Den Frauen gehört das Vertrauen

Seit Mohammed Yunus für die Idee der Mikrokredite den Friedens-Nobelpreis erhielt, haben Finanzinstitute und Anleger in der ganzen Welt das Thema entdeckt

Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit arbeitete seit 1983 in Bangladesh die Grameen-Bank, die an Straßenverkäufer, Händler und andere Kleinstunternehmer sogenannte Mikrokredite (zwischen zwanzig und hundert Euro pro Kreditnehmer) vergab. Doch seit der Bankgründer Mohammed Yunus für diese Idee 2006 den Friedens-Nobelpreis erhielt, haben Finanzinstitute und Anleger in der ganzen Welt das Thema Mikrokredite entdeckt.

Schon seit einigen Jahren werden nachhaltige und ethische Geldanlagen verstärkt nachgefragt. Nach Schätzungen der Deutschen Bank wird der Markt für Mikrokredite in den nächsten Jahren rasant wachsen. Waren es bisher insbesondere internationale Finanzinstitutionen, die sich des Themas annahmen, so wird das zukünftige Wachstum nach Schätzung der Bank vor allem durch institutionelle und private Anleger getragen werden, deren gesamtes Anlagevolumen sich sogar von zwei Milliarden Dollar im Jahr 2006 auf zwanzig Milliarden im Jahr 2015 verzehnfachen soll.

Grund genug also, dass sich die fast 200 Teilnehmer der Tagung „Ethisches Investment – Mit Geldanlagen Verantwortung übernehmen“ unlängst in Frankfurt intensiv mit dem Thema „Finanzielle und soziale Rendite am Beispiel von Investitionen in Mikrofinanzen“ auseinandersetzten. Eingeladen hatte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und der Bund Katholischer Unternehmer (BKU). Als Produktanbieter für interessierte Anleger waren die Liga-Bank, die Pax-Bank, die Bank im Bistum Essen und die Deutsche Bank vertreten.

Die Idee der Mikrokredite ist einfach: Menschen, die keine banküblichen Sicherheiten bieten können und wegen ihres geringen Einkommens von Banken in der Regel keine Finanzierung bekommen, erhalten über Klein- oder Mikrokredite die Chance, sich eine tragfähige Existenz aufzubauen. Ein Kredit für eine Nähmaschine, eine Kuh oder die Miete eines kleinen Lagerraums sind gleichzeitig ein Instrument der Armutsbekämpfung in Entwicklungs- und Schwellenländern und daher für Anleger interessant, die nicht nur die Rendite ihres Geldes im Blick haben, sondern auch noch einen Entwicklungsbeitrag leisten wollen.

Die Vergabe eines Mikrokredits verläuft in etwa so, wie es der Abteilungsleiter für Auslandskundenbetreuung und Nachhaltigkeitsmanagement der Bank im Bistum Essen, Michael Sommer, auf der Tagung in Frankfurt am Beispiel einer Indio-Familie aus Peru vorgestellt hat: „Angefangen hat alles in einer Wellblechhütte, in der die Indiofamilie, die beiden Eltern und ihre drei Kinder, am Rande des Existenzminimums lebte. Oft hatte die Familie noch nicht einmal genug zu essen. Durch einen Mikrokredit bekam die Frau Geld für einen Webstuhl. Sie webte Decken und Ponchos und verkaufte sie auf einem Indio-Markt, zahlte innerhalb weniger Jahren den Kredit zurück und investierte anschließend ihren Gewinn in die Schulausbildung ihrer Kinder.“

Ein Großteil der Mikrokredite wird an Frauen vergeben. Das war auch schon in den Anfangsjahren der Grameen-Bank in Bangladesch so. Erfahrungsgemäß sind die Frauen die zuverlässigeren Partner für die Banken. Wer Frauen Geld gibt, so die Erfahrung der Mikrokreditinstitute, kann sicher sein, dass er es zurückbekommt. Ein Nebeneffekt der Kreditvergabe an Frauen ist zudem, dass sie – die häufig gesellschaftlich benachteiligt sind – sozial aufgewertet werden: Häufig schaffen sie Arbeitsplätze für Familienmitglieder, schicken ihre Kinder in die Schule und kümmern sich beispielsweise noch um sauberes Wasser in ihrem Dorf. So profitieren von den Krediten viele Menschen. Erstaunlich hoch ist die Rückzahlungsquote: Sie liegt weltweit bei 98 Prozent und ist damit höher als im normalen Kreditgeschäft.

Weltweit gibt es heute etwa 10 000 regionale oder örtliche Mikrofinanzinstitute, die jährlich Kredite in einer Gesamthöhe von etwa 25 Milliarden Dollar ausgegeben haben – der tatsächliche Bedarf liegt nach Schätzungen der Deutschen Bank bei 275 Milliarden Dollar. Kein Wunder also, dass nicht nur spezialisierte Finanzinstitute, sondern auch private und institutionelle Anleger auf den Markt aufmerksam geworden sind. Die Nachfrage nach Anlagemöglichkeiten in Mikrofinanzprojekte ist auch in Deutschland groß. Doch steckt das Geschäft noch in den Kinderschuhen.

Seit Jahresanfang können zwar deutsche Publikumsfonds in Mikrokredite investieren, allerdings sind die Auflagen so hoch, dass man in Deutschland bisher vergeblich nach einem Mikrofinanzfonds sucht und die Fondsanbieter nach wie vor auf den Finanzplatz Luxemburg ausweichen. Ein Rural-Mikrofinanzzertifikat der Kölner Pax-Bank ist schon ausverkauft, in Kürze soll ein neues aufgelegt werden. Das begehrte Zertifikat, das unter anderen in den Rural-Impulse-Fonds sowie in Aktivitäten der Weltbank und der Ungarischen Entwicklungsbank investiert, hat eine sechsjährige Laufzeit und verspricht jährliche Zinszahlungen von 4, 26 Prozent.

Das große Interesse an Mikrofinanzprojekten erklärt Winfrid Hinzen, Vorstandsmitglied der Pax-Bank damit, dass finanzielle und soziale Rendite miteinander verbunden sind. Denn, so Hinzen, „man darf sich nichts vormachen: am Anfang jeder Geldanlage steht die Frage: Wie hoch ist das Risiko, wie hoch die Rendite?“ Erst dann fragen die Anleger nach ethischen Kriterien. Doch bei den Mikrokrediten stimmt für die Anleger beides: Die Rendite übersteigt meist die von Geldmarktanlagen; ferner sind die Anleger sozusagen als Entwicklungshelfer tätig.

Fünfzig Millionen Euro hat die Bank im Bistum Essen derzeit in Mikrokreditinstitute investiert, in absehbarer Zeit soll es doppelt so viel werden. 29 Millionen Euro ist das Volumen eines Mikrofinanz-Fonds mit dem Namen responsAbility SICAV, den die Bank im Bistum Essen vertreibt. Er hat eine Renditeerwartung von voraussichtlich 0, 25 Prozent über dem 3-Monats-Geldmarktsatz, der zur Zeit bei 4, 6 Prozent liegt. Um diese ansehnliche und möglichst stabile Rendite zu erwirtschaften, wird das Geld über alle Regionen und eine Vielzahl von lokalen Mikrokreditinstituten gestreut. „Die Angestellten unserer lokalen Mikrokreditinstitute kennen ihre Kunden persönlich, sie besuchen sie regelmäßig“, erläutert Hinzen. Dabei sind die Wege oft weit, die Straßen schlecht, Motorräder sind häufig die einzigen Fortbewegungsmittel.

Die intensive Betreuung erklärt zum Teil die recht hohen Zinsen, die die Armen zahlen müssen – und die manchen Anleger in Europa zunächst überraschen. Dreißig bis fünfzig Prozent pro Jahr sind beispielsweise in Guatemala an der Tagesordnung. Bedenkt man jedoch, dass die Kosten für einen hundert Dollar-Kredit sich schnell auf zwanzig bis dreißig Dollar belaufen und darüber hinaus auch Mikrokreditinstitute und Kapitalsammelstellen wirtschaftlich arbeiten müssen, dann erscheinen selbst höhere zweistellige Zinsraten nicht ungewöhnlich. Die Kreditnehmer sind dankbar, dass es die Mikrofinanzinstitute in ihrer Nähe gibt. Denn oftmals sind lokale Kredithaie die einzige Alternative. Und diese verlangen bis zu tausend Prozent Zinsen im Jahr.

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