Die Gerechtigkeitslücke wird immer größer

Ein Börsenrekord jagt den nächsten: Inzwischen halten Analysten die Marke von 10 000 Punkten beim Dax für realistisch. Doch vom boomenden Aktien- und Immobilienmarkt profitieren nur die Reichen. Von Friedrich Graf von Westphalen
Foto: dpa | Reiche werden reicher, manchen bleibt nur der Mindestlohn.
Foto: dpa | Reiche werden reicher, manchen bleibt nur der Mindestlohn.

Am Freitag der Vorwoche hat der DAX erstmals die Hürde von 9 000 Punkten übersprungen. Jetzt hat er sich dort fürs Erste etabliert. Das festzuhalten ist aus zwei Gründen wichtig. Denn der DAX hatte erst im Juli die Marke von 8 000 Zählern geknackt. Und es sind nicht wenige Analysten, welche meinen, die Marke von 9 000 sei lediglich ein Meilenstein auf dem Weg in weitere Höhen, die Marke von 10 000 Punkten bewerten sie als durchaus realistisch. Die Empfehlung ist also auf „kaufen“ gesetzt; Mitnahmeeffekte sind angesagt.

Fragt man nach den Ursachen, dann ist die entscheidende Analyse nach wie vor zutreffend: Die Europäische Zentralbank (EZB) will wohl bis auf Weiteres den Zins für den Euro nahe der Marke Null halten. Die auf diesem Weg überreichlich vorhandene Liquidität sucht sich eben in der Investition in Unternehmenswerten einen profitablen Hafen. Die Analysten, welche den DAX – durchaus mit recht belastbaren Gründen – auf einem guten weiteren Weg nach oben sehen, machen für ihren Optimismus geltend, dass die Staatsschulden- und Bankenkrise im Euroraum zwar noch lange nicht vorbei sei, aber doch inzwischen einiges von ihrem Schrecken verloren hat. Beruhigung ist eingekehrt.

Zu besichtigen ist dies in den sich abzeichnenden guten Konjunkturnachrichten. Zwar hat am kürzlich der deutsche Geschäftsklimaindex seit sechs Monaten in Folge zum ersten Mal wieder geringfügig nachgegeben: Die Unternehmen erwarten also für die nächste Zeit ein gewisses Nachlassen der Wachstumskräfte. Doch – keineswegs spiegelbildlich hierzu – vermelden die Konjunkturforscher, dass die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr weiter wachsen wird. Das der Industrie nahe stehende Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln erwartet zwar nur einen Anstieg um 0,75 von Hundert, doch andere halten sogar Zahlen von mehr als 2 von Hundert für realistisch. Im Hintergrund dieser positiven Entwicklung stehen die zunehmende Zahl der Beschäftigten, vor allem aber auch die wachsenden Steuermehreinnahmen der öffentlichen Hände und auch der in den Ballungsräumen sich abzeichnende weiter sprießende Immobilienboom. Die auf diesem Sektor zu beobachtende Entwicklung wirft freilich – gerade in den letzten Monaten – mehr und mehr die Frage auf, ob wir nicht auf eine Immobilien-Blase zusteuern. Das mag zu pessimistisch klingen. Dennoch wird man an dem Grunddatum kaum vorbeisehen dürfen: Der Boom im Aktien- und Immobiliensektor hat mit den Fundamentaldaten einer durchaus wieder wachsenden Realwirtschaft nicht mehr sehr viel gemein. Getrieben wird die gesamte Entwicklung immer noch durch die von der EZB ausdrücklich befürwortete unglaublich lockere Geldpolitik. Die boomenden Marktsegmente verselbstständigen sich allerdings immer mehr. Das ist nicht gesund.

Politisch wirft dies alles mehr und mehr die Frage nach einer immer größer werdenden „Gerechtigkeitslücke“ in unserer Gesellschaft auf. Denn die boomenden Märkte stehen praktisch nur den „Reichen“ offen. Der gegenwärtige Boom macht sie noch reicher. Bezogen auf die Marktkapitalisierung werden die Besitzer von Aktien hierzulande im Jahr 2013 wohl um satte 100 Milliarden Euro reicher geworden sein. Auf der anderen Seite der Skala steht ein wohl bald von der Großen Koalition verabschiedetes neues Gesetz: Der Mindestlohn von 8,50 pro Stunde. Gerecht ist das alles kaum zu nennen.

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