Fürth

Ziemlich schlechtes Image: "Viel wichtiger als Geld"

Es herrscht Pflegenotstand. Gut 40.000 Stellen waren im letzten Jahr nicht besetzt. Sozialethiker Elmar Nass sagt: Am Geld liegt es nicht. Pfleger haben in Deutschland hat ganz andere Probleme.

Pflegenotstand in Deutschland
Der Pflegeberuf erfordert viel: Einfühlungsvermögen, Sensibilität, aber auch körperliche Kraft sind erforderlich. Foto: Angelika Warmuth (dpa)

Im letzten Jahr waren laut Bundesagentur für Arbeit bundesweit knapp 40.000 Pflegestellen unbesetzt. Was macht den Beruf aus Ihrer Sicht so unattraktiv?

Elmar Nass: Der Beruf ist sehr attraktiv für Idealisten mit ehrlicher Liebe zum Menschen und Bereitschaft, die Hilfe für Kranke, Sterbende und Schwache konsequent als Berufung zu leben. Nicht umsonst sind die Kirchen gerade im Bereich der Pflege sehr engagiert. Hier wird das Gebot der Nächstenliebe konkret. Die Realität bleibt leider oft hinter dem Ideal zurück. Da fallen einem die im Durchschnitt mäßige Entlohnung, unattraktive Arbeitszeiten und Überstunden ein. Aufstiegschancen sind begrenzt, und die hohe körperliche Belastung ist berüchtigt. Es gibt hohe Quoten von Abbrechern und Aussteigern. Auch das wirkt nicht gerade motivierend.

Woran liegt das? Ist es die Bezahlung?

Elmar Nass: Pflegekräfte verdienen insbesondere im Bereich der Altenpflege viel zu wenig. Daneben gibt es vor allem ein Image-Problem. Studenten berichten mir, das sei viel wichtiger als das Geld. Das mag überraschen, zeigen doch Umfragen, dass der Pflegeberuf gesellschaftlich als wertvoller Dienst geschätzt ist. Das sei – so die Studenten – aber nur eine oberflächliche Bewertung. Die Erfahrung im Alltag zeige, dass die Menschen zwar froh sind, dass es Pflegekräfte gibt und einem auf die Schulter klopfen. Dies geschehe aber oft mitleidig. Auch im beruflichen Alltag fühle man sich gerade im Verhältnis zu Ärzten oft als Mitarbeiter zweiter Klasse.

Elmar Nass ist Professor für Wirtschafts- und Sozialethik und leitet das Ethikinstitut an der Wilhelm-Löhe-Hochschule in... Foto: privat

Wäre der von Jens Spahn ins Spiel gebrachte Mindestlohn von 14 Euro in der Pflege das richtige Signal?

Elmar Nass: Nein. Das Image-Problem würde damit nicht gelöst, im Gegenteil. Es würde noch offenbarer, dass der Pflegeberuf finanzielle Anerkennung durch den Staat nötig hat. Das kann als Makel interpretiert werden und das Image weiter absenken. Löhne von gering qualifizierten Arbeitskräften werden zudem ansteigen. Folgen sind ein Einstellungsstopp für gering qualifizierten Hilfskräfte oder Entlassungen. Ohne entsprechende Anpassung der Preise verschlechtert sich auch die wirtschaftliche Situation der Anbieter. Untergrabung der Tarifautonomie und mehr Bürokratie sind weitere Probleme. Und: Ein Mindestlohn von 14 € kann wohl nicht für Fachpersonal gedacht sein, welches eine dreijährige Ausbildung absolviert hat ...

Altenpflege ist nah am Ende des Lebens dran. Das bringt auch Probleme beim Umgang mit Menschen mit sich, wenn aus Personalknappheit einfach für wichtige Dinge die Zeit fehlt. Kommt unsere Gesellschaft nicht zunehmend auch in einen ethischen Konflikt?

Elmar Nass: Ja. Vor allem profitorientierte Pflegeheime sind lukrative Geldanlagen. Gespart wird beim Personal. Leidtragende sind die Hilfebedürftigen, aber auch die Pflegekräfte. Sie bringen hohe Professionalität, Motivation und Empathie mit und erleben im Alltag, dass sie ihre Talente nicht entfalten können. Das maximiert Frustration. Berufungen zur Nächstenliebe werden ökonomisch amputiert. Auch vor allem christliche Träger sind ethisch betroffen. Sie können oft nicht mehr einlösen, was ihnen Namen wie Caritas oder Diakonie vorgeben. Ihre Glaubwürdigkeit hängt aber wesentlich davon ab.

"Berufungen zur Nächstenliebe
werden ökonomisch amputiert."
Sozialethiker Elmar Nass über Personal- und Zeitknappheit in der Pflege

Gerade erst hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Kosovo um Alten- und Krankenpfleger geworben. Eine Chance, den Pflegenotstand zu überwinden?

Elmar Nass: Für Deutschland kann das Anwerben von Pflegekräften aus dem Ausland ebenso ein Mosaikstein sein wie der Einsatz von Technologien, die von schwerer körperlicher Arbeit entlasten. Aber machen wir uns nichts vor: Schon seit Jahrzehnten werben wir Pflegekräfte aus dem Ausland an. Das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Welche Risiken sehen Sie?

Elmar Nass: Und was ist mit der Pflegeversorgung in diesen Ländern? Es darf nicht sein, dass wir unsere Pflege auf Kosten ärmerer Länder aufpolieren. Außerdem sind solche Aktionen nicht förderlich für den Image-Gewinn, eher im Gegenteil. Sprachliche und kulturelle Probleme kommen hinzu. Es ist auch kein gutes Signal, dass man sich in der Politik offenbar mehr Gedanken darüber macht, wo neues Personal herkommt statt zu schauen, wie wir unsere qualifizierten Kräfte halten können.

Der Deutsche Pflegerat rechnet nicht mit einer schnellen Entspannung auf dem Pflegemarkt, selbst wenn die Bundesregierung die versprochenen Verbesserungen in der Pflege umsetzt. Was müsste passieren?

Elmar Nass: Einige Ideen mit ihren Grenzen sind schon angeklungen. Vor allem aber muss die Pflegediskussion ausgeweitet werden auf die Familien. Auch hier wird ein unschätzbarer Dienst der Nächstenliebe getan. Ambulante Versorgung ist zu stärken. Und familiäre Pflege muss deutlich mehr finanzielle Unterstützung erhalten. Groß angelegte öffentliche Kampagnen zur Imagestärkung familiärer wie professioneller Pflege sind flankierend geboten. Und: Begeisterungsfähigkeit für soziales Engagement muss nicht identisch sein mit gehyptem Klimaaktivismus. Vielmehr sollte von kirchlichen Trägern, in Medien und Schulen die Pflegekultur zum Schlüsselthema gemacht werden, für die sich der Einsatz lohnt. Soziale Leidenschaft fände wieder mehr im Pflegeberuf ihren Ausdruck. Auch sollte das Berufsprofil konturiert werden. Hierzu zählen etwa klar definierte Verantwortungsbereiche, akademische unter anderen Weiterbildungs- und Karrieremöglichkeiten, die Einrichtung von Pflegekammern wie eine weitere Etablierung der Pflegewissenschaft als eigenständige Disziplin.