Das vergessene Leid

Die Hungerkatastrophe in Ostafrika ist längst nicht überwunden – Auch in der Sahelzone sind Millionen Menschen bedroht. Von Carl-H. Pierk
Foto: dpa | Vom Hungertod bedroht – von der Welt vergessen: Millionen Ostafrikaner sind auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen.
Foto: dpa | Vom Hungertod bedroht – von der Welt vergessen: Millionen Ostafrikaner sind auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen.

Die vom Hunger bedrohten Menschen am Horn von Afrika geraten in Vergessenheit. Sie machen keine Schlagzeilen mehr: Menschen, die auf der Flucht vor Hunger sterben. Kinder, die den oft wochenlangen Fußmarsch zum kenianischen Flüchtlingslager Dadaab nicht schaffen oder die kurz nach der Ankunft sterben, weil sie bereits zu entkräftet sind, um zu überleben. Aus dem Bürgerkriegsland Somalia kommen sie oder aus Äthiopien – auch dort kämpft die Regierung einen verzweifelten Kampf gegen den Hunger. Seit Jahren ausbleibender Regen hat am Horn von Afrika eine Hungerkatastrophe ausgelöst. Verschlimmert wird die Lage durch den anhaltenden Bürgerkrieg in Somalia, der internationale Hilfe erschwert.

In vielen Regionen Ostafrikas hat es schon seit einigen Jahren nicht mehr richtig geregnet. Ernten sind ausgefallen, die Lebensmittelpreise in Folge stark gestiegen. Rinder – für viele Menschen in der Region die Grundlage ihrer Existenz – verdursten auf den Feldern. Im Süden Somalias, wo staatliche Strukturen völlig fehlen, ist die Lage am schlimmsten. Ein Drittel der somalischen Bevölkerung – etwa 2,5 Millionen Menschen – ist laut UN-Angaben extrem unterernährt. Schätzungen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen zufolge befindet sich bis zu einem Viertel der somalischen Bevölkerung auf der Flucht. Der UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres nannte die Situation der somalischen Flüchtlinge „die größte humanitäre Katastrophe der Welt“. Doch auch in Äthiopien und Kenia leiden große Teile der Landbevölkerung Hunger.

In Kenia und Äthiopien verzeichnen die Behörden einen stetigen Andrang somalischer Flüchtlinge. Das derzeit größte Flüchtlingslager der Welt im kenianischen Dadaab wurde für 90 000 Menschen errichtet. Heute leben dort 380 000 und jeden Tag kommen 1 400 neue Schutzsuchende hinzu. Drei Kilo Mehl, drei Kilo Mais und ein halber Liter Öl – das ist die Essensration für 15 Tage im Flüchtlingslager Dadaab. Für Hunderttausende ist das viel mehr als daheim, wo die entsetzliche Dürre alles vernichtet hat. Hilfsorganisationen werden zudem vor immer neue Herausforderungen gestellt. Durch starke Regenfälle hat sich die hygienische Situation in Dadaab stark verschlechtert. Mangelnde Hygiene und verschmutztes Wasser haben zu ersten Cholerafällen geführt. Auch die Sicherheitslage für die Helfer bleibt weiter angespannt und wirkt sich auf die Hilfeleistungen aus. Die kenianische Regierung befürchtet, Mitglieder der radikal-islamischen und dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehenden Schabab-Milizen könnten massenweise unerkannt mit der Flüchtlingsflut ins Land eindringen. Drei Piratensender gibt es in dem riesigen Lager, die islamistische Propaganda verbreiten. Bisher scheiterten alle Versuche der Polizei, sie zu finden.

Während im ostafrikanischen Dürregebiet noch Millionen hungern, warnt „Gemeinsam für Afrika“, das Bündnis von 23 anerkannten Hilfsorganisationen, eindringlich vor einer weiteren Hungersnot in den westlichen Sahel-Staaten im kommenden Jahr. Die Hilfsorganisationen gehen bereits jetzt davon aus, dass fast zehn Millionen Menschen von den Folgen unregelmäßiger Regenfälle in der westlichen Sahelzone betroffen sind. Sie drängen auf schnelle Unterstützung durch die humanitäre Gemeinschaft, um die betroffenen Regionen vor einer andauernden Nahrungsmittelkrise zu bewahren.

Bereits zwei Monate vor der regulären Erntezeit, zwischen Januar und Februar, zeichnen sich nach Angaben der Hilfswerke besonders im Niger massive Ernteausfälle ab. Seit 2009 zerstören heftige Regenfälle immer wieder durch Überschwemmungen die Felder und verschlimmern so die anhaltende Nahrungsmittelkrise. Ein Bericht von Oxfam, einer Mitgliedsorganisation von „Gemeinsam für Afrika“, warnt vor einer Verschlechterung der Nahrungsmittelsituation in Mauretanien, Burkina Faso, Mali und Tschad. Hier sei die Krise durch mangelnde Regenfälle und damit dem Sinken der Wasserspiegel verursacht. Besonders bedrohlich ist die Situation nach Angaben der Hilfsorganisationen für die Kinder. „Wir gehen bereits zum jetzigen Zeitpunkt davon aus, dass jedes vierte Kind in der Region unterernährt ist. Die Rate akuter Mangelernährung bei Kindern unter fünf Jahren liegt in einigen Gegenden bei 16,7 Prozent. Eine Verschärfung der Situation hätte dramatische Auswirkungen auf die Gesundheit und die Entwicklung der Kinder“, warnte Susanne Anger, Sprecherin von „Gemeinsam für Afrika“. Das Bündnis der Hilfsorganisationen, dem auch Caritas international, der Malteser Hilfsdienst oder das Bischöfliche Hilfswerk Misereor angehören, wirft der internationalen Gemeinschaft ein mangelhaftes Engagement bei der Krisenbewältigung in der Sahelzone vor. „Es darf nicht sein, dass erst wieder Bilder von unterernährten Kindern, toten Viehherden und überfüllten Flüchtlingslagern wie gegenwärtig in Ostafrika, um die Welt gehen müssen, um die internationale Gemeinschaft zur Hilfe zu bewegen“, mahnte Susanne Anger.

Die Spirale des Hungers dreht sich inzwischen bedrohlich weiter. Viele Hilfsorganisationen warnen bereits heute, dass die nächste Hungerkatastrophe sich auch im Südsudan abzeichnet. Der Südsudan, seit seiner Unabhängigkeitserklärung im Juli 2011 der jüngste Staat im Weltverband der Vereinten Nationen, ist gezeichnet von Geldmangel, fehlender Regierungskompetenz und wachsender Korruption. Die Ernährungshilfe müsse ausgeweitet werden, um im kommenden Jahr 2,7 Millionen von Hunger und Konflikten betroffenen Menschen zu helfen, fordert das UN World Food Programme (WFP). Jüngsten Erhebungen zufolge fehlten 2012 landesweit etwa 400 000 Tonnen Getreide. Die Schließung der Grenzübergänge zwischen dem islamistischen Sudan und dem Südsudan behinderten den Handel mit Nahrungsmitteln, führten zu Nahrungsmittelmangel und hohen Preisen in den angrenzenden Gebieten im Südsudan. Das WFP benötigt nach eigenen Angaben dringend etwa 92 Millionen US-Dollar, um eine Hungersnot im Südsudan für die ersten vier Monate im Jahr 2012 zu verhindern.

Die Katastrophe am Horn von Afrika und in anderen Ländern des Kontinents verschwindet hinter neuen Nachrichten, die da Finanz- und Eurokrise heißen. Den Menschen, die wegen der Trockenheit ihr Land oder ihr Vieh verloren haben, aber bleibt nur die Flucht. Sie träumen von der Flucht aus der Armut und einem besseren Leben im reichen Europa. Europa – das bedeutet für sie Luxus, ein Mobiltelefon, ein Paar Schuhe oder ein weiches Bett. Dafür reisen viele sogar quer durch den Kontinent, nehmen monate- oder gar jahrelange Wanderungen, Hunger, Durst oder Krankheiten auf sich, bis sie die Küsten im Westen oder Norden erreichen, die den Weg nach Europa versprechen. Und hätten sie auch Gold, Weihrauch und Myrrhe dabei, in der Herberge Europa klopfen sie vergeblich um eine Bleibe an.

Themen & Autoren

Kirche