Heinrich der Ewige

Christliche Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft – Teil V: Heinrich Brauns. Von Sebastian Prinz
Heinrich Brauns
Foto: KNA | Er war der längst amtierende Minister der Weimarer Republik: Der Priester Heinrich Brauns konnte acht Jahre lang als Reichsarbeitsminister sozialpolitische Akzente setzen.
Heinrich Brauns
Foto: KNA | Er war der längst amtierende Minister der Weimarer Republik: Der Priester Heinrich Brauns konnte acht Jahre lang als Reichsarbeitsminister sozialpolitische Akzente setzen.

Heinrich, den Ewigen, nannten ihn seine Zeitgenossen: Heinrich Brauns, katholischer Priester, Zentrumspolitiker, Reichsarbeitsminister in der Weimarer Republik und einer der profiliertesten christlichen Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft seiner Zeit. Seinen Spitznamen verdankt er der Tatsache, dass er trotz der extremen Kurzlebigkeit der damaligen Koalitionsregierungen acht Jahre lang Arbeitsminister blieb und damit der dienstälteste Minister der Weimarer Republik war.

Er organisierte den Volksverein

Die Stiftung für Christlich-Soziale Politik, die dem CDU-Arbeitnehmerflügel nahesteht, sieht in Brauns einen ihrer geistigen Ahnen und würdigte ihn im Februar in Berlin anlässlich seines 150. Geburtstags mit einer Tagung mit hochkarätigen Referenten. Stiftungs-Vorsitzender Karl Schiewerling pries Brauns als Vater von Gesetzen, die noch heute die Sozialordnung der Bundesrepublik prägen. Die Stiftung wolle Brauns dem Vergessen entreißen und sein Wirken für die Gegenwart fruchtbar machen. Der Ort der Tagung war sowohl in historischer als auch in politischer Hinsicht mit Bedacht gewählt: Das Haus der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft im ehemaligen Reichstagspräsidentenpalais vis-á-vis des Reichstags, einer Wirkungsstätte von Brauns, und mitten im politischen Berlin. Die noch in Königswinter in der Nähe der früheren Hauptstadt Bonn ansässige Stiftung unterstreicht mit ihrer ersten derartigen Veranstaltung in der Hauptstadt, sich im politischen Berlin mehr Gehör verschaffen zu wollen.

Brauns bewegte zeitlebens, als Priester und als Politiker, die soziale Frage. Er war eine treibende Kraft der katholischen Arbeiter-Bewegung und Arbeiter-Selbstorganisation. Dabei war ihm die Sozial-Enzyklika „Rerum novarum“ Richtschnur, die Ideen des Sozialismus wies er zurück. In den letzten Jahren des Kaiserreichs war Brauns Direktor des Volksvereins für das katholische Deutschland, der wichtigsten katholischen Organisation dieser Zeit, die sich besonders für soziale Gerechtigkeit und sozialen Frieden einsetzte.

Als Minister konnte er seine Ziele auf staatlicher Ebene umsetzen und Gesetze zur Arbeitslosenversicherung, zum Arbeiterschutz, zur Arbeitszeit, zur Sozialversicherung sowie zum Wohlfahrts- und Versorgungswesen initiieren.

Bei der Tagung hob der langjährige Bundestagspräsident Norbert Lammert besonders das frühe, weitsichtige – und erfolglose – Bemühen Brauns' hervor, die konfessionelle Beschränkung der Zentrumspartei auf das Katholische zu einer christlichen Volkspartei zu weiten. Brauns habe an der Schaffung wichtiger Grundlagen für unseren heutigen Sozialstaat mitgewirkt.

Aus historischer Perspektive sei es das Verdienst christlich-sozialer Politiker wie Brauns, dass man den Sozialstaatsgedanken als den spezifisch deutschen Beitrag zur Entwicklung einer modernen, demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung ansehen könne.

Mit Ruhr-Bischof Franz-Josef Overbeck sprach auch der Bischof, in dessen heutigem Bistum Brauns den Großteil seines priesterlichen Dienstes geleistet hat. Overbeck charakterisierte Brauns als „Ideal des sozialen Priesters“. Dass Brauns als ein „roter Kaplan“ bezeichnet wurde, interpretiert Overbeck rückblickend als Ehrentitel. Das Bistum Essen pflegt bis heute die Erinnerung an Heinrich Brauns. So hat der erste Essener Bischof Franz Kardinal Hengsbach einen Heinrich-Brauns-Preis ausgelobt, der an Personen verliehen wird, die sich um die katholische Soziallehre verdient gemacht haben. Zu den Preisträgern zählen der langjährige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, der frühere Verfassungsrichter Paul Kirchhof und der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Karl-Josef Laumann.

Brauns war nach dem Krieg ein Orientierungspunkt

Laumann gehörte ebenfalls zu den Rednern des Gedenkveranstaltung. Er vertrat die Position, dass ohne Heinrich Brauns und weitere Köpfe der katholische Soziallehre in der Bundesrepublik das Modell der sozialen Marktwirtschaft schwerlich eingeführt worden wäre. Bezogen auf die heutige Situation erklärte Laumann, dass es auch heute einer Verbindung von Markt und ordnenden staatlichen Eingriffen bedürfe, um zu gewährleisten, dass unser Wirtschaftssystem sowohl effizient ist als auch dem Wohl der Menschen dient.

Den Blick auf Gegenwart und Zukunft lenkte insbesondere der Sozialethiker Elmar Nass. Er warnte in seinem Vortrag vor einer Entgrenzung von Arbeit und daraus folgendem Druck, etwa durch permanente telefonische Erreichbarkeit. Schiewerling kündigte abschließend an, dass die Stiftung für Christlich-Soziale Politik sich künftig regelmäßig in der Hauptstadt aus christlich-sozialer Perspektive zu politischen Themen zu Wort melden will.

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