Der Riese schwächelt

Brasilien gibt Milliarden für die Fußball-WM aus – Für Bildung und Gesundheitswesen fehlen die Gelder – Der Zorn der Bevölkerung entlädt sich in Protesten. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | Demonstrationen überschatteten den Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft.
Foto: dpa | Demonstrationen überschatteten den Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft.

Nicht zum ersten Mal wird bei einer Fußball-WM die soziale oder wirtschaftliche Seite des Gastgeberlandes negativ bewertet. Diesmal aber scheint es besonders heftig zu sein. Ohnehin ist es für ein Schwellenland alles andere als leicht, ein solches Riesen-Spektakel zu stemmen. Aber wird diese WM Brasiliens Wirtschaft nennenswert voranbringen? Und kann es ein einem Land mit diesen krassen sozialen Unterschieden überhaupt verantworten, Milliarden in ein solches Sport-Spektakel zu investieren?

Denn Brasiliens Wirtschaft schwächelt. Bis vor kurzem strotzte Brasilien noch vor Euphorie. Ölfunde vor der Küste Rio de Janeiros und glänzende Wachstumsraten versprachen eine gute Zukunft. Brasilien, mit über zweihundert Millionen Menschen fünftgrößtes Land der Erde, gehörte zu den dynamischen Ländern der ,,Zweiten Welt", den sogenannten BRICS-Staaten, denen auch Russland, Indien, China und Südafrika angehören. Das Bruttoinlandsprodukt stieg zwischen 2000 und 2010 um 42 Prozent. Nun wächst die siebtgrößte Wirtschaftsmacht der Welt nur noch mit der Geschwindigkeit einer Schildkröte, spotten Analysten.

Das kräftige Wirtschaftswachstum von 2003 bis 2011 war vor allem dem Export von Mineralien und Agrarprodukten wie Soja, einem verstärkten Handel mit Afrika und Asien zu verdanken, vor allem mit China, dem mittlerweile größten Handelspartner. Dazu trug auch die Abholzung von Regenwald im Amazonas-Gebiet bei. Pro Jahr wird hier die Fläche des Saarlands gerodet, für den Anbau von Soja und anderen Export-Agrar-Produkten. Inzwischen geht die Entwaldung zurück oder verlagert sich vom Amazonas in das Sertao-Gebiet.

Doch auch der Binnenkonsum trieb das Wirtschaftswachstum an. Lange Zeit litt Brasilien unter extremen Einkommensunterschieden, die noch von der Kolonialzeit herrührten: Eine schmale reiche Elite von Großgrundbesitzern stand einer übergroßen Mehrheit von Armen gegenüber. In den letzten zwanzig Jahren änderte sich das. Und als der Arbeiterpräsident Lula da Silva die Regierung übernahm, konnte sich ein neuer Mittelstand entwickeln. In diese sogenannte ,,C-Klasse“ sollen unter Lula dreißig bis vierzig Millionen Brasilianer aufgestiegen sein. Diese neue Mittelschicht konnte sich plötzlich Autos kaufen, erhielt Kredite für Kühlschränke, Küchenherde und Fernseher. Doch damit stürzten sich viele in Schulden. Nun zögern die neuen Konsumenten. Der Binnenmarkt bekommt es zu spüren. Die Shopping-Tour ist vorbei.

Denn jetzt trifft das Ende der Politik des billigen Geldes in den Industrieländern wie alle Schwellenländer auch Brasilien: Anleger ziehen geparktes Kapital ab. An den Weltmärkten haben die Rohstoffpreise auf den Weltmärkten nachgelassen. Brasilien als wichtiger Rohstofflieferant erzielt weniger Erlöse. Staatliche Investitionen sollen nun die Konjunktur wieder ankurbeln. Präsidentin Dilma Rousseff hat vor kurzem noch einmal bekräftigt, dass in die extrem marode Infrastruktur investiert werden müsse. ,,Wir müssen uns das System der Eisenbahnen vornehmen. Es ist völlig vernachlässigt worden. Das gilt auch für die Wasserwege, weniger für die Straßen, die man allerdings kaum repariert hat. Es wird also eine große Anstrengung vonnöten sein, um die drei Systeme zudem miteinander zu verbinden.“

Dass sich in dieser Situation Proteste regen, ist selbstverständlich. Ausgerechnet zur Eröffnung des Confederations-Cup im Juni 2013 machte sich die Unzufriedenheit der Brasilianer Luft: Dem Staat fehlt offenbar das Geld, um das Bildungs- und Gesundheitssystem zu verbessern – doch dies hindert ihn nicht daran, die teuerste Fußballweltmeisterschaft aller Zeiten auszurichten. Umgerechnet zehn Milliarden Euro soll das Sportereignis kosten. Zur Kassen gebeten wird in erster Linie der brasilianische Steuerzahler. Die FIFA, der Weltfußballverband, seine Marketing-Partner und Sponsoren dagegen werden Schätzungen zufolge einen Gewinn von mehr als drei Milliarden Euro einstreichen.

Vor allem aber protestierten viele Brasilianer dagegen, dass Hunderttausende Menschen umgesiedelt werden, weil ihre Hütten und Häuser den neuen Stadien im Weg stehen oder den Zugang dorthin versperren würden. So besetzte die Landlosenbewegung MST Anfang Mai ein Gelände in der Nähe des neuen Itaquera-Stadions in Sao Paulo, um dort für den Bau von Sozialwohnungen zu streiten. Und die Proteste dauern an: ,,Wir wollen Busse, wir wollen Schulen, wir wollen Krankenhäuser“, sagte ein Mann in Belo Horizonte bei Krawallen zur Eröffnung der WM und brachte damit auf den Punkt, worum es den Demonstranten schon lange geht.

Dabei hätte man es besser wissen können. Schon vor der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika 2010 hatten sich Sozialwissenschaftler mit den Folgen sportlicher Großereignisse in Schwellenländern befasst. Ihr Fazit: Weder tragen diese wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung bei, noch schaffen sie langfristig Arbeitsplätze. Vielmehr besteht die Gefahr, dass die Kluft zwischen Arm und Reich noch wächst. Auch in Südafrika blieben die erhofften wirtschaftlichen Impulse aus.

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