich etwa der Moralverkündigung ihresgleichen sucht. Sie stellt früh den Kontakt mit den akademischen Wirtschaftswissenschaften her, beschränkt sich auf ein Prinzipiengefüge „offener Sätze“ (Walfraf), die zu ihrer konkreten Auslegung der Mündigkeit des Laien bedürfen. Sie bringt betriebliche Sozialpolitik, christlichen Journalismus und kirchliche Stellungnahmen zu sozialen und politischen Fragen hervor. Sie begründet das Arbeitsrecht in Deutschland (Betriebsräte, Arbeitsgerichte, Tarifpartnerschaft).

Ihre Protagonisten sind im wesentlichen Arbeiterpriester oder Laien (Gewerkschaftler, Journalisten, Funktionäre, Unternehmer), die in ihrem Ringen um „Bedingungswandel statt Gesinnungswandel“ von der kirchlichen Hierarchie kritisch beobachtet worden sind.

Fazit: Die christlich-soziale Bewegung hat christliche Werte völlig neu ausbuchstabiert – gerade um seinen programmatischen Kernbestand, den es in den Sozialprinzipien der Personalität, Solidarität und Subsidiarität bestimmt, zu bewahren. Dadurch hat sie die – per se wenig wahrscheinliche – Erfolgsgeschichte Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt erst möglich gemacht.

Was bedeutet dies für die heutige Situation? Bundeskanzlerin Merkel sagte beim Parteitag in Leipzig: „Wir leben in Zeiten epochaler Veränderungen.“ Entscheidend für die Antworten der Partei müsse der „Kompass“ des christlichen Menschenbildes sein, nicht Antworten, die in der Vergangenheit gegeben wurden. So verschieden von der christlichen Politiktradition in Deutschland hört sich das gar nicht an. Denn vieles muss sich ändern, damit alles beim Alten bleiben kann. Wem an der christlichen Wertetradition gelegen ist, der sollte beizeiten darüber nachdenken, in welcher Form sie unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts zur Geltung gebracht werden kann. Frau Merkel wird man das nicht absprechen können.

André Habisch ist seit 1998 Professor für Christliche Sozialethik und Gesellschaftspolitik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, war dort 2001 bis 2004 Gründungsdirektor des Zentralinstituts für Ehe und Familie in der Gesellschaft sowie wissenschaftlicher Berater der Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz.

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