Barmherzigkeit im Sozialstaat?

Seit seiner Menschwerdung ist Jesus in Jedem gegenwärtig – Der Kern des Christentums ist deshalb praktizierte Nächstenliebe

Fulda (DT) „Kain brachte von den Früchten des Bodens dem Herrn das Opfer dar; auch Abel opferte. Der Herr blickte auf Abel, aber auf Kain und sein Opfer sah er nicht. Da ward Kain sehr zornig. Der Herr sprach zu Kain: ,Warum bist du zornig? Ist es nicht so: Wenn du gut bist, so kannst du es frei erheben, bist du es aber nicht, so lauert die Sünde. Nach dir steht ihr Begehren, werde Herr über sie!‘ Kain sprach zu seinem Bruder Abel: ,Komm!‘ Dann stürzte sich Kain auf Abel und erschlug ihn. Der Herr sprach zu Kain: ,Wo ist dein Bruder Abel?‘ Er antwortete: ,Ich weiß es nicht. Bin ich denn der Hüter meines Bruders?‘ Gott aber sprach: ,Was hast du getan?‘“ (nach Gen 4,3–11).

Eine erregende Geschichte von den Anfängen der Menschheit: Die Geschichte vom ersten Mord des Menschen am Menschen. Für das Alte Testament beginnen Böses und Sünde auf zweifache Weise: zuerst im Herzen von Adam und Eva mit dem verweigerten Vertrauen in die Liebe Gottes, und sodann mit der Bluttat Kains an seinem Bruder Abel. Wie schon in der Paradiesesszene scheint Gott den Menschen auf die Probe zu stellen. Ist Gottes Verhalten hier nicht in der Tat ungerecht? Haben nicht beide Brüder ein Recht auf Gottes Wohlgefallen? Die Antwort ist denkbar einfach: Nein! Es gibt kein einklagbares Recht auf Gottes Wohlgefallen! Gott ist absolut souverän, auch und gerade in seiner Liebe und Zuwendung.

Kains Mord an Abel: Geburtsstunde der Ethik

Im Neuen Testament verdeutlicht Jesus diese souveräne Zuwendung des Schöpfers in dem Gleichnis der Arbeiter im Weinberg, die für verschieden lange Zeit gleichen Lohn erhalten, um am Ende zuspitzend zu fragen: „Kann ich mit dem, was mein ist, nicht tun, was ich will?“ Gott ist anders gerecht als der Mensch es denkt: Er führt unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Weise. Für Gott scheint Gleichheit überhaupt nur Gleichheit der Liebe zu bedeuten, dies aber in Bezug auf die Qualität, nicht quantitativ. Kain erkennt das nicht: Neid ergreift ihn, er wird nicht Herr über die Sünde. Und da trifft ihn Gottes Frage wie ein Blitz: Wo ist dein Bruder? Und die Gegenfrage Kains klingt so absurd, dass sie unbeantwortet bleibt. Wer sonst soll Hüter des Menschen sein, als der Mensch selbst?

Dies, zugespitzt formuliert, ist die Geburtsstunde der Ethik, ja in gewisser Weise der christlichen Sozialethik, Solidarität und Barmherzigkeit! Die nie gegebene Antwort des Kain wird seitdem vom Alten Testament unaufhörlich bezeugt: Natürlich ist jeder Mensch in Solidarität Hüter seines Mitmenschen! Und das meint Denken vom Anderen her, Frage nach seinen Sehnsüchten, Rücksicht und Weitsicht und Sprung über den eigenen Schatten des selbstzufriedenen Lebens.

„,Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder als Fremdling ... gesehen und haben dir nicht gedient?‘ Dann wird er ihnen antworten: ,Was ihr nicht getan habt einem dieser Geringsten, das habt ihr auch mir nicht getan!‘“ (Mt 25,44-45).

Wieder beginnt die Erkenntnis aktiver Barmherzigkeit mit einer Frage: Wann haben wir nicht gedient? Jesus antwortet jetzt deutlich durch sein eigenes Leben und Wort zugleich auf die alte Frage Kains „Bin ich der Hüter meines Bruders?“: „Ja, jeder ist Hüter seines Mitmenschen, weil ich selbst, Gott, es bin, dem darin gedient wird.“ Das ist das Neue an der christlichen Ethik: Gott wird Mensch und dem Menschen wird nur gerecht, wer in ihm Gottes Ebenbild zu sehen vermag.

Von nun an ist Barmherzigkeit nicht einfach mehr nur eine Anstandstugend, nein, und dies ist das spezifisch Neue des Christentums, jetzt ist Barmherzigkeit ein anderer Name für die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe. Gott selbst ist solidarisch geworden mit den Menschen. Jesu Kreuzestod ist der letzte Beweis dieser Solidarität Gottes, der die Sünden der Menschen auf sich nimmt. Barmherzigkeit als Stellvertretung! Von nun an ist der Mensch unwiderruflich zur Barmherzigkeit aufgefordert, die ans eigene Leben geht und sich steigert bis zur Stellvertretung: Sorge für den Mitmenschen, für seine Würde streiten, für ihn sogar leiden oder sterben können.

Gott fordert unsere alltägliche Solidarität

Solche Barmherzigkeit buchstabiert sich im staatlichen Kontext als Solidarität aus und beginnt bei der Solidargemeinschaft des Staates, in der Menschen für Schwache und Arme, aber auch für Ungeborene eintreten. Sozialstaatliche Solidarität fängt im Herzen und Denken des mündigen Staatsbürgers als Tugend an und setzt sich konsequent fort in der Ethik eines Rechtsstaats der sozialen Marktwirtschaft, der die Würde des Menschen nicht den Gesetzen des freien Marktes unterwirft. Solidarität erst schafft solide Fundamente einer Staatsordnung, aber Solidarität hat für den Christen auch eine solide Begründung: Gott wurde Mensch und fordert dadurch auch unsere Tat alltäglicher Solidarität – in Familie, in der Ehe, am Arbeitsplatz, in der Politik.

„Als sie das Mahl beendet hatten, fragte Jesus den Simon Petrus: ,Simon, Sohn des Johannes, liebst Du mich mehr als diese?‘ Er antwortete. ,Herr, Du weißt, dass ich Dich liebe.‘ Jesus sagte zu ihm: ,Weide meine Lämmer!‘“ (Joh 21,15).

Nochmals eine Frage, ganz am Ende des Johannes-Evangeliums. Aber jetzt wird nach der Liebe gefragt, die ein Mensch zu Gott empfindet und die ihn zum Hüter des Mitmenschen macht. Der innerste Kern der Barmherzigkeit ist Liebe, das ist die letzte Radikalisierung des Neuen Testamentes.

Unser häufig gebrauchtes Wort „Radikalismus“ ist vom lateinischen Wort „radix“ für „Wurzel“ abgeleitet: Der radikale Mensch ist vom Ursprung her also kein brutaler Fanatiker. Er ist ein Mensch, der sich nicht damit begnügt, was oberhalb der Erde ist. Er befragt sich und andere: Wo liegen die Wurzeln aller Dinge? Ein solcher radikaler Mensch lebt ethisch aus dem Anspruch, nicht bloß dem Weg des zufriedenen Lebens zu folgen, sondern auf die eigenen Wurzeln zu schauen, um sich und das eigene Handeln zu verstehen.

Der Kern des Christentums ist praktizierte Nächstenliebe. Aber es ist dabei kein Internationales Rotes Kreuz mit spirituellem Überbau. Das Christentum ist im Grunde auch kein religiös verbrämtes Weltverbesserungsinstitut. Nein, es weiß um die Vorläufigkeit der Erde und die Endgültigkeit des Himmels. Ebenso um die begrenzten Kräfte des Menschen in Politik und Privatleben und es misstraut jedem politisch-sozial-religiös motivierten Versuch, auf der Erde das Paradies für jeden Menschen zu errichten.

Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Seit der Menschwerdung ist er in jedem Menschen gegenwärtig. Daraus erwächst der sittliche Ernst des Christen: Alle Menschen sind gleicher Würde und gleich berufen zur Ewigkeit.

Gegen Ende des Matthäusevangeliums findet sich eine eindrucksvolle Endgerichtserzählung: Am Ende der Zeit wird der Herr die Schafe von den Böcken scheiden. Trotz der Bildhaftigkeit ist doch wohl nach Jesu Aussage wahr, dass unserem Leben eine tiefe Bedeutung zukommt. Es ist nicht einfach egal, wie wir hier leben. Das Urteil im Gericht spricht letztlich jeder sich selbst durch das Maß an Liebe in seinem eigenen Leben. Im Nächsten finde ich Jesus, der selbst diese Liebe ist. Mit der Verwirklichung dessen werden wir getrost ein Leben lang beschäftigt sein. So getrost, dass wir uns am Ende Gott überlassen dürfen: getröstet und gelassen, alles getan zu haben. Von niemand fordert er mehr, als in seinen Kräften steht. Das wäre die heilsame und bleibende Unruhe: Nutze ich die geschenkten Talente? Erkenne ich den Mitmenschen, der hungert, dürstet oder notleidend ist? Die Erzählung vom Endgericht verklammert Diesseits und Jenseits, Gesinnungs- und Verantwortungsethik, Politik als Kunst des Machbaren und Utopie als Vision des neuen Jerusalem. Barmherzigkeit im Sozialstaat wagt diese Gratwanderung, um das Menschenmögliche zu tun im Blick auf konkrete, benachteiligte und notleidende Menschen, in denen Gott uns entgegenkommt.

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