Unübersehbare Warnzeichen

Arm wird ärmer, reich wird reicher. Und die Mittelschicht schrumpft allmählich. Von Reinhard Nixdorf

Die Mittelschicht schrumpft. Die Angst vor sozialem Abstieg wächst. Das Versprechen „Wohlstand für alle“ gilt für immer weniger Menschen. Foto: Symbolbild: dpa
Die Mittelschicht schrumpft. Die Angst vor sozialem Abstieg wächst. Das Versprechen „Wohlstand für alle“ gilt für immer ... Foto: Symbolbild: dpa

„Wohlstand für alle“ – das Programm des Wirtschaftswunders hat unsere Wirtschafts- und Sozialpolitik jahrzehntelang bestimmt. Die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ galt als Erfolgsrezept für sozialen Frieden. Doch mittlerweile fürchten immer mehr Bürger den sozialen Abstieg. Schrumpft die Mittelschicht oder nicht? „Sie schrumpft!“, sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Da widerspricht das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Wer hat recht?

Am Donnerstag wurde eine Studie vorgestellt, die das DIW und die Universität Bremen im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erarbeitet haben. Ihr Befund: Immer weniger Menschen in Deutschland gehören zur Mittelschicht. Seit 1997 ist ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung von 65 auf 58 Prozent und damit um 47,3 Millionen Menschen gesunken – 5,5 Millionen Menschen weniger als vor fünfzehn Jahren.

Zur Mittelschicht zählen die Verfasser Haushalte mit siebzig bis 150 Prozent des mittleren Einkommens. Das Schrumpfen der Mittelschicht führen sie auf drei Ursachen zurück: auf die Zunahme von Ein-Personen-Haushalten, die Steuerreform und die Arbeitsmarktreformen. Ein-Personen-Haushalte sind vom Abstieg bedroht, weil sie die Vorteile von Haushalten, wo sich mehrere Personen die Fixkosten teilen, nicht nutzen können. Hier wirkt sich neben der Zunahme von Singlehaushalten auch der demographische Wandel aus: Kinder werden erwachsen, Ehepartner sterben, übrig bleiben Witwen, Witwer, Einzelhaushalte. Noch gravierender: Die Steuerreform habe mit der Senkung des Spitzensteuersatzes die oberen Einkommensschichten begünstigt, weniger die Mittelschicht, stellt die Studie des DIW fest. Und durch die Arbeitsmarktreformen seien viele unterdurchschnittlich bezahlte Jobs entstanden, normal bezahlte Stellen würden zurückgedrängt. Die Abstiegsgefahr, gerade für untere Einkommen der Mittelschicht, sei größer als die Chance, aufzusteigen. Die Unsicherheit nehme zu: Große Sorgen über die eigene Zukunft machten sich heute 25 Prozent der Mittelschicht – gegenüber fünfzehn Prozent vor zwölf Jahren.

Anders beurteilt das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) die Lage. Anfang September veranstaltete das arbeitgebernahe Institut eine Pressekonferenz mit dem Titel: „Wer ist die gesellschaftliche Mitte? Mythen und Fakten“. Der Direktor des IW, Professor Michael Hüther, stellte dort eine Studie vor und verkündigte freudig: Die Mittelschicht in Deutschland erodiert nicht. Doch der Befund einer stabilen Mittelschicht beruht auf einem Vergleich, der hinkt. Zu Beginn der 1990er-Jahre war die Einkommensklasse in der Mitte kaum kleiner als heute, sagen die Autoren des IW: 1991 gehörten 49,9 Prozent aller Haushalte zur Einkommensmitte, 2009 waren es 48,7 Prozent – keine große Veränderung. Der Pferdefuß: 1991 war das Jahr nach der Wiedervereinigung: Der ärmere Osten trat dem reicheren Westen bei. Für einen wirklich realistischen Schluss hätten die Forscher des Kölner Instituts bis in die 1980er Jahre zurückgehen müssen. Damals war die statistische Mittelschicht in Westdeutschland sehr groß. Die Forscher erklären aber ausgerechnet den Zeitraum mit der „Vereinigungsdelle“ zum Normalzustand. Doch erst danach gab es in Ostdeutschland einen Einkommensschub, schloss ein Teil der ostdeutschen Gesellschaft zur Mittelschicht auf.

In den Jahren zwischen 1995 und 2000 durften sich dann auch nach IW-Angaben gesamtdeutsch fast 54 Prozent der Haushalte als Mittelschicht fühlen. Seitdem ist die Mittelschicht um knapp fünf Prozent geschrumpft – und das trifft jeden zehnten Mittelschichts-Haushalt. Ursachen sind die Einkommensungleichheit und die Ausdehnung des Niedrigeinkommenssektors – und dieser Trend setzt sich fort. Unbegründeten Optimismus verbreitet die IW-Studie auch zum Abstieg von Mittelschichts-Haushalten. Nach den IW-Daten gleiten jährlich „nur“ etwa 400 000 der etwa zwanzig Millionen Mittelschichts-Haushalte in die Einkommensarmut ab. Ob dies viel oder wenig ist, und wie viele Menschen davon betroffen sind, wird erst gar nicht erörtert.

Die Oberschicht ist im Vorteil, die Mitte tritt auf der Stelle und fällt zurück: keine günstige Entwicklung. Denn Demokratien funktionieren am besten, wenn die Mittelschicht möglichst groß ist. Zudem zeichnet sich eine Mittelschicht durch Bildungsnähe und Lebensstandard aus. Steigt sie ab, wirkt sich das wirtschaftlich aus: etwa dadurch, dass die Mittelschicht über ihre Verhältnisse lebt und sich verschuldet. Dieses Phänomen konnte man in den Vereinigten Staaten beobachten: Faule Immobilienkredite, die nicht mehr bedient werden konnten, lösten 2008 die Finanzkrise mit aus. Kinder der Mittelschicht, die heute aufwachsen, können nicht mehr mit Gewissheit sagen, dass es ihnen besser gehen wird als ihren Eltern, und sie müssen sich anstrengen, um überhaupt die Position zu halten. Wenn aber die Ungleichheit zunimmt, bilden sich dynastische Strukturen, weil die soziale Durchlässigkeit abnimmt. Es entsteht eine Art Ständegesellschaft, in der soziale Positionen vererbt werden. Die Folge: Die Motivation derer, die unten sind, schwindet. Sie sehen ohnehin keine Aufstiegschance und strengen sich deshalb nicht mehr an. Auf diese Weise gehen der Gesellschaft talentierte Menschen verloren.

So weit ist Deutschland noch nicht. Im Vergleich zu vielen Südeuropäern geht es den Deutschen noch gut. Aber die Warnzeichen sind unübersehbar.