Der Hunger in der Welt nimmt zu

Bald eine Milliarde Menschen betroffen – Entwicklungshelfer warnen davor, angesichts der Finanzkrise in der Unterstützung der Dritten Welt nachzulassen

Die Folgen der weltweiten Finanzkrise neh-men immer greifbarere Formen an. Die USA steuern auf eine Rezession zu, und im Bereich der Europäischen Union sind die bis vor kurzem noch ehrgeizigen Wachstumserwartungen auf bestenfalls Null, wenn nicht sogar ins Minus gesunken. Man muss kein Wirtschaftsexperte sein, um sich die dramatischen Folgen für die aufstrebenden Schwellenländer wie Brasilien oder Indien auszumalen, geschweige denn für die Länder der Dritten Welt. Die Sorge wächst, dass die Finanzkrise die Armen in den Entwicklungsländern am härtesten treffen wird.

Dazu trägt die prekäre Ausgangslage bei: In 33 Ländern weltweit herrscht eine „sehr ernste“ Hungersituation. Diese Länder bilden die Schlusslichter im Welthunger-Index 2008, den das Forschungsinstitut für Ernährungspolitik (IFPRI) in Washington und die Deutsche Welthungerhilfe in Berlin vorgestellt haben. Die Demokratische Republik Kongo, Eritrea, Burundi, Niger und Sierra Leone schneiden dabei am schlechtesten von insgesamt 88 Ländern in dem Ranking ab. Dort ist die Situation teilweise sehr gravierend.

Eine Schande für die Menschheit

Nach Weltregionen geordnet steht das südlich der Sahara gelegene Afrika am schlechtesten da, gefolgt von Südasien. Insgesamt ist die Zahl der Hungernden weltweit im vergangenen Jahr von 848 auf 923 Millionen Menschen gestiegen.

Fast eine Milliarde Hungernde „sind eine Schande für die Menschheit“, unterstreicht Ingeborg Schäuble, Vorstandsvorsitzende der Welthungerhilfe. Im Gegensatz zu den Banken seien diese Menschen nicht selbst schuld an ihrer Misere. Das allgemeine Um-denken über die Rolle des Staates und der internationalen Gemeinschaft, das durch die Finanzkrise eingesetzt habe, müsse sich auch auf die Hungerkrise erstrecken, fordert Frau Schäuble. Die Welt brauche ein Rettungspaket gegen den Hunger in der Welt – ähnlich den Milliardenpaketen, die jetzt in aller Hast von den Regierungen geschnürt würden. Die Welthungerhilfe mahnt in diesem Zusammenhang eine Erhöhung der Mittel für die Entwicklung der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern von jährlich mindestens zehn Milliarden Euro sowie die Schaffung fairer Handelsbedingungen an. Zwar trage die Finanzkrise zum Absinken der Agrarpreise bei, was den Armen eine kurzfristige Erleichterung bringe. Aber dadurch werde Kapital für Agrarinvestitionen und Ernährungsprogramme noch knapper. Das drohe, die nachhaltige Überwindung der Welternährungskrise zu verhindern.

EU-Entwicklungskommissar Louis Michel hat die Industrieländer eindringlich davor gewarnt, in ihren Anstrengungen zur Stabilisierung der Dritten Welt nachzulassen. Es wäre falsch und „absolut zynisch“, wenn die Krise als Ausrede missbraucht würde, um Entwicklungshilfe zu streichen, sagte Michel in einem Interview.

In der Tat geht die Entwicklungshilfe bereits jetzt zurück – unabhängig von der Finanzkrise. Sie sank von 104, 4 Milliarden Dollar in 2006 auf 103, 7 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr. Damit hat die internationale Gebergemeinschaft ihre im Rahmen der Europäischen Union und auf G8-Gipfeltreffen getroffenen Selbstverpflichtungen nicht erreicht. Das Ziel, 0, 7 Prozent des Bruttosozialprodukts für Entwicklungshilfe auszugeben, erfüllen nur Schweden, Norwegen, Luxemburg, die Niederlande und Dänemark. Deutschland liegt mit 0, 37 Prozent nur im Mittelfeld auf Rang zwölf von den 22 Geberländern. Um ihre Verpflichtungen gegenüber der Dritten Welt zu erfüllen, müsste die Entwicklungshilfe im Bundeshaushalt um 1, 6 Milliarden Euro pro Jahr steigen.

Die Deutsche Welthungerhilfe weist darauf hin, dass die Entwicklungsländer besonders verwundbar sind und daher besonders hart und langfristig betroffen sein werden. Ein Konjunkturpaket zur Stabilisierung der Wirtschaft, wie es viele westliche Länder derzeit auflegen, sei deshalb auch zur Stärkung der deutschen Entwicklungshilfe dringend erforderlich. Dass schnell Geld mobilisiert werden könne, wenn der politische Wille da sei, „haben wir bei uns ja gerade erlebt“, betont ein Sprecher der Kinderhilfsorganisation „terre des hommes“.

Eine zentrale Rolle für die Bekämpfung von Hunger und Armut spielen aber auch die öffentlichen Finanzen in den Entwicklungsländern selbst. Nach groben Schätzungen verlieren diese Länder Jahr um Jahr mindestens 500 Milliarden Dollar durch Unterschlagung und Steuerhinterziehung und damit das Fünffache der weltweiten Entwicklungshilfe. Nach Ansicht von Hilfsorganisationen sei deshalb ein zwischen-staatliches Gremium zur Überwachung der Kapitalströme sowie Unterstützung beim Aufbau eines Steuer- und Einnahmensystems dringend erforderlich.

Experten kirchlicher Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass mit der Hälfte der von den Industrienationen versprochenen Summen zur Stabilisierung des internationalen Finanzsystems allen Menschen dieser Erde Zugang zu sauberem Wasser und Grundnahrungsmitteln ermöglicht werden könnte. Darüber hinaus könnten alle Aids-kranken angemessen versorgt, die Grundausbildung für alle Menschen finanziert und eine materielle Grundversorgung ermöglicht werden. Kurzum: Die Milleniumsziele der Bekämpfung der Armut könnten mit diesen Mitteln verwirklicht werden.

Jetzt sei der Moment gekommen, beschwört EU-Entwicklungskommissar Louis Michel vor allem die Industrienationen, „die Welt neu zu ordnen, sonst wird es bald zu spät sein“. In der Dramatik der Situation sieht der ehemalige belgische Außenminister aber auch eine besondere Chance: Die reichen Länder hätten eine solche Angst um ihre Zukunft bekommen, dass sie jetzt für mutige Veränderungen bereit seien.

Nährboden für Terrorismus und Unruhen

Michel sagt voraus, wenn sich das Leiden der Menschen in den Armutsregionen vor allem Afrikas weiter verschärfe, müssten die westlichen Länder einen „sehr hohen Preis“ in Gestalt von Unsicherheit und Terrorismus bezahlen. Deshalb müsse in der jetzigen Krise mehr als zuvor in die Dritte Welt investiert werden – „sonst weiß ich nicht, ob wir die Kraft haben, uns des Terrorismus zu erwehren“. Zugleich fordert der EU-Kommissar den Westen dazu auf, das eigene politische Gewicht in der Welt offensiver ge-gen das aufstrebende China zu verteidigen. Die Volksrepublik habe sich bereits in Afrika festgesetzt.

Nur weitgehende internationale Regeln und Gesetze könnten die Eskalation der Probleme an den Finanzmärkten abwenden. Michel fordert in diesem Zusammenhang mehr Verteilungsgerechtigkeit. Grundnahrungsmittel und Naturgüter, von denen Kleinbauern, Hirtenvölker und Eingeborene lebten, dürften nicht Gegenstand von Spekulationen werden. Notwendig sei außerdem eine strukturelle Lösung der Verschuldungskrise der Länder der Dritten Welt durch ein faires und transparentes Schiedsverfahren sowie die Streichung illegitimer Schulden. Nötig sei eine ökosoziale Marktwirtschaft „mit menschlichem Antlitz“.

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