Würzburg

Kolumne: Solidarische Selektion

Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott! - das ist nicht das Ideal des europäischen Sozialstaates.

kolumne: Solidarische Selektion
Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ). Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ.

In einem gut entwickelten Sozialstaat kommt den Sozialversicherungssystemen eine besondere Bedeutung zu, insbesondere der Krankenversicherung. Dies gilt, im Unterschied zu nur schwach entwickelten angelsächsischen Sozialstaaten und verstärkt noch die USA, besonders für kontinentaleuropäische Sozialstaaten wie Deutschland und Frankreich. Man denke nur an die seit Jahren in den USA erbittert geführte Diskussion um „Obama-Care“, also eine wenigstens minimal organisierte Krankenversicherung für jeden, die natürlich nur finanzierbar ist durch die Solidarität der Besserverdienenden. Doch nach der starken individualistischen Tradition der USA gilt: Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott! Das aber ist dezidiert nicht das Ideal des europäischen Sozialstaates. Im Unterschied zum liberalen Nachtwächterstaat angelsächsischer Tradition soll nicht bloß der im Straßengraben liegende, schwere Not leidende Mitmensch auf Kosten der solidarisch Versicherten versorgt werden, nein: alle Sorgfalt gilt schon der Prävention, also der Vermeidung von schwerer Not und von Straßenräubern.

Lassen wir den Test machen? Und dann?

Solche Räuber freilich gibt es in verschiedener Gestalt: Äußere Räuber , d. h. äußere Krankheiten überfallen den Menschen, stürzen ihn in den Straßengraben schwerer Not und Krankheit und lassen ihn auf die Solidarität der Mitmenschen hoffen. Es gibt aber auch zahlreiche innere Räuber, die in innere Not stürzen können. Zum Beispiel, und hier krabbelt jetzt endgültig die sozialtechnische Katze aus dem sozialethischen Sack, die bedrängende Frage: Was soll und darf ich meinem noch ungeborenen Kind an schwerer voraussehbarer Krankheit zumuten nach der Geburt? Diese Frage war in der Vergangenheit weniger bedrängend als heute, da ein einfacher Bluttest inzwischen technisch die Bestimmung von Trisomie 21 (Down-Syndrom) ermöglicht, viel weniger risikoreich als bisher. Und dieser scheinbar risikolose Test wird unter bestimmten Bedingungen von der Krankenkasse des solidarischen Gesundheitssystems bezahlt werden. Die bedrängende Frage ist für die Eltern einer Risikoschwangerschaft weniger: Lassen wir den Test machen? Vielmehr die dahinter lauernde verführerische Frage: Was lassen wir mit uns nach dem festgestellten Ergebnis machen? Oder radikaler: Was nutzt es, von der wahrscheinlichen Trisomie 21 des ungeborenen Kindes zu wissen, wenn wir doch fest entschlossen sind, das Kind zur Welt zu bringen, da Trisomie 21 zwar eine Einschränkung bedeutet, aber niemals ein Grund zur Selektion oder Tötung sein kann? Wer Kinder mit Trisomie 21 schon einmal beim Spielen beobachtet hat, wird dies leicht aus eigener Anschauung bestätigen. Jeder freut sich über alles, was die Krankenkasse zahlt. Was aber, wenn dies mit scheinbar auswegloser Konsequenz zu Selektion und Tötung ungeborenen Lebens führt?

Für das unbedingte Recht auf Leben jedes ungeborenen Kindes

Mit anderen Worten: Sind wir schläfrig geneigt, den moralischen Mantel leichtfertig und leichtsinnig an der technischen Garderobe der Krankenversicherung abzugeben und damit einer Selektion einwandfrei gesunden Lebens zuzustimmen, oder aber entscheiden wir selbst: für das unbedingte Recht auf Leben jedes ungeborenen Kindes, völlig unabhängig von medizinisch-technischen Vorhersagen? Erst das wäre echte sittliche Autonomie: Ich bin so frei, mich unabhängig von der Technik für das Gute zu entscheiden!