Mönchengladbach

Kolumne: Rentensystem der Realität anpassen

Es braucht es eine fundierte Sozialethik der Alterssicherung, in deren Rahmen auch die bewährten Prinzipien der katholischen Soziallehre, Personalität, Subsidiarität und Solidarität, dem Sachbereich gemäß immer wieder neu auszubuchstabieren und auszutarieren sind.

Lars Schäfers
Der Autor arbeitet als Wissenschaftlicher Referent bei der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ). Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ. Foto: privat
Lars Schäfers
Der Autor arbeitet als Wissenschaftlicher Referent bei der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ). Di... Foto: privat

Auch im neuen Jahr(-zehnt) wird die Frage nach den nötigen Reformen der Alterssicherung drängend bleiben. Im März wird es auch endlich den Bericht der Kommission „Verlässlicher Generationenvertrag“ geben, der der Politik aufzeigen soll, wie die Fortentwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung und der beiden weiteren Altersvorsorgesäulen ab dem Jahr 2025 aussehen soll.

„Die Berechnungsgrundlagen der Rentenkasse basieren noch immer auf den 45 Jahren lückenloser „Normalarbeit“, die von immer weniger Menschen erreicht werden können oder wollen.“

Dabei sollte aus sozialethischer Sicht eine wichtige Perspektive nicht fehlen: Die Ausgestaltung der gesetzlichen Rentenversicherung beruht bis heute auf der Normalitätsfigur der von Ausbildungsende bis Renteneintritt kontinuierlichen, unbefristeten, sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigung mit existenzsichernden (Tarif-)Entgelten.

Diese Normalitätsannahmen wurden jedoch durch den sozialen Wandel in der Gesellschaft und durch die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt zunehmend in Frage gestellt. Während das Normalarbeitsverhältnis durch Entstandardisierung und Diskontinuitäten teilweise an Bedeutung verliert, hält sich die Normalitätsfigur der Normalfamilie im Sinne des modifizierten (männlichen) Ernährermodells nach wie vor: erste Erwerbsphase, Erwerbsunterbrechung eines (meist des weiblichen) Elternteils während der innerfamilialen Erziehungsphase sowie anschließend im besten Fall dessen (partielle) Reintegration in den Arbeitsmarkt.

Der tendenzielle Bedeutungsverlust der ersten Normalitätsfigur sowie die noch immer hohe Bedeutung der zweiten haben jedoch beide negative Auswirkungen auf die Höhe der Anwartschaften in der gesetzlichen Rentenversicherung, da die Berechnungsgrundlagen der Rentenkasse noch immer auf den 45 Jahren lückenloser „Normalarbeit“ basieren, die von immer weniger Menschen erreicht werden können oder wollen.

Fundierte Sozialethik der Alterssicherung

Der skizzierte Wandel der Erwerbsbiographien führt demnach zu sinkenden Zahlbeträgen der gesetzlichen Rente, einer zunehmenden Ungleichheit der Rentenanwartschaften und der zunehmenden Gefahr gruppenspezifischer Altersarmut. Verstärkt wird diese Entwicklung zudem durch die allgemeine Absenkung des Rentenniveaus. Die Angst vor Altersarmut ist aufgrund alledem auch in der Mittelschicht nicht ganz unberechtigt. Die Reform der gesetzlichen Rentenversicherung ist also eine der drängendsten aktuellen Gerechtigkeitsfragen, da sie für die meisten noch immer die mit Abstand wichtigste der drei Säulen der Alterssicherung ist.

Es zeigt sich der Reflexionsbedarf darüber, wie die Alterssicherung angesichts der veränderten Erwerbs- und Lebensverläufe auszugestalten ist, und zwar eng verbunden mit der Frage, was eine „Gute Erwerbsbiografie“ als Weiterentwicklung des Ideals der „Guten Arbeit“ heute ausmacht und was die passenden sozial- und arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen für die „Normalarbeitsverhältnisse“ der 2020er Jahre sind, zu denen auch Unterbrechungen wegen Erziehung, Pflege, Weiterbildung oder Selbstständigkeit dazugehören dürfen und einer passgenauen sozialen Absicherung bedürfen. Nicht zuletzt braucht es eine fundierte Sozialethik der Alterssicherung, in deren Rahmen auch die bewährten Prinzipien der katholischen Soziallehre, Personalität, Subsidiarität und Solidarität, dem Sachbereich gemäß immer wieder neu auszubuchstabieren und auszutarieren sind.

  • Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.

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