Integration braucht eine Weile

Mit einer neuen Studie will die Konrad-Adenauer-Stiftung eine Forschungslücke schließen. Von Carl-Heinz Pierk
Weihnachten im Integrationskurs
Foto: dpa | Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Ausländer will sich integrieren.

Kaum ein Thema erregt so viel öffentliches Interesse, stößt auf so viel Diskussionsbedarf wie das der Integration. Was bedeutet gelungene Integration, wie kann das Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen gestaltet werden und welche Maßnahmen sind nötig, um Probleme bei der Integration zu beheben?

Dabei verstehen wir unter Integration allgemein einen Prozess, bei dem sowohl Zuwanderer als auch die, die ihre Wurzeln in Deutschland haben, offen aufeinander zugehen. Obwohl etwa ein Fünftel der Menschen in Deutschland eine Zuwanderungsgeschichte hat, gibt es kaum Studien zu Einstellungen von Migranten und Ausländern. Zudem gibt es keine repräsentativen Studien zu Einstellungen und Integration von Muslimen.

Mit der kürzlich vorgelegten Studie „Was uns prägt. Was uns eint. Integration und Wahlverhalten von Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund und in Deutschland lebenden Ausländern“ will die Konrad-Adenauer-Stiftung eine Forschungslücke schließen. Die der Studie zugrunde liegende repräsentative Umfrage wurde zwischen Januar und April 2015 durchgeführt. Dabei wurden 1 004 Deutsche mit Migrationshintergrund und 1 009 dauerhaft in Deutschland lebende Ausländer telefonisch befragt, nachdem sie über ein reines Zufallsverfahren ausgesucht worden waren. Flüchtlinge wurden in diesem Zeitraum nicht befragt. Um einen Vergleichsmaßstab herzustellen, nahmen auch 1 021 Deutsche ohne Migrationshintergrund an der Umfrage teil.

„Die Studie bietet eine Fülle an Erkenntnissen und gerade im postfaktischen Zeitalter müssen wir uns mit Fakten auseinandersetzen“, sagte Peter Altmeier, Chef des Bundeskanzleramts und Bundesminister für besondere Aufgaben, bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Viele Migranten in Deutschland seien besser integriert als oft vermutet. Die Studie belege, dass Integration möglich sei. „Integration bedeutet nicht, dass die eigene Herkunft an der Garderobe abgegeben wird“, sagte Altmaier. Vielmehr ginge es um die Bereitschaft, auf die Gesellschaft zuzugehen und deren Regeln anzunehmen.

„Wer in Deutschland lebt, sollte auch die deutsche Sprache lernen. Über 90 Prozent der Migranten und Ausländer teilen diese Meinung“

Die repräsentative Studie zeigt, dass 83 Prozent der Deutschen mit Migrationshintergrund und 76 Prozent der Ausländer der Auffassung sind, Zuwanderer sollten ihr Verhalten der deutschen Kultur anpassen. Die Studie widerlegt auch das Klischee, Zuwanderer würden die Demokratie in Deutschland nicht anerkennen.

66 Prozent der Deutschen mit Migrationshintergrund und Ausländer sind mit der Demokratie in Deutschland sehr zufrieden: „Je länger Zuwanderer in Deutschland sind, desto besser sind sie integriert. Die emotionale Verbundenheit mit dem Herkunftsland nimmt immer mehr ab und im Gegenzug steigt die Verbundenheit mit dem Aufnahmeland Deutschland.“

Konkret zeigt sich das auch im Sprachverhalten. So heißt es in der Studie. „Entsprechend weit verbreitet ist die Meinung, wer in Deutschland lebt, sollte auch die deutsche Sprache lernen. Jeweils über 90 Prozent der Deutschen, der Migranten und der Ausländer teilen diese Meinung. Zudem nimmt diese Einstellung noch mit längerem Aufenthalt in Deutschland zu. 90 Prozent der Zuwanderer, die seit bis zu fünf Jahren in Deutschland leben, stimmen dem völlig oder eher zu, während 97 Prozent derjenigen, die vor über 20 Jahren zugewandert sind, den Erwerb der deutschen Sprache befürworten.“

Interessanter Aspekt dabei: „Je länger ein Befragter in Deutschland lebt, desto häufiger spricht er zu Hause überwiegend Deutsch. Von den Zuwanderern, die seit mehr als 20 Jahren in Deutschland sind, sprechen 71 Prozent zu Hause Deutsch (Migranten und Ausländer zusammengenommen). Das deutet auf eine starke sprachliche Anpassung hin.“

Die Studie stellt zudem fest, dass die Religiosität bei Muslimen gleich ausgeprägt ist wie bei Christen in Deutschland. Dennoch gebe es Problemgruppen. So heißt es in der 104 Seiten umfassenden Analyse: „Obwohl die Religiosität der Muslime nicht besonders hoch ausgeprägt ist, gibt es eine kleine Gruppe der Muslime, die Tendenzen zu religiösem Fundamentalismus erkennen lässt. Sie befürworten eine buchstabengetreue Auslegung des Korans und lehnen eine Heirat zwischen einer Muslima und einem Christen ab. Die Mehrheit der Muslime äußert jedoch die Meinung, dass die Lehre des Islam an die moderne Welt angepasst werden müsste, und zeigt sich daher nicht fundamentalistisch, sondern im Gegenteil offen für kulturelle Anpassungen.“ Integration findet statt, sie braucht nur eben eine Weile, lautet das Resümee der Studie. Um diesen Prozess und dabei vor allem die kulturelle und die strukturelle Integration zu beschleunigen, ist nach Ansicht der Autorin Sabine Pokorny, Koordinatorin Empirische Sozialforschung in der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung, ein Integrationsgesetz nötig: „Wenn es nicht 20 oder 30 Jahre oder gar zwei oder drei Generationen dauern soll, bis der Integrationsprozess eines Zuwanderers ein akzeptables Niveau erreicht hat, sollten Zuwanderer bei diesem Prozess unterstützt und dazu aktiv ermuntert werden. Das neue Integrationsgesetz hat genau dieses Ziel.“

„Mehrheit der Muslime äußert die Meinung, dass die Lehre des Islam an die moderne Welt angepasst werden müsste und zeigt sich offen für kulturelle Anpassungen“

Allerdings setze der Gesetzgeber den Fokus auf die strukturelle Integration in den Arbeitsmarkt und die kulturelle Integration in Form von Sprachkenntnissen. Nicht berücksichtigt würden bisher die soziale und die identifikative Integration sowie andere Aspekte der kulturellen Integration jenseits der Sprache. Ein wichtiger Fingerzeig daher: „Besonders im Bereich der Auffassungen zu religiösen Fragen konnte die vorliegende Studie noch kulturellen Integrationsbedarf feststellen.“ Kulturelle und religiöse Bedingungen spielen schließlich eine wichtige Rolle beim Gelingen oder Misslingen der Integration.

Themen & Autoren

Kirche