Kolumne

Impf-Management: Verpasste Chancen

Deutschland hat die zu Beginn der Pandemie erarbeiteten Chancen nicht genutzt. Ein Kernproblem war die Beschaffung und Produktion von Impfstoffen.
Impf-Management: Verpasste Chancen
Foto: KSZ | Der Autor ist stellvertretender Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ.)

Schneller als andere Regierungschefs hatte Kanzlerin Merkel im Frühjahr letzten Jahres begriffen, was die Corona-Pandemie bedeutet. Sie traf die richtigen Entscheidungen, wendete sich mit einem noch nie dagewesenen Fernseh-Appell an die Bevölkerung, und Deutschland kam so gut wie kaum ein anderes Land durch die erste Welle. Merkel, das war der Gegenentwurf zu US-Präsident Trump, der sein Land mit einem erratischen, teilweise irrsinnigen Kurs immer tiefer in die Misere steuerte.

Leider hat Deutschland die damals erarbeiteten Chancen in der Folgezeit nicht genutzt. Das betrifft vor allem die Frage der Beschaffung und Produktion von Impfstoffen.

Ein Beispiel: Als sich im Juli letzten Jahres die Firma IDT Biologika aus Dessau anbot, Corona-Impfstoffe zu produzieren und es um die Frage ging, ob die Bundesregierung bei dem erforderlichen Um- und Ausbau der Produktion helfen könne, lautet die Antwort aus dem Bundeswirtschaftsministerium: Nein! Man befürchte keine Knappheiten bei der Impfstoffproduktion, hieß es aus dem Haus des Merkel-Vertrauten Peter Altmaier.

Folgen für Volkswirtschaft

Es ist geradezu schmerzhaft zu sehen, wie planvoll demgegenüber die – ansonsten zu Recht vielgescholtene – Trump-Administration für eine mehr als ausreichende Produktion von Impfstoffen im eigenen Land gesorgt hat. Dass die USA mit ihrer Impfkampagne heute so viel besser dastehen als die Europäische Union, ist kein Zufall.

Die Impfmisere hat auch wirtschaftlich erhebliche Folgen. Während die Volkswirtschaften in Asien und den USA schon wieder kräftig Fahrt aufnehmen, steht Europa mitten in der dritten Welle. Die OECD gibt für Europa düstere Wirtschaftsprognosen ab wegen der langsamen Impfkampagne in Verbindung mit einem schlechten Gesundheitsmanagement. Letzteres ist in Deutschland zwar nicht so desaströs wie etwa in Frankreich, wo sich der selbstverliebte Präsident von seinen Wissenschaftlichen Beratern „emanzipiert“ hatte und die Pandemie völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Aber auch Deutschland steht bei weitem nicht mehr so gut da wie noch vor einem Jahr. Das liegt vor allem daran, dass seit dem Herbst die Ministerpräsidentenkonferenz das Heft des Handelns an sich gezogen hat.

Wissenschaft ignoriert

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In den letzten Wochen hat sich die Lage noch einmal zugespitzt, weil einige der Länderchefs in fast schon Trump'scher Manier die Wissenschaft ignoriert, planlose Öffnungsschritte vollzogen oder gar – wie im Fall des Saarländers Tobias Hans – ihr ganzes Bundesland zum „Modellprojekt“ erklärt haben. Möchte Angela Merkel die Bilanz ihrer Kanzlerschaft nicht verderben, muss sie diesem Wildwuchs schleunigst ein Ende setzen, das Gesundheitsmanagement wieder in die eigenen Hände nehmen und den von allen Epidemiologen empfohlenen – hoffentlich letzten – harten Lockdown durchsetzen. Weil Deutschland und Europa bei dem Impfen so sehr hinterherhinken, gibt es keine andere Möglichkeit.

 Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ.

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