Mönchengladbach

Brüderlichkeit soll dem Gemeinwohl dienen

In "Fratelli tutti" greift Papst Franziskus zu drastischen Worten und ungerechtfertigten Angriffen auf die Wirtschaft. Deshalb bedürfen seine Aussagen der Einordnung, wie in unserer Kolumne.
Brüderlichkeit in der Menschheitsfamilie
Foto: Frankenhauser | Der Autor ist promovierter Politikwissenschaftler und Referatsleiter in einer obersten Landesbehörde des Landes Nordrhein-Westfalen.Die Kolumne erscheint in Kooperation mit den Katholischen Sozialwissenschaftlichen ...

Papst Franziskus hat sich von Anfang an in ökonomischen Kreisen nicht nur Freunde gemacht. Als er 2013 das Apostolische Schreiben „Evangelii gaudium“ veröffentlichte, eckte er bereits mit seinen ökonomischen Thesen an. Insofern bedürfen seine oft drastischen wirtschaftspolitischen Aussagen regelmäßig der Einordnung und Interpretation. Erst dann zeigt sich, dass Franziskus im Grunde auf eine Soziale Marktwirtschaft hinaus will.

„Fehleinschätzungen zur Globalisierung“

Auch mit den Ausführungen zur Wirtschaft in seiner neuen Sozialenzyklika „Fratelli tutti“ „über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“ rief Franziskus Widerspruch hervor. Der Wirtschaftswissenschaftler Clemens Fuest kritisierte, die Enzyklika strotze „vor anti-marktwirtschaftlicher Ideologie und Fehleinschätzungen über Globalisierung und die Rolle von Privateigentum“. Die Kritik ist durchaus berechtigt, denn Franziskus greift zu drastischen Worten und ungerechtfertigten Angriffen auf die Marktwirtschaft. Allerdings gilt auch für eine Interpretation seiner neuen Enzyklika, dass er im Prinzip eine sozial eingehegte Marktwirtschaft befürwortet. Dem Papst geht es vor allem darum, dass niemand zurückgelassen wird. Inklusion ist sein großes Thema und sozialpolitischer Mittelpunkt von „Fratelli tutti“. Allein: Seine problematischen Aussagen bleiben eben auch dann problematisch, wenn man sie wohlwollend interpretiert. Dass der Papst rhetorisch und inhaltlich so weit übers Ziel hinausschießt, scheint nur dadurch erklärbar zu sein, dass er lieber pastoral und prophetisch spricht, als sozial- und institutionenethisch.

Enzyklika braucht Gesamtbetrachtung

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, nicht an der Debatte über die Wirtschaftspassagen stehen zu bleiben, sondern die Enzyklika in ihrer Gesamtheit anzuschauen. Denn „Fratelli tutti“ beschäftigt sich keinesfalls nur mit Fragen von Wirtschafts- und Sozialpolitik, sondern die Enzyklika spannt den Bogen über Migration, Umwelt, Entwicklung, Friedenspolitik, Populismus und Nationalismus bis hin zu Religionsfreiheit, Menschenrechten und Menschenwürde. Franziskus macht damit eines deutlich, das er schon in „Laudato si“ ins Wort gefasst hat: Alles hängt mit allem zusammen.

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Diese Erkenntnis ist viel wert in einem gesellschaftlichen Umfeld, das Politikbereiche nur noch einzeln zu erfassen scheint und in dem Folgewirkungen in anderen Bereichen völlig vernachlässigt werden. Dass, um nur eine Beispielkette aufzuführen, Klimaschutz und Energiewende Auswirkungen auf unser Verhältnis zu Russland haben, dieses wiederum auf den Krieg in Syrien, dieser wiederum auf die Flüchtlingslage und diese auf die Europäische Integration, wird in der politischen Debatte unserer Zeit kaum noch beachtet. Insofern liegt die Stärke von „Fratelli tutti“ tatsächlich weniger in den wirtschaftspolitischen Überlegungen, sondern vielmehr in der Gesamtvision eines globalen und ganzheitlichen Modells, das zum Ausdruck bringt, dass die Menschen und Völker Teil einer einzigen Menschheitsfamilie sind und es dieses Verständnisses der Brüderlichkeit bedarf, um dem Gemeinwohl zu dienen.

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