Die Krise muss als Bewährungsprobe gelten

In seiner Predigt am Neujahrstag befasst sich der Papst mit Armut, Globalisierung und Weltwirtschaft

Verehrte Mitbrüder,

Botschafter,

liebe Schwester und Brüder!

Am ersten Tag des Jahres versammelt uns die göttliche Vorsehung zu einer Feier, die uns jedes Jahr ob des Reichtums und der Schönheit des doppelten Anlasses besonders anrührt. Das bürgerliche Neujahrsfest fällt zusammen mit dem Oktavtag von Weihnachten, an dem wir die Gottesmutterschaft Marias feiern. Dieses Doppel findet eine gelungene Zusammenfassung im Welttag des Friedens. Im Licht der Geburt Christi entbiete ich voll Freude jedem Einzelnen die besten Wünsche für das soeben begonnene Jahr. In besonderer Weise richte ich sie an Kardinal Renato Raffaele Martino und seine Mitarbeiter des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden und danke besonders für deren wertvollen Dienst. Ebenso entbiete ich sie dem Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und dem ganzen Staatssekretariat sowie von Herzen den Damen und Herren Botschaftern, die hier in großer Zahl zugegen sind. In meinen Worten hallt der Wunsch wider, den der Herr selbst uns soeben im Wortgottesdienst übermittelt hat. Ein Wort, das vom Ereignis in Bethlehem ausgehend, im Evangelium nach Lukas mit historischer Genauigkeit beschrieben wird, in seiner ganzen heilbringenden Bedeutung vom Apostel Paulus im Galaterbrief neu gelesen wird, und zum Segen für das Volk Gottes und die ganze Menschheit wird.

Die alte jüdische Tradition des Segens (Nm 6,22–27) findet so ihre Vollendung: Die Priester Israels segneten das Volk indem sie den Namen des Herrn auf die Israeliten legten. Mit einer dreifachen Formel, die in der ersten Lesung zu hören war, wird der heilige Name dreimal als Wunsch der Gnade und des Friedens auf die Gläubigen herab gerufen. Dieser weit zurückgehende Usus führt uns zu etwas Wesentlichem: Um auf dem Weg des Friedens zu gehen, müssen die Menschen und Völker vom „Antlitz“ Gottes erleuchtet sein und von seinem „Namen“ gesegnet. Genau dies geschah auf endgültige Weise in der Menschwerdung: Das Kommen des Gottessohnes in unser Fleisch und in die Geschichte hat unwiderruflichen Segen gebracht, ein Licht, das nicht verlischt und das den Gläubigen und Menschen guten Willens die Möglichkeit gibt, eine Gesellschaft der Liebe und des Friedens aufzubauen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hält fest, dass der Sohn Gottes „sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt“ hat (Gaudium et spes, 22). Diese Einheit bestätigt das ursprüngliche Bild einer Menschheit, die als Ebenbild Gottes und ihm ähnlich geschaffen ist. Das fleischgewordene Wort ist das einzige vollkommene Bild des unsichtbaren Gottes und ihm wesensgleich. Jesus Christus ist der vollkommene Mensch. „Da in ihm die menschliche Natur angenommen wurde“, so das Konzil weiter, „ist sie auch schon in uns zu einer erhabenen Würde erhöht worden“ (ebd.). Die irdische Geschichte Jesu, die im österlichen Geheimnis ihren Höhepunkt findet, ist der Beginn einer neuen Welt, denn sie hat tatsächlich den Anstoß zu einer neuen Menschheit gegeben, die stets und allein mit der Gnade Christi fähig ist zu einer friedlichen „Revolution“: keine ideologische, sondern eine geistliche Revolution, keine utopische, sondern eine echte. Dazu braucht es unendliche Geduld, das dauert bisweilen sehr lange. Jede Abkürzung ist zu vermeiden, man muss den schwierigsten Weg gehen: Die Verantwortung muss im Gewissen der Menschen wachsen.

Liebe Freunde, diesen evangeliumsgemäßen Weg zum Frieden muss auch der Bischof von Rom in der Botschaft zum Weltfriedenstag stets neu ins Gedächtnis rufen. Auf diesem Weg muss man mitunter auf Aspekte und Problematiken eingehen, mit denen man sich bereits auseinandergesetzt hatte, die aber so wichtig sind, dass sie stets neue Aufmerksamkeit verlangen. Das gilt für das Thema, das ich für die diesjährige Botschaft gewählt habe: „Die Armut bekämpfen, den Frieden schaffen“. Dieses Thema legt eine doppelte Betrachtungsweise nahe, die ich hier nur kurz anreißen kann. Einerseits ist die Armut von Jesus gewählt und vorgeschlagen, andererseits ist die Armut zu bekämpfen, um die Welt gerechter und solidarischer zu machen.

Der erste Aspekt zeigt sich auf ideale Weise in diesen Tagen der Weihnachtszeit. Die Geburt Jesu in Bethlehem offenbart uns, dass Gott für sein Kommen unter uns selbst die Armut gewählt hat. Was die Hirten zuerst sehen und was somit die Botschaft des Engels bestätigt, ist ein Stall, in dem Maria und Joseph Zuflucht gesucht hatten, und eine Krippe, in die Maria den Neugeborenen in Windeln gewickelt gelegt hatte (vgl. Lk 2,7.12.16). Die Armut hat Gott gewählt. Er wollte so geboren werden, und wir können sogleich hinzufügen: er wollte so leben und auch so sterben. Warum? In einfachen Worten erklärt das Sankt Alfonso Maria de'Liguori in einem Weihnachtslied, das in Italien jeder kennt: „Dir, Schöpfer der Welt, fehlen Kleidung und Feuer, mein Herr. Lieber Erwählter, lieber Knabe, wie sehr lässt diese Armut meine Liebe zu Dir noch wachsen, denn deine Liebe machte dich arm“. Hier ist die Antwort: Die Liebe zu uns hat Jesus nicht nur dazu gedrängt, Mensch zu werden, sondern sich arm zu machen. In dieser Linie können wir auch einen Satz aus dem zweiten Korintherbrief des Apostels Paulus zitieren: „Denn ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“ (8,9). Beispielhafter Zeuge dieser aus Liebe gewählten Armut ist der Heilige Franziskus von Assisi. Das Franziskanertum steht in der Geschichte der Kirche und der christlichen Gesellschaft für den Geist evangeliumsgemäßer Armut, der der Kirche und der Menschheitsfamilie gut getan hat und es weiterhin tut. Kehren wir zurück zur wunderbaren Zusammenfassung des Heiligen Paulus über Jesus: Es ist auch für unsere heutige Betrachtung von Bedeutung, dass sie Paulus gerade eingegeben wurde, als er die Christen von Korinth dazu aufrief, großzügige Spenden für die Armen zu geben. Er erklärt: „Es geht nicht darum, dass ihr in Not geratet, indem ihr anderen helft; es geht um einen Ausgleich“ (8,13).

Das ist ein entscheidender Punkt, der uns zum zweiten Aspekt führt: Es gibt eine Armut, ein Elend, das Gott nicht will und das bekämpft werden muss, so wie es das Thema des heutigen Weltfriedenstags sagt; eine Armut, die es den Personen und Familien unmöglich macht, ihrer Würde entsprechend zu leben; eine Armut, die die Gerechtigkeit und Gleichheit beleidigt und so das friedliche Zusammenleben bedroht. In diese negative Konnotation fließen auch die nicht materiellen Formen von Armut, die sich auch in reichen und begünstigten Gesellschaften finden: Ausgrenzung und relationale, moralische und geistige Not (vgl. Botschaft zum Weltfriedenstag, 2). In meiner Botschaft wollte ich erneut auf den Spuren meiner Vorgänger sorgsam das Phänomen der Globalisierung beleuchten, um die Verbindungen zur Armut in großem Umfang zu bewerten. Angesichts verbreiteter Plagen wie pandemischer Krankheiten, Kinderarmut und der Nahrungsmittelkrise musste ich leider erneut den inakzeptablen Rüstungswettlauf beklagen. Einerseits feiert man den Jahrestag zur Universalen Erklärung der Menschenrechte, anderseits steigen die militärischen Ausgaben, was gegen die Charta der Vereinten Nationen verstößt, die dazu verpflichtet, die Ausgaben auf ein Minimum zu reduzieren (vgl. Art. 26). Die Globalisierung beseitigt gewisse Barrieren, kann aber auch neue aufrichten (Botschaft, 8), deshalb müssen die internationale Gemeinschaft und die einzelnen Staaten stets wachsam sein, niemals die Konfliktgefahren außer acht lassen, und statt dessen sich dafür einsetzen, die Solidarität auf hohem Niveau zu halten. Die derzeitige Weltwirtschaftskrise muss in diesem Sinn als Bewährungsprobe betrachtet werden: Sind wir bereit, sie in ihrer Gesamtheit als Herausforderung für die Zukunft zu sehen und nicht nur als Notstand, für den es kurzfristige Antworten braucht? Wollen wir gemeinsam das herrschende Entwicklungssystem grundlegend erneuern, um es konzentriert und langfristig zu korrigieren? Das fordern – noch mehr als die unmittelbaren finanziellen Schwierigkeiten – der ökologische Zustand unseres Planeten und vor allem die kulturelle und moralische Krise, deren Symptome seit langem in allen Teilen der Welt sichtbar sind.

Es muss also eine tugendhafte Verbindung zwischen der erwählten und der zu bekämpfenden Armut gefunden werden. Hier eröffnet sich ein fruchtbringender Weg für die Gegenwart und die Zukunft der Menschheit, den man folgendermaßen zusammenfassen könnte: Um die ungerechte Armut zu bekämpfen, die viele Männer und Frauen niederdrückt und den Frieden aller bedroht, muss man die Einfachheit und die Solidarität wieder entdecken, diese evangelischen und zugleich universalen Werte. Konkreter: Man kann die Armut nicht wirksam bekämpfen, wenn man nicht das befolgt, was Paulus an die Korinther schreibt, wenn man nicht versucht, „einen Ausgleich zu schaffen“, den Unterschied verringert zwischen dem, der im Überfluss großzügig verteilt und dem, dem sogar das Nötigste zum Leben fehlt. Das bringt Entscheidungen von Gerechtigkeit und Einfachheit mit sich, Entscheidungen, die überdies aus der Notwendigkeit erwachsen, die begrenzten Ressourcen der Erde klug zu verwalten. Wenn Paulus betont, dass Jesus Christus uns mit seiner Armut reich gemacht hat, bietet er eine wichtige Anleitung – nicht nur in theologischer, sondern auch in sozialer Hinsicht. Nicht in dem Sinn, dass die Armut ein Wert an sich sei, sondern weil sie die Grundbedingung ist, Solidarität zu üben. Wenn Franziskus von Assisi sich seiner Güter entledigt, trifft er die Entscheidung zum Zeugnis geben, direkt von Gott inspiriert. Doch zugleich zeigt er allen den Weg des Vertrauens in die Göttliche Vorsehung. So ist in der Kirche die Entscheidung für die Armut der Einsatz Einiger, erinnert jedoch alle daran, wie wichtig es ist, den materiellen Gütern zu entsagen und den Reichtümern des Geistes den Vorrang zu geben. Diese Botschaft müssen wir heute annehmen: Die Armut der Geburt Christi in Bethlehem ist mehr als Objekt der Anbetung für die Christen, sondern ist auch eine Schule des Lebens für jeden Menschen. Sie lehrt uns, dass um die Not zu bekämpfen, sei sie materiell oder spirituell, der Weg der Solidarität verfolgt werden muss; der Weg, den Jesus dazu gebracht hat, unsere menschliche Wirklichkeit zu teilen.

Liebe Schwestern und Brüder! Ich denke, dass die Jungfrau Maria sich mehr als einmal diese Frage gestellt hat: Warum hat Jesus von einem einfachen und bescheidenen Mädchen wie mir geboren werden wollen? Und dann, warum wollte er in einem Stall zur Welt kommen und als erste Besucher die Hirten von Bethlehem empfangen? Die Antwort erhält Maria am Ende, nachdem sie den Leichnam Jesu ins Grab gelegt hat, tot und in Leinenbinden gewickelt. Hier versteht sie zur Gänze das Geheimnis der Armut Gottes. Sie versteht, dass Gott sich für uns arm gemacht hat, um uns reich an seiner Armut voll Liebe zu machen, um uns zu ermahnen, die unersättliche Gier zu zügeln, die Kämpfe und Spaltungen hervorruft, um uns einzuladen, die Habsucht zu mäßigen und bereit zum Teilen und zur gegenseitigen Annahme zu werden. Zu Maria, Mutter des Gottessohnes, der sich uns zum Bruder gemacht hat, richten wir vertrauensvoll unser Gebet; sie helfe uns, seine Spuren zu verfolgen, die Armut zu bekämpfen und sie zu besiegen und den waren Frieden zu schaffen, was ein Werk der Gerechtigkeit ist.

Ihr vertrauen wir das tiefe Bedürfnis nach einem Leben in Frieden an, das im Herzen der großen Mehrheit der israelischen und palästinensischen Bevölkerung herrscht, das jedoch erneut der Gefahr der enormen Gewalt ausgesetzt ist, die im Gazastreifen als Antwort auf andere Gewalttaten ausgebrochen ist. Auch Gewalt, auch Hass und Misstrauen sind Formen der Armut – vielleicht die fürchterlichsten – die es zu bekämpfen gilt. Sie dürfen nicht die Oberhand gewinnen! In diesem Sinn haben die Hirten der Kirchen dort dieser Tage ihre Stimme erhoben. Gemeinsam mit ihnen und ihren Gläubigen, vor allem denen der kleinen, aber lebendigen Gemeinde von Gaza, legen wir unsere Sorgen um die Gegenwart und unsere Furcht vor der Zukunft Maria zu Füßen, aber auch unsere tiefe Hoffnung, dass mit dem klugen und nachhaltigen Beitrag aller es nicht unmöglich sein wird, einander zu hören, aufeinander zuzugehen und konkrete Antworten auf das verbreitete Streben nach einem Leben in Frieden, in Sicherheit und Würde zu geben. Wenden wir uns an Maria: Begleite uns, himmlische Mutter des Erlösers, im ganzen Jahr, das heute beginnt, und erwirke von Gott das Geschenk des Friedens für das Heilige Land und die ganze Menschheit. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns. Amen.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier