„Nachhaltigkeit muss selbst nachhaltig sein“

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke und Audi-Chef Rupert Stadler kamen zum Gespräch über ein brisantes Thema zusammen: wie die Zukunft der Mobilitätsbranche umweltfreundlich und ökologisch geprägt werden kann. Von Maximilian Lutz

Auch nach der Veranstaltung noch im gegenseitigen Austausch: Akademiedirektor Florian Schuller (Mitte), der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke (links) und Audi-Chef Rupert Stadler. Foto: Katholische Akademie
Auch nach der Veranstaltung noch im gegenseitigen Austausch: Akademiedirektor Florian Schuller (Mitte), der Eichstätter ... Foto: Katholische Akademie

Nie zuvor war unsere Gesellschaft so mobil wie heute. Und nie zuvor war Mobilität so wichtig wie heute. Für die meisten Menschen ist das Auto noch immer Fortbewegungsmittel Nummer Eins – unverzichtbar, beruflich wie privat. Nie zuvor war aber auch die Bedeutung von Nachhaltigkeit so tief im Bewusstsein verankert wie heute. Das zeigt auch die Diskussion um den Betrug mit Diesel-Abgaswerten. Selbst zwei Jahre nachdem die Manipulationen ans Licht kamen, gehen die Enthüllungen weiter, mit möglicherweise weitreichenden Folgen für Autoindustrie und Verbraucher. Zudem ist gerade die IAA in Frankfurt zu Ende gegangen. Dort werden die Weichen für die Zukunft einer ganzen Branche gestellt. Digitalisiertes, vernetztes und autonomes Fahren sind die Schlagworte. Und nachhaltig soll es auch sein.

Angesichts dieser Ausgangslage schien die Katholische Akademie in Bayern mit ihrer Themenwahl den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Anlässlich ihres 60-jährigen Bestehens lud sie am Mittwochabend zusammen mit dem Diözesanbildungswerks im Bistum Eichstätt zu einem Podiumsgespräch über „Nachhaltigkeit und Mobilität“ in den Orbansaal der Canisiusstiftung in Ingolstadt. Florian Schuller, Direktor der Katholischen Akademie, und Ludwig Brandl, Direktor des Diözesanbildungswerks, hielten einführende Vorträge. Die beiden Gäste des Abends hätten wohl konträrer kaum sein können: Auf der einen Seite stand Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender der Audi AG, einer der führenden Köpfe der Automobilindustrie. Den Gegenpart übernahm der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke, der sich seit mehr als 25 Jahren für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur und den Ressourcen einsetzt. Moderiert wurde das Gespräch von Akademiedirektor Schuller.

„Ich muss zunächst einmal beichten“, wandte sich Stadler gleich zu Beginn an Bischof Hanke. Er sei mit dem Flieger angereist. Das dürfte ihm der Bischof wohl verzeihen, denn auch der 63-Jährige hat keine strahlend weiße ökologische Weste, wie er gestand. Sein Hobby sei das Motorradfahren. „Ein schwarzer Fleck auf meiner ökologischen Seele.“ Dabei könne ihm die „mönchische Gelassenheit“ schonmal abhanden kommen. Er sei sich bewusst, dass das Motorradfahren für jemanden, der andere zu umweltbewusstem Handeln animiere, durchaus ein ambivalentes Hobby sei, „aber auch ein schöner Ausgleich“, der die Natur genießen lässt. Auch Stadler, der in Titting, nicht weit von Ingolstadt entfernt, geboren wurde, schilderte seine Liebe zur Natur. Seine Leidenschaft sei das Radfahren. „Dabei kann man ja auch mal an einer Kapelle absteigen und die innere Ruhe genießen.“

Danach war es jedoch vorbei mit sentimentalen Liebeserklärungen des Audi-Chefs zu Natur und Umwelt. Leidenschaftlich referierte er über die „Transformationsphase“, in der sich die Autoindustrie befinde, dank Digitalisierung, Technisierung und Vernetzung. „Man muss die Balance finden, Mobilität umweltfreundlich und nachhaltig zu gestalten – dann kann man die Lebensqualität ausbauen.“ Es sei ein Phänomen der Gesellschaft, mobil sein zu wollen. Er selbst träume vom autonom fahrenden Auto der Zukunft, das dem Fahrer eine „25. Stunde“ des Tages schenke: „Zum arbeiten, Musik hören oder um mit der Familie Videotelefonate zu führen“.

An dieser Stelle mahnte Bischof Hanke zur Vorsicht: Auch wenn Stadlers Zukunftsvision begeisternd klinge, müsse man bedenken, dass die Mobilität den Menschen an Grenzen bringe. „Es gibt kein unbegrenztes Wachstum.“ Ihm sei eine „Ökologie des Herzens“ wichtig. „Nachhaltigkeit muss selbst nachhaltig sein“, so der Bischof. Sie dürfe nicht nur aufgrund ökonomischer Gesichtspunkte entstehen. „Wir brauchen ein ethisches Verhalten gegenüber der Schöpfung aus Liebe zur Zukunft.“ Hier räumte Stadler ein: „Wer in seinem Unternehmen nicht für Nachhaltigkeit sorgt, wird langfristig keine Zukunft haben.“

Als Schuller konkret nach der IAA und den dort von Audi vorgestellten neuesten Modellen fragte, schaltete Stadler in den Verkäufermodus und pries den technischen Fortschritt, den das Unternehmen seinen Kunden biete. „Der Kunde wird mit autonomem Fahren erleben, dass die Bewegungsökonomie viel effizienter wird.“ Man mache sich Gedanken über die Antriebstechnik der Zukunft. Hybridantrieb, E-Auto, Brennstoffzellen – das alles seien große Themen. Aber eben auch die Digitalisierung. Das Auto werde zum Computer mit gigantischer Leistung.

Und wie wirke sich das auf dem Land aus, wo die Digitalisierung ja noch nicht so weit fortgeschritten sei, fragte Schuller, und fügte hinzu: „Peking ist schließlich nicht Titting“. Es werde eine Koexistenz der Systeme gegen, beschwichtigte Stadler. Seine unternehmerische Aufgabe sei es nur, Trends zu erkennen und mitzuspielen. „Sonst machen andere das Geschäft – und das finde ich blöd.“ Als Vorteil der Vernetzung und neuer Formen der Fahrzeugnutzung wie dem „Car-Sharing“, nannte der Audi-Chef die Parkplatzsuche. 20 Minuten brauche man durchschnittlich in einer Stadt wie Berlin. Da seien in Zukunft massive Zeiteinsparungen möglich.

Ehe Stadler über die Vorteile der Zukunftstechnologien allzu sehr ins Schwärmen geraten konnte, mahnte Bischof Hanke jedoch, dass der zentrale Gesichtspunkt die Nachhaltigkeit sein müsse. Er wisse, dass das Potenzial vorhanden sei, nachhaltige Entwicklungen zu fördern und zu etablieren. „Doch es müssen sich auch die Denkmuster ändern.“

In der Diesel-Affäre, die nach Ansicht vieler zu einem grundlegenden Umdenken führen könnte, positionierte sich Stadler klar. Er ging jedoch kaum auf die eigenen Verfehlungen des von ihm gelenkten Unternehmens ein. „Den Dieselmotor wird es in Europa noch viele Jahre geben“, so der 54-Jährige. Dieselautos, die die EURO-6-Norm erfüllten, seien saubere Produkte. Nur mit einem Satz erwähnt er dann die Verwicklungen seines Unternehmens in den Betrugsfall: „Die Fehler, die gemacht wurden, auch bei Audi, müssen wir annehmen und aufarbeiten.“ Zu sagen, der Diesel habe keine Zukunft mehr, sei jedoch falsch. „Wir dürfen uns nicht von dieser Pseudo-Diskussion leiten lassen, die zu wenig Maß und Mitte hat.“ Ein klares Statement für den Diesel.

Stadler sieht noch einen weiteren Vorteil im Verbrennungsmotor: Nur mit ihm ließen sich die gesetzlichen Ziele erreichen. Mit Kanzlerin Merkel habe man zuletzt konstruktive Gespräche geführt. Bischof Hanke ist jedoch der Meinung, dass es gefährlich sei, wenn die Politik allzu sehr regulierend eingreife und Detailwege vorschreibe. „Die Politik muss Wächter der Nachhaltigkeit sein, sie muss einen gesetzlichen Rahmen schaffen, darf sich aber nicht um die Details bemühen.“ Mit denen müsse sich die Autoindustrie selbst beschäftigen. Und Hanke mahnt: „Letztendlich müssen wir unsere Lebensweise auf den Prüfstand stellen.“ Sonst könne man nicht in die Zukunft gehen.

Ein wenig zu unaufgeregt verlief das Gespräch, wenn man die Brisanz der Thematik im aktuellen Licht betrachtet. Wer erwartete hatte, mehr über Audis Verwicklungen in die Abgas-Affäre zu erfahren, wurde an diesem Abend enttäuscht. Am Ende ist es der Bischof, der doch noch einen kleinen Stich gegen den Audi-Konzernlenker setzt: „Ich, Herr Stadler, würde mir keinen A8 kaufen.“ Dafür erntet er den anhaltendsten Applaus des Abends.