Kolumne: Steuerehrlichkeit als Sozialkapital

Von Professor Johannes Wallacher

Wie kein anderes Thema beschäftigt der Fall „Hoeneß“ seit Tagen die Republik. Durch seine Selbstanzeige ist unstrittig, dass der Erfolgsmanager eine erhebliche Steuersumme hinterzogen und damit den Staat betrogen hat. Dennoch bietet diese Affäre weiteren Gesprächsstoff für immer neue Talkshows und politische Debatten. Die Gründe dafür sind vielfältig. In Wahlkampfzeiten ist eine politische Instrumentalisierung wohl unausweichlich. Ein Faktor ist sicher auch die Uniformierung der Berichterstattung, die ein eigenes medienethisches Problem darstellt.

Ungeachtet dessen verweist die Causa Hoeneß aber auch auf die grundsätzliche Bedeutung von Steuergerechtigkeit und Steuerehrlichkeit, zwei eng miteinander verknüpfte Aspekte. Sozialethisch gibt es viele gute Gründe dafür, dass die Wohlhabenderen einen größeren Teil des Steueraufkommens tragen, der zur Finanzierung der Staatsaufgaben notwendig ist. Wenn Menschen wie Hoeneß sich dieser Verpflichtung auf illegale Weise entziehen, entgehen dem Fiskus jährlich nicht nur geschätzte Einnahmen in hohem dreistelligem Millionenbereich. Die Steuerhinterziehung gesellschaftlicher Eliten untergräbt auf Dauer auch die Steuerehrlichkeit einer ganzen Gesellschaft. Ein effektives Steuerstrafrecht mit wirksamen Kontrollen ist daher ein Gebot der Gerechtigkeit. Denn Menschen vergleichen sich in ihrem Tun immer mit anderen, auch in wirtschaftlichen Fragen, und schauen dabei in aller Regel mehr nach „oben“ als nach „unten“. Solange das Schwarzgeldkonto in der Schweiz oder in Steueroasen gängige Praxis ist, wird also auch Schwarzarbeit oder Steuer- und Versicherungsbetrug in kleinerem Umfang von vielen Menschen als „Kavaliersdelikt“ angesehen.

Mit ihrem Verhalten prägen die Eliten auch die gesellschaftliche Sicht auf Steuerzahlungen wesentlich mit. Werden diese als ungerechtfertigt deklariert, ist man bestenfalls bereit, steuergesetzliche Vorschriften nur dem Buchstaben nach zu befolgen. Dem Geiste nach wird man sie nur dann einhalten, wenn man sie als notwendigen Beitrag zum Gemeinwohl begreift. Dieses Grundverständnis ist wichtig, wie empirische Untersuchungen deutlich belegen. Danach sind die Bürgerinnen und Bürger umso mehr bereit, ehrlich Steuern zu zahlen, je mehr sie davon überzeugt sind, dass auch ihre Mitbürger einen fairen Steuerbetrag entrichten. Dieser Effekt kann durch wirksame Steuerfahndung verstärkt werden. Denn Steuerehrlichkeit kann genauso anstecken wie Steuerunehrlichkeit. Dies gilt es bei den aktuellen Debatten zu berücksichtigen, legen diese Überlegungen doch nahe, dass die Steuerehrlichkeit auch gefördert werden kann durch ein Steuersystem mit Bemessungsgrundlagen und Steuertarifen, die vom Gros der Bevölkerung als gerecht angesehen und verstanden werden. Steuergerechtigkeit und Steuerehrlichkeit sind also wechselseitig miteinander verbunden und tragen zusammen zu mehr Sozialkapital, das heißt zu Vertrauen und zur Fähigkeit einer Gesellschaft zur Zusammenarbeit bei.

Der Autor ist Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik an der Hochschule für Philosophie München und Präsident dieser Hochschule.