Corona

Die harte Währung der Pandemie

Warum ein weiterer Lockdown unvermeidlich ist und was das mit der Achillesferse des deutschen Gesundheitssystems zu tun hat. Eine Analyse.

Coronavirus - Intensivstation in Berlin
Die Situation auf den Intensivstationen spitzt sich wieder zu. Foto: dpa

Über Vieles lässt sich trefflich streiten. Das ist auch in der Pandemie nicht anders. Das fängt bei den täglichen, vom Robert-Koch-Institut vermeldeten Fallzahlen an, die genau genommen lediglich die Zahl der positiv auf das Virus SARS-COV-2 getesteten Personen ausweisen und keineswegs, wie fälschlicherweise immer wieder behauptet wird, die Zahl der tatsächlich Neuinfizierten angeben. Das geht über die Sinnhaftigkeit des Tragens von FFP2-Masken in menschenleeren Innenstädten und reicht bis hin zum Verhängen nächtlicher Ausgangsperren während eines Lockdowns, in dem Kneipen und Gastronomie ohnehin geschlossen haben. Zumindest fehlt es an Studien, die belegen könnten, dass das Virus ab 21 Uhr besonders aktiv wird und Jogger, Hundebesitzer oder Menschen, die nach einem langen Arbeitstag im Homeoffice noch einen Abendspaziergang unternehmen, im Schutze der Dunkelheit anfällt.

Volle Intensivstationen

Bei genauerer Betrachtung gibt es im Grunde überhaupt nur eine „harte Währung“ in der Pandemie. Und das ist nicht etwa die Zahl der „an oder mit“ COVID-19 Gestorbenen, die im Zweifel auch „an oder mit“ etwas anderem gestorben wären, sondern die Zahl der Menschen, die auf deutschen Intensivstationen wegen einer COVID-19-Erkrankung behandelt werden. Und genauso diese Zahl steigt seit dem 13. März wieder an. Ganz gleich also, was man von der geplanten Änderung des Infektionsschutzgesetzes, von bundeseinheitlichen Regeln oder gar abendlichen Ausgangssperren, und anderem mehr halten mag, an diesem Faktum kommt niemand vorbei.

Über die Lage auf den 1 287 deutschen Intensivstationen informiert das Register der „Deutschen Interdisziplinären Vereinigung der Intensivmediziner“ (DIVI). Täglich, jeweils um 12 Uhr 15, wird das Register aktualisiert. Demnach waren am 13. März in Deutschland 2 721 Intensivbetten mit an COVID-19 erkrankten Patienten belegt. Am 13. April, nur einen Monat später, waren es bereits 4 688. Und diese Zahl wird in den kommenden Tagen auf jeden Fall weiter steigen. Und das völlig unabhängig davon, wie schnell und stark die Bundesregierung auf die Bremse zu treten gedenkt. Der Grund: Denn diese Patienten haben sich bereits mit dem Virus infiziert.

Intensivmediziner fordern harten Lockdown

Noch vor Ende April werden die Betten, die auf deutschen Intensivstationen von COVID-19-Patienten belegt sein werden, an der 6 000-Marke kratzen, hat der medizinisch-wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, errechnet. Das wär mehr als auf dem Höhepunkt der zweiten Welle zur Jahreswende. Damals hatten die Intensivmediziner bereits zahlreiche Patienten länderübergreifend verlegt, um wenigstens einige Plätze für andere Notfallpatienten frei zu halten. Seit Ende Februar fordern DIVI-Präsident Gernot Marx und seine Mitstreiter einen „harten Lockdown für einen Zeitraum von drei Wochen“.

Ein Grund: In Großstädten und Ballungsräumen sind schon jetzt die Betten knapp. In der Rheinmetropole Köln etwa, wo es 455 Intensivbetten gibt, gibt es nur noch 17 freie Plätze (4 Prozent) In der Bundeshauptstadt Berlin, die 1 260 Intensivbetten vorhält, sind bereits jetzt 25 Prozent der Betten mit COVID-19-Patienten belegt. Am 13. April betrugt die Zahl der freien Plätze hier noch 145. Das klingt viel, sind aber gerade einmal elf Prozent. In Regensburg, Kaufbeuren, dem Landkreis Landshut, Eichsfeld und Frankfurt an der Oder gab es zum gleichen Zeitpunkt bereits kein einziges freies Intensivbett mehr.

Zu wenig Fachpersonal

In den kommenden Tagen werden weitere Städte und Landkreisen hinzukommen, für dann dasselbe gelten wird. Für die Krankenhäuser ist das eine Katastrophe. Nicht nur, weil sie längst wieder elektive Operationen verschieben und Patienten vertrösten müssen, sondern auch weil das medizinische und pflegerische Personal seit gut einem Jahr so gut wie keine Pause bekommt. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern. Denn nach jedem Lockdown rollt für die Teams auf den Intensivstationen die Welle der „normalen“ Patienten, deren Operationen aufgeschoben wurden. „Diese dritte Welle wird das Zünglein an der Waage“, fürchtet denn auch der Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler, Uwe Janssens.

„Da werden zahlreiche Pflegekräfte endgültig die Segel streichen – und wir können es ihnen nicht verübeln“, prognostiziert der vormalige DIVI-Präsident. Dabei räumt der Intensivmediziner allerdings ein: Schon vor der Pandemie habe es einen erheblichen Mangel an Fachpflegepersonal gegeben. Die Pandemie, so scheint es, führt Staat und Gesellschaft schonungslos sämtliche Schwächen des Gesundheitssystem vor Augen. Angefangen bei den Gesundheitsämtern über fehlende Schutzausrüstung bis hin zum Impfchaos. Eine der gravierendsten aber hat nichts mit verschlafener Digitalisierung, den Schattenseiten einer globalisierten Wirtschaft oder Produktionsengpässen zu tun. Dafür aber viel, mit dem was am wenigstens menschlich ist: Die mangelnde Wertschätzung der in der Pflege Tätigen und deren pausenlose Überlastung.