Leben in Fülle entscheidet sich nicht an der Kreditkarte

In seiner ersten großen Rede zur Entwicklungspolitik würdigt Bundespräsident Joachim Gauck die entwicklungspolitischen Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirchen. Von Joachim Heinz

Bei den Feierlichkeiten aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirchen (v.l.n.r.): Erzbischof Zollitsch, Entwicklungsminister Niebel (FDP), Bundespräsident Gauck und Präses Schneider. Foto: dpa
Bei den Feierlichkeiten aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit zwischen Staat ... Foto: dpa

Er nahm sich Zeit. Gut vier Stunden verbrachte Bundespräsident Joachim Gauck am Donnerstag in Bonn – auf einer einzigen Veranstaltung. Die beiden großen Kirchen hatten anlässlich des 50-jährigen Bestehens der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit mit dem Staat in die Bundesstadt geladen. Hier, wo unter dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) alles begann. Bereits in den 1950er Jahren unterstützte der erste Kanzler der Bundesrepublik kirchliche Krankenhäuser und Schulen in den armen Ländern des Südens. Anfang der 1960er Jahre dann wurde diese sporadische Zusammenarbeit institutionalisiert. Die Kirchen erhalten seither – als einzige nichtstaatliche Institutionen in der Bundesrepublik – ein globales Budget für eigene Hilfsprojekte. Über sechs Milliarden Euro staatliche Gelder flossen bis Ende 2011 auf diesem Wege in rund 20 000 Projekte in allen Teilen der Welt. Beide Seiten profitierten von diesem europaweit einzigartigen Modell: Der Staat konnte auf ein breites Netzwerk zurückgreifen. Die Kirchen erhielten eine verlässliche Finanzierungsquelle für ihre Arbeit mit den Ärmsten der Armen. Soweit, so lobenswert. Doch würde der Bundespräsident zu alldem noch neue Aspekte beisteuern können?

Diese Frage wird manchen der 500 Gäste, darunter Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP), seine Amtsvorgänger Heidemarie Wieczorek-Zeul und Erhard Eppler (beide SPD), sowie der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, und der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, durch den Kopf gegangen sein. Denn es handelte sich um nicht weniger als die erste große entwicklungspolitische Rede Gaucks. Schnell wurde klar: Anders als sein Vorvorgänger Horst Köhler hatte Gauck keinen Masterplan etwa in Form einer besonderen Partnerschaft mit Afrika im Gepäck. Stattdessen führte der erste Mann im Staate und gelernte evangelische Theologe fünf Kieselsteine mit sich, wie sie weiland in der Bibel David im Kampf gegen den übermächtigen Goliath dabei hatte. Denn nach wie vor stünden Entwicklungshelfer vor ungeheuren Aufgaben, betonte Gauck. Um diese auch künftig zu meistern, brauche es eben jene fünf Steine, führte der Präsident aus. So gelte es erstens, das Erreichte der Öffentlichkeit zu vermitteln, zweitens das zu Erreichende im partnerschaftlichen Dialog voranzubringen, drittens Entwicklungshilfe nicht mit Almosen zu verwechseln, viertens über den eigenen Lebensstil nachzudenken und fünftens weiter für eine solidarische und gerechte Gesellschaft zu kämpfen, ohne die Entwicklungshilfe mit zu vielen Zielen zu überfrachten.

Die Kirchen spielten dabei eine ganz besondere Rolle, hob Gauck hervor. Sie blieben eine „unersetzliche Stimme im Chor derjenigen, für die ein Leben in Fülle sich gerade nicht am Kontostand oder der Kreditkarte entscheidet“. Deswegen sei kirchliches Engagement in Wort und Tat weiter gefragt. „Das sind keine ungebetenen Einreden, sondern erwünschte Mitwirkungen.“ Damit traf der Präsident den Ton der gesamten Veranstaltung. Obwohl den Kirchen in vielen gesellschaftlichen Bereichen ein harter Wind ins Gesicht weht: In der Entwicklungshilfe bleiben sie gefragte Partner, wie auch Entwicklungsminister Niebel betonte.

Insgesamt scheint die Stimmung zwischen dem anfangs viel kritisierten FDP-Politiker und den Kirchen nicht erst seit der jüngsten gemeinsamen Kenia-Reise Mitte August recht entspannt zu sein. Dass er nicht immer einer Meinung mit den Kirchen sei, räumte Niebel zwar freimütig ein. Zugleich betonte er, dass er die kontroverse Diskussion schätze. „Und in diesem Sinne freue ich mich auf die nächsten 50 Jahre unserer Zusammenarbeit.“ Niebel will den Spielraum der Kirchen in der Entwicklungshilfe erweitern. Sie erhielten bereits jetzt bundesweit als einzige Institutionen staatliche Mittel im Rahmen einer sogenannten Globalbewilligung, sagte Niebel. „Und wegen der guten Erfahrungen wollen wir auch die Einzelbewilligung für besonders sensible Länder noch abschaffen. Und deshalb geben wir Ihnen auch mehr Geld“, so der Minister.

Prälat Karl Jüsten, verantwortlich für die Katholischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe, die die staatlichen Gelder weiterleitet, gab die Komplimente zurück. Zugleich dankte er dem Bundespräsidenten für seine „Mut machenden Worte“. Die Kieselsteine werde man aufnehmen – und das Engagement in der Entwicklungshilfe fortsetzen.

Bereits beim ökumenischen Gottesdienst in der Bonner Sankt-Elisabeth-Kirche, dem Auftakt der Feierlichkeiten, hatten die Kirchen die gemeinsame Entwicklungshilfe mit dem Staat gewürdigt und ihr Engagement bekräftigt. Dabei stehe die Hilfe zur Selbsthilfe im Mittelpunkt, sagte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch. „Es ist für unsere Kirchen keine Festtagsrhetorik, wenn wir sagen: Die Armen selbst müssen Träger der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung sein“, so Zollitsch. Voraussetzungen dafür zu schaffen und Hindernisse zu beseitigen, sei Aufgabe staatlicher und kirchlicher Entwicklungsarbeit. Zugleich betonte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, dass die Hilfe der Kirche ebenso wie die des Staates allen Menschen gelte. „Nationalität, Herkunft, Religion sind keine Begrenzungskriterien für unsere Solidarität. Allein die Bedürftigkeit zählt.“

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, bekräftigte, die Armen, Hungernden und Entrechteten der Welt dürften „um Gottes willen nicht allein mit frommen Worten ,abgespeist‘ werden“. Es gelte, tatkräftig Hilfe zu leisten. Zugleich zeige der Glaube vieler armer Menschen, „das Gottes Kraft größer ist als die strukturelle Gewalt ungerechter Wirtschaftssysteme“, so der rheinische Präses.