Caritas

Der Dritte Weg hat Zukunft

Mit der Caritas will die Kirche den Leidenden nahe sein. Doch innerkirchlich stößt man sich an ihrer Institutionalisierung – und Politik und Gewerkschaften stören sich am „Dritten Weg“, der sich der Logik des Arbeitskampfes entzieht: Denn es geht ums Gottesreich.

Caritas Logo
Trotz Kreuz im Logo: Dass hier Jesu Handeln als kirchlicher Grundvollzug nachgeahmt werden soll, ist wohl nur wenigen Deutschen präsent. Foto: Imago Images

Nein, diesmal waren nicht „der Papst“ oder „die Bischöfe“ schuld – und dennoch war „Kirche“ Ende Februar mit negativen Schlagzeilen in den Medien – aber kaum ein Bundesbürger wird es gemerkt haben.

Der Rahmentarifvertrag für die Altenpflege war an der Arbeitsrechtlichen Kommission der Caritas gescheitert: „Caritas-Präsident“ Peter Neher ließ per Pressemitteilung verlauten, dass die 62-köpfige Kommission mehrheitlich befunden habe, dass sich der vorgelegte Tarifvertrag nachteilig auf den caritaseigenen Tarif und auf die Einrichtungen und Dienste der Caritas sowie deren Beschäftigte ausgewirkt und letztlich nicht zur Verbesserung der Bedingungen in der Pflege beigetragen hätte‘“, hieß es beispielsweise in der SPD-Parteizeitung „Vorwärts“.

Die Vertreter der Caritas melden sich immer wieder laut und vernehmlich zu Wort, wenn eine zunehmende soziale Spaltung zu befürchten ist oder die internationalen Ableger der Organisation in Krisenregionen um finanzielle und ideelle Hilfen nachsuchen. Landauf, landab sind die mit ihr verbundenen vielfältigen caritativen Einrichtungen für Hilfesuchende nicht wegzudenken. Doch den meisten Bundesbürgern – wie dem unbedarften Leser des „Vorwärts“ – dürfte meist entgehen, dass sich dahinter die katholische Kirche verbirgt – sogar einer ihrer „Grundvollzüge“ neben dem Gottesdienst und dem Glaubenszeugnis.

693000 Beschäftigte bei der Caritas

Mit ihren 693 000 Beschäftigten bundesweit, 500 000 Mitgliedern und nochmal so vielen ehrenamtlichen Helfern in einem unübersichtlichem Geflecht von 6 200 einzelnen Trägern wundert es nicht, dass sich durch die zunehmende Professionalisierung und die Notwendigkeit auch marktkonformer Angebotspolitik, die Institutionen der Caritas zusehends losgelöst von der mit den Pfarreien und Diözesen identifizierten katholischen Kirche wahrgenommen werden.

Und da die Außen- und Innenwahrnehmung divergieren, wie auch die Identität der kirchlichen Caritas auf dem Markt und in der Kirche infrage gestellt wird, hat Msgr. Roland Batz, langjähriger Vorsitzender des Diözesancaritasverbandes der Diözese Regensburg und designierter Generalvikar, mit seinem Bändchen „Bibel, Barmherzigkeit und Bilanzen“ das minenreiche Spannungsfeld zwischen Nächstenliebe und Markt ausgeleuchtet.

Angesichts der erneut aufgebrochenen Debatte, wieviel Markt ein Grundvollzug der Kirche verträgt – oder wie Arbeitgebermacht und Mitarbeiterbestimmung sich vom allgemeinen Arbeitsrecht abheben dürfen, spannt Batz einen notwendigen Bogen von einer im Evangelium fundierten theologischen Grundlegung über die marktwirtschaftlichen Bedingungen des Gesundheits- und Sozialwesens bis hin zur Formulierung ethischer Kriterien für Träger der Caritas.

Handeln Jesu ist der Maßstab

Entgegen aller kritischen Invektive auch von glaubenstreuer Seite setzt Batz das Handeln Jesu als Maßstab auch für die institutionelle Sorge an Alten, Kranken und Armen. Das Verständnis dieser Barmherzigkeit stehe auf der Ebene der Beziehung zu Gott an: „Weil Christus im Armen gegenwärtig ist, wird für jeden Gläubigen die Zuwendung zum Bedürftigen zu einer spirituellen Begegnung mit Christus selber und damit zur unüberbietbaren Motivation des Helfens.“

Nach einer historischen und kirchengeschichtlichen Einordnung der Entwicklung kirchlicher Fürsorge, kurz und prägnant, wie es sich für ein Vademecum empfiehlt, das dem Praktiker in der Caritas an die Hand gegeben werden darf, wendet sich der Autor der Problematik der „institutionalisierten Barmherzigkeit“ zu. Dabei spannt er durchgehend den Bogen vom konkreten, fachlichen Handeln an seelisch Leidenden, körperlich Kranken oder durch materielle Not Bedürftigen auf die im Handeln Christi wurzelnde Motivation: „Trotz dieses breitgefächerten Engagements ist sich die Caritas dessen bewusst, dass kein Leid, keine Not und keine Krankheit endgültig beseitigt werden kann; doch durch Glaube, Liebe und Hoffnung verändern sich Erfahrungen und Umgang mit diesen teils existenziellen Krisen.“

Glaubwürdigkeit durch Rückzug?

Ebenso spart er die immer häufiger gestellte Frage nicht aus, ob mit einem Rückzug der Kirche aus dem staatlichen geordneten Sozialsektor nicht ein mehr an Glaubwürdigkeit und Authentizität gewonnen wäre, was angesichts der sich zurückziehenden Orden und immer weniger gläubigen Katholiken als Mitarbeiter in den Einrichtungen oder als ehrenamtlich Engagierte in der Pfarrcaritas häufiger angeführt werden wird.

Dabei weiß auch Batz zwischen der unternehmerisch geführten Caritas und der Pfarrcaritas zu differenzieren, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Er empfiehlt, innerhalb der verbandlichen Caritas in „höchst sensibler Weise über das Spannungsfeld von Nächstenliebe und Management zu reflektieren“. Es gelte zu fragen, wie christlich orientiertes Wirtschaften auszusehen habe oder welche Möglichkeiten es für Mitarbeiter gäbe, über ihre „spirituellen Ressourcen, Fähigkeiten und Qualitäten“ nachzudenken. Die Rückbindung an das Evangelium ist Batz daher Garant, dass die institutionalisierte Caritas keiner berechnenden Wirtschaftslogik verfällt, auch wenn die Beteiligung am Marktgeschehen heute für ein professionelles Angebot unerlässlich sei.

Das Caritas-Dilemma

Gegenüber der „Tagespost“ weist Batz angesichts einer neuerdings thematisierten Spannung zwischen einer „Markt-Caritas“ und einer „sozialanwaltlichen Caritas“ (Der Sozialethiker Bernhard Emunds (Philosophisch-Theologische Hochschule St. Georgen) äußerte sich dementsprechend auf katholisch.de am 10.3.2021: Nach dem Aus für den Pflege-Flächentarif: „Der Dritte Weg ist am Ende“) darauf hin, dass die rechtlichen und marktwirtschaftlichen Vorgaben zunächst einmal dazu beitragen, „dass Leistungen objektiv bemessen und Unterstützungsmaßnahmen funktionell umgesetzt werden. Diese sachlichen Rahmenbedingungen haben nicht automatisch den Abbau der christlichen Sozialprinzipien wie Personalität, Solidarität und Subsidiarität zur Folge.“

In der momentanen Debatte um die Teilnahme an allgemeinverbindlichen Tarifverträgen befinde sich die Caritas in einem anderen Dilemma – das so von der Öffentlichkeit aufgrund der anderen Rahmenbedingungen für Caritas-Mitarbeiter nicht wahrgenommen wird: „Wenn die Caritas einerseits dem allgemeinverbindlichen Tarifvertrag mit niedrigeren Löhnen zustimmt, steht zu befürchten, dass sich die Kostenträger künftig auch an dem niedrigeren Lohnniveau orientieren und damit die Personalkosten der Caritas nicht mehr refinanzieren.“ Doch gerade die Caritas träte seit Jahren konsequent für eine angemessene Entlohnung von Pflegekräften ein und möchte die Rahmenbedingungen aller Pflegekräfte verbessern, so Batz.

Am Ende des Dritten Weges?

Und trotz des bereits ausgerufenen Endes des „Dritten Weges“ zeigt sich der scheidende Caritas-Vorsitzende überzeugt: „Der Dritte Weg hat Zukunft!“ – doch müsse er von allen Beteiligten ernst genommen und auch gewollt werden: „Das konstruktive Zu- und Miteinander von Dienstgebern und Dienstnehmern in den Arbeitsrechtlichen Kommissionen ist eine wichtige Grundlage, um dem kirchlichen Selbstverständnis gerecht zu werden.“ Denn die Beschäftigung in einem kirchlichen Arbeitsverhältnis beziehe sich neben der beruflichen Tätigkeit immer auch auf einen Dienst am Reich Gottes und kann einen Beitrag zur Evangelisation leisten.

Roland Batz, Bibel, Barmherzigkeit und Bilanzen. Kirchliche Sozialunternehmen im Spannungsfeld von Nächstenliebe und Markt. OberpfalzVerlag Laßleben, Kallmünz, ISBN 978-3-7847-1243-7, EUR 9,80

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