Kolumne: Wie politisch ist Diakonie?

Verbände und Träger im Sozialbereich wollen nicht abseits stehen. Von Axel Bernd Kunze

Kolumne: Wie politisch ist Diakonie?
Der Autor, Sozialethiker und Pädagoge, arbeitet als Schulleiter. Ferner ist er als Privatdozent in der Lehrerbildung sowie als Lehrbeauftragter für Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik tätig.Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentr...

Das Meinungsklima im Land ist seit der Migrationskrise rauer geworden. Beklagt wird, der gesellschaftliche Grundkonsens sei bedroht. In dieser Situation wollen Verbände und Träger im Sozialbereich nicht abseits stehen. „Wir müssen klare Kante zeigen“, forderte die Diakonie Deutschland im November und legte Handlungsempfehlungen gegenüber rechtspopulistischen Politikern, Spendern, Klienten oder Mitarbeitern vor. Der Elementarbereich müsse demokratisch gestaltet werden, so die Bundesfamilienministerin im Vorwort einer Broschüre der „Amadeu Antonio Stiftung“, die Erzieher im Umgang mit rechtspopulistischen Eltern schulen will.

Umgekehrt brachte eine bildungspolitische Idee der AfD im Herbst die Gemüter in Wallung: Online sollten Schüler und Eltern „Hetze, Stimmungsmache und Falschbehauptungen“ aus dem Unterricht melden.

„Wenn es um grundsätzliche Fragen unserer Demokratie geht, kann eine falsch verstandene Neutralität […] keine Lösung sein“, schreibt Geschäftsführer Timo Reinfrank im zuvor zitierten Heft der „Amadeu Antonio Stiftung“ – und betont, wie wichtig schon für Kinder die Erfahrung „demokratischen Streitens“ sei. Doch diese Kunst schwindet. Vielfach wird etikettiert statt argumentiert; bestimmte Positionen werden von vornherein als „antidemokratisch“ oder „populistisch“ aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschieden.

Dem Beutelsbacher Konsens gelang es 1976, den damals heftigen Streit innerhalb der politischen Bildung zu befrieden. Die damaligen Richtlinien haben nichts an Aktualität verloren. Was gesellschaftlich kontrovers beurteilt wird, muss auch kontrovers dargestellt werden.

Um die verschiedenen Sichtweisen muss gestritten werden dürfen. Niemand sollte vorschnell für eine politische Position vereinnahmt werden. Dies sollten auch Wohlfahrtsverbände und soziale Stiftungen gegenüber ihren Mitarbeitern wie Klienten beherzigen.

Politische Überwältigung geschieht nicht immer bewusst parteipolitisch. Schwerer aufzudecken sind Überwältigungen, die in der dominanten Milieugebundenheit einer bestimmten Berufsgruppe wurzeln. Davor sind auch soziale und sozialpädagogische Berufe nicht gefeit.

Die Bewertung politischer Probleme wird strittig bleiben – ob wir wollen oder nicht. Gegenwärtig geht es weniger um falsch verstandene Neutralität. Wir sollten darauf achten, dass die Grundprinzipien einer freiheitlichen Gesellschaft nicht durch einen vermeintlich alternativlosen Meinungskonsens beschädigt werden, der Gegenpositionen und deren Anfragen gar nicht erst zu Wort kommen lässt.

Fairer, demokratischer Streit um das bessere Argument setzt als erstes voraus, das Selbstverständnis des anderen unvoreingenommen wahrzunehmen – dies könnte ein guter Vorsatz für den öffentlichen Diskurs im neuen Jahr sein und ein wichtiger Ausdruck gelebter politischer Diakonie.

Kolumne: Wie politisch ist Diakonie?
Der Autor, Sozialethiker und Pädagoge, arbeitet als Schulleiter. Ferner ist er als Privatdozent in der Lehrerbildung sow...