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Industrie 4.0: Unterwegs zur Fabrik der Zukunft. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | Industrie 4.0: Die vierte Industrielle Revolution rollt bereits.
Foto: dpa | Industrie 4.0: Die vierte Industrielle Revolution rollt bereits.

Wie sichert man die Wettbewerbsfähigkeit eines Hochlohnlandes und geht man sparsam mit Rohstoffen und Energie um, wie reagiert man auf die Alterung der Belegschaften – und wie bringt man die Globalisierung, individuellere Kundenwünsche, kürzere Reaktionszeiten und steigende Qualitätsansprüche unter einen Hut?

Die Antwort auf solche Fragen bündelt sich im Begriff Industrie 4.0. Seit drei Jahren schwirrt das Schlagwort durch die Hallen der Hannover Messe und auch in diesem Jahr war es dort omnipräsent. Vordergründig bezeichnet Industrie 4.0 die vierte Industrielle Revolution: Auf Dampfmaschine, Fließband und Elektronik folgt die Vernetzung als treibende Kraft einer weiteren Umwälzung in der weltweiten Produktion.

Aber wie sieht die Fabrikation der Zukunft aus? Wenn heute ein Arbeiter in der Automobilindustrie die Nachricht erhält, dass ein Auto mit einer bestimmten Strich-Codierung vorbeikommt, an dem entsprechende Felgen montiert werden müssen, sorgt er für die Montage der Felge – entweder tut er es selbst, oder ein Roboter leistet Handlangerdienste. Künftig sind Maschine und Werkstück über Chips miteinander vernetzt, kommunizieren und erledigen diese Aufgabe selbstständig. Folge: Die Produktion wird schneller, exakter und reibungsloser, individuelle Kundenwünsche lassen sich leichter erfüllen. Früher mussten Maschinen völlig neu eingerichtet werden, um besondere Kundenwünsche zu erfüllen. Das kostete Zeit und Geld. In der vernetzten Fabrik „weiß“ die Maschine genau, welches Werkstück sie wann und wie herstellen soll. Und der Rohling weiß dank seines Chips, welches Produkt aus ihm gefertigt werden soll. Ein Quantensprung in der industriellen Fertigung, eine Riesenchance für ein Hochlohnland wie Deutschland, konkurrenzfähiger zu werden.

Die Automobilindustrie hat davon schon viel umgesetzt: Jeder fünfte Betrieb verfügt bereits über selbststeuernde Anlagen. Viele Unternehmen bieten bereits Dienstleistungen oder Produkte für Industrie 4.0 an. Sensoren werden in der Fabrik der Zukunft eine Schlüsselposition einnehmen. Und mit der Verwertung von Daten ließe sich künftig viel Geld verdienen. So haben Unternehmen die präventive Wartung als Geschäftsfeld entdeckt. Anhand einer Datenanalyse von Fabriken lässt sich heute schon bestimmen, wann eine Maschine vermutlich ausfallen wird. Ein Techniker kann damit eingreifen, noch ehe es ernsthafte Schwierigkeiten gibt. Viele weitere Geschäftsmodelle sind denkbar.

Aber ehe die Industrie 4.0 durchstarten kann, muss sich viel verändern: Studiengänge und Berufsbilder müssen sich wandeln: Der Informatiker muss Maschinenbaukenntnisse haben, der Ingenieur etwas von Software-Programmierung verstehen.

Weil Industrie 4.0 auch über Grenzen hinweg miteinander vernetzt, erfordert sie eine flächendeckende Breitbandinfrastruktur. Alle Akteure der Fabrik 4.0 müssen in Echtzeit größere Datenpakete austauschen können, Kommunikationsnetze dürfen nicht ausfallen. Doch vor allem im ländlichen Raum mit seinen ,,hidden champions“ genügen die Netze diesen Anforderungen kaum: Laut einer Befragung von bayerischen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen durch IW Consult ist ein Viertel der Firmen unzufrieden mit der derzeitigen Breitbandversorgung. Und Mobilfunklösungen und neuere Techniken für Kupferkabel können aufgrund des mangelhaften Schutzes gegen Ausfälle und der geringen Bit-Raten höchstens Zwischenlösungen sein.

Und weil die Produktionsprozesse auch über das Internet gesteuert werden, müssen die Unternehmen stärker als bisher für Datensicherheit sorgen. Denn die Produktionssysteme in der Industrie 4.0 werden hochgradig vernetzte Systemstrukturen mit einer Vielzahl von beteiligten Mitarbeitern, IT-Systemen, Automatisierungskomponenten und Maschinen sein.

Gründe für mehr Investitionen in die Industrie 4.0 gibt es genug. Der demografische Wandel etwa wird bald die nicht akademischen Fachkräfte stark verringern. Unternehmen können diese Verknappung am besten mit dem Schritt zur voll vernetzten flexiblen Produktion auffangen.

Wie sich die Industrie 4.0 insgesamt am Arbeitsmarkt auswirken wird, ist ungewiss. Zwar werden Mitarbeiter entlastet und können sich auf den Kern ihres Berufs konzentrieren. Doch ob die neuen Jobs die Arbeitsplatzverluste derer ausgleichen, deren Tätigkeiten von immer neuen Maschinen ersetzt werden, ist mehr als fraglich. So warnt eine Untersuchung der britischen Universität Oxford, knapp die Hälfte aller heutigen Jobs stünden auf dem Spiel. (Zum Thema siehe auch die Kolumne auf dieser Seite, A.d.R.) In den kommenden Jahrzehnten würden Arbeitsplätze in Transport und Logistik überflüssig, aber auch in Büros und Verwaltungen. Die verschärfte Computerisierung des 21. Jahrhunderts werde längst nicht nur gering qualifizierte Niedrigverdiener treffen. Auch den bislang noch wohlhabenden Mittelschichten werde die digitale Revolution der Wirtschaft eine „lange Misere“ bringen, prophezeien US-Ökonomen in einer anderen Untersuchung.

Welches Wissen, welche Fähigkeiten brauchen Menschen, um unter den Bedingungen der digitalen Revolution am Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein? Wie kann der Staat ihnen mit besserer Bildungspolitik und einem Umbau des Sozialstaats helfen? Wie soll das Steuersystem ausgestaltet sein, um die bevorstehende Entwicklung abfedern zu können? Eine Regierung, die sich eine digitale Agenda auf die Fahnen schreibt, muss darauf rechtzeitig antworten.

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